Regensburg, 7.10.2026 – Forschende der Universität Regensburg um Prof. Dr. Ralph Witzgall haben einen zentralen Krankheitsmechanismus des erblichen Nagel-Patella-Syndroms identifiziert und zugleich einen möglichen Therapieansatz untersucht. An der Studie war auch eine Arbeitsgruppe der Technischen Universität München beteiligt. Veröffentlicht wurde sie in Nature Communications.

Das seltene Syndrom fällt oft zuerst an den Händen und Knien auf: Fingernägel und Kniescheiben sind charakteristisch fehlgebildet. Für die Prognose wesentlich schwerer wiegt jedoch die Nierenschädigung. Sie kann bis zum vollständigen Nierenversagen fortschreiten.

Wenn ein Protein zu früh verschwindet

Als Krankheitsursache sind Mutationen im Gen LMX1B seit 1998 bekannt. Wie genau diese Veränderungen die Krankheit auslösen und ob sich daraus eine Behandlung ableiten lässt, war bislang allerdings nur unzureichend geklärt. LMX1B steuert ein genetisches Programm, das spezialisierte Nierenzellen, die Podozyten, für ihre Arbeit benötigen.

Damit das Protein funktioniert, muss es Zink binden. Bestimmte Mutationen verhindern diese Bindung und verändern dadurch die Struktur von LMX1B. Die zelluläre Qualitätskontrolle stuft das veränderte Protein als fehlerhaft ein: Es wird instabil und vorzeitig durch das Proteasom abgebaut. In den Podozyten sinkt der LMX1B-Spiegel dadurch unter eine kritische Schwelle.

Die Filterbarriere der Niere bildet sich dann fehlerhaft aus. Eiweiß gelangt in den Urin – es kommt zur Proteinurie. Genau an diesem Punkt setzte die Arbeitsgruppe an.

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Ein Krebsmedikament im Mausmodell

Untersucht wurde Bortezomib, ein bereits in der Krebstherapie zugelassener Proteasom-Hemmer. Im Mausmodell stabilisierte der Wirkstoff das mutierte LMX1B-Protein. Die Proteinurie ging signifikant zurück, zugleich stabilisierte sich die Nierenfunktion.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass den untersuchten Mutationen nicht eine veränderte Funktion von LMX1B zugrunde liegt, sondern vor allem dessen verringerte Stabilität. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied: Wird das Protein nicht grundsätzlich unbrauchbar, könnte es womöglich länger in den Zellen gehalten werden.

Eine unmittelbar verfügbare Therapie für Menschen mit Nagel-Patella-Syndrom ist Bortezomib deshalb noch nicht. Die Stabilisierung des mutierten Proteins könnte jedoch grundsätzlich dazu beitragen, die Nierenschädigung zu verhindern oder abzuschwächen. Bis daraus eine Behandlung für Betroffene wird, sind weitere Untersuchungen nötig.

Viele mögliche Anzeichen – nicht nur an Nägeln und Knien

Das Erscheinungsbild des Syndroms ist unterschiedlich. Die Kniescheiben können beidseitig unterentwickelt sein (Hypoplasie), fehlgebildet (Dysplasie) oder vollständig fehlen. An den Ellenbogen kann das Radiusköpfchen teilweise aus dem Gelenk rutschen, eine sogenannte Subluxation. Bei manchen Betroffenen finden sich beidseits zusätzliche Darmbeinstacheln, medizinisch Spinae iliacae. Auch Knochenfrakturen sind möglich.

Finger- und Zehennägel können fehlen, unterentwickelt oder dystrophisch verändert sein – etwa mit Rillen und Grübchen. Die äußerlich sichtbaren Veränderungen sind dabei nur ein Teil des Krankheitsbildes. Bei 30–50 % der Patienten ist die Nierenfunktion eingeschränkt.

Als Ursache wird eine fokale segmentale glomeruläre Ablagerung von IgM und C3 beschrieben. Typische Hinweise auf eine Nierenbeteiligung sind Proteinurie, Bluthochdruck und Hämaturie, also Blut im Urin. Bis zu 15 % der Patienten mit Nierenbeteiligung entwickeln langsam ein Nierenversagen. Außerdem können Betroffene ein Glaukom entwickeln.

Die Originalpublikation stammt von J. Hermens et al. und trägt den Titel „Proteasome inhibition alleviates proteinuria in Lmx1b knock-in mice with dysfunctional LIM domains“. Sie erschien 2026 in Nature Communications, Band 17, Artikel 9731. DOI: 10.1038/s41467-026-77485-1. Der klinische Überblick stützt sich auf Sweeney E, Hoover-Fong JE und McIntosh I: „Nail-Patella Syndrome“, GeneReviews, aktualisiert am 14. Dezember 2023.