Am 19. Mai 2026 berichtet die Universitätsbibliothek Bielefeld über einen innovativen Ansatz im Umgang mit Büchern, die unter Verdacht stehen, als NS-Raubgut erlangt worden zu sein. Diese Entwicklung markiert einen bedeutenden Schritt in der Provenienzforschung und unterstreicht das wachsende Bewusstsein für die Notwendigkeit, kulturelles Erbe auf seine rechtmäßige Herkunft zu überprüfen.
Die Bibliothek hat ein Verfahren zur Erfassung, Kennzeichnung und Systematisierung verdächtiger Titel entwickelt. Bislang wurden über 400 Bücher, die möglicherweise unrechtmäßig entnommen wurden, händisch erfasst. Rund 360 dieser Titel gelten als Kulturgutverluste, von denen etwa 120 als NS-Raubgut klassifiziert werden.
Schrittweise Vorgehensweise
Ein entscheidender Moment in diesem Prozess war die Entdeckung eines Buches durch einen Geschichtsstudierenden im Jahr 2023, das deutliche Hinweise auf eine unrechtmäßige Entnahme während der Nationalsozialismus-Ära aufwies. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie wichtig die sorgfältige Forschung und Dokumentation in Bibliotheken ist.
Die erfassten Bücher werden im digitalen Bibliothekskatalog mit dem Vermerk „Verdacht NS-Raubgut“ geführt und erhalten eine Ausleihsperre. Anschließend werden sie an ihren ursprünglichen Regalplatz zurückgebracht. Dies ermöglicht nicht nur eine transparente Auffindbarkeit, sondern fördert auch die Recherche in Bezug auf das kulturelle Erbe im NS-Kontext. Die Lost Art-Datenbank spielt hierbei eine zentrale Rolle.
Zusammenarbeit und Herausforderungen
Die Koordinationsstelle für Provenienzforschung in Nordrhein-Westfalen hat der Universitätsbibliothek Bielefeld einen sehr guten Umgang mit verdächtigen Büchern bescheinigt. Dies ist eine wichtige Bestätigung für die Bemühungen der Bibliothek, die mit dem Umgang solcher sensibler Bestände verbundenen Herausforderungen zu meistern. Dennoch bleibt es eine Herausforderung, die gelisteten Verdachtsfälle weiter zu verfolgen und systematisch aufzuarbeiten.
Mit dieser Initiative zeigt die Universitätsbibliothek Bielefeld, wie Bildungseinrichtungen eine proaktive Rolle im Umgang mit ihrer Sammlung übernehmen können. Die Ergebnisse ihrer Arbeit könnten nicht nur für die Bibliothek, sondern auch für andere Institutionen ein Modell sein, um ähnliche Verdachtsfälle zu identifizieren und zu dokumentieren. Die sorgfältige Untersuchung von Provenienzfragen ist ein wesentlicher Bestandteil der Aufarbeitung der Geschichte und des Respekts gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus.