Universität Leipzig untersucht Gewalterfahrungen ehemaliger Thomaner
Seit dem 4. November 2026 arbeitet die Stadt Leipzig gemeinsam mit einem unabhängigen Expertenteam die Gewalterfahrungen und anderen Unrechtserfahrungen ehemaliger Mitglieder des Thomanerchors seit 1945 wissenschaftlich auf. Das Forschungsprojekt ist an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig angesiedelt.
Für ehemalige Thomaner gibt es ein Online-Zeitzeugenportal. Dort können sie über ihre Zeit im Chor und im damaligen Alumnat berichten und Fragen zu ihren Erlebnissen beantworten. Die Schilderungen sollen in einem geschützten Rahmen möglich sein; wissenschaftliche Unabhängigkeit und Vertraulichkeit gegenüber den teilnehmenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gelten als zentrale Grundlagen.
Was untersucht werden soll
Im Mittelpunkt stehen Grenzverletzungen sowie körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt. Die Studie soll die Erfahrungen Betroffener sichtbar machen, ihr Leid anerkennen und ein möglichst umfassendes Bild der Leid- und Unrechtserfahrungen ehemaliger Thomaner liefern.
Es geht dabei nicht nur um einzelne Ereignisse. Untersucht werden auch die institutionellen, pädagogischen und sozialen Bedingungen, unter denen Grenzverletzungen möglich waren und Übergriffe begünstigt wurden. Dazu gehört die Frage, wie damals mit Erfahrungen und Hinweisen umgegangen wurde und welche Strukturen möglicherweise Schutz verhindert oder Aufklärung erschwert haben.
Die Ergebnisse sollen Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Geprüft und weiterentwickelt werden sollen heutige Präventions- und Schutzstrukturen im Chor, darunter der Umgang der Thomaner untereinander und mit Lehrkräften sowie das Schutzkonzept des Chores.
Forschungsteam und Begleitung
Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Heide Glaesmer, Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Zum Forschungsteam gehören außerdem der Musikwissenschaftler und Pädagoge Andreas Lueken sowie die Psychologin Doreen Hoffmann. Angesiedelt ist die Untersuchung an der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie.
Begleitet wird die Untersuchung von einer Aufarbeitungskommission. Ihr gehören ehemalige Thomaner, ein Vertreter des Leipziger Jugendamts, eine Vertreterin des Leipziger Stadtrats, ein Justiziar des Leipziger Rechtsamts und Mitarbeitende des Forschungsteams an.
Finanziert wird die Studie von der Stadt Leipzig und der Stiftung Thomanerchor. Die Stadt verweist zugleich darauf, dass die Chorzeit für viele ehemalige Thomaner mit Musik, Ausbildung, Freundschaften und Gemeinschaft verbunden war – aber eben nicht alle Erfahrungen positiv gewesen seien.
Weitere Informationen und der Zugang zum Zeitzeugenportal stehen unter www.leipzig.de/studie-thomanerchor bereit.
Der Blick auf institutionelle Verantwortung
Für die Einordnung solcher Forschung ist eine Studie zur unabhängigen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Einrichtungen relevant. Sie fragt, wie sexueller Missbrauch gerade dort möglich werden kann, wo Kinder und Jugendliche geschützt, versorgt und erzogen werden sollen.
Im Zentrum steht deshalb das Tatumfeld. Laut der Studie handelt es sich häufig nicht um die Taten isolierter Einzeltäter. Oft gibt es Mitwissende sowie aktive oder passive Unterstützerinnen und Unterstützer, Zeuginnen und Zeugen, institutionelle Ermöglichungsbedingungen und manifeste Tätersysteme.
Untersucht wurden außerdem konspirative Strukturen und Netzwerke, die Übergriffe ermöglichten, duldeten oder verdeckten. Dazu kamen Mechanismen, durch die Aufklärung verzögert, blockiert oder verhindert wurde – und die Frage, wie solche Strukturen frühzeitig erkannt und künftig verhindert werden können. Die wissenschaftliche Aufbereitung der Ergebnisse sollte auch in die Ausbildung von Fachkräften und in die Prävention einfließen.
Durchgeführt wurde diese Studie von Prof. Dr. Jens Brachmann, Professor für Allgemeine Pädagogik und Historische Wissenschaftsforschung an der Universität Rostock. Brachmann war bis September 2017 Mitglied der Kommission. Die Laufzeit reichte vom 1. Juni 2016 bis zum 31. Dezember 2018, finanziert wurde die Untersuchung aus Mitteln der Kommission.
