Verena Meier erhält Preis für herausragende Forschung zum Völkermord
Verena Meier, eine junge Wissenschaftlerin an der Universität Heidelberg, hat mit ihrer Dissertation über den Völkermord an Sinti und Roma während des Nationalsozialismus neue Akzente in der Forschung gesetzt. Im Jahr 2024 abgeschlossen, beleuchtet ihre Arbeit den Genozid am Beispiel der Stadt Magdeburg und betrachtet das Verbrechen aus einer geschlechterhistorischen Perspektive. Meier hat sich intensiv mit der Aufarbeitung der Verfolgung nach 1945 auseinandergesetzt und dabei Akten aus über 30 deutschen und internationalen Archiven ausgewertet, um die polizeilichen Verfolgungspraktiken zu rekonstruieren. Ihre Dissertation trägt den Titel „Kriminalpolizei und Völkermord“, in der sie aufzeigt, wie antiziganistische Denk- und Handlungsmuster über verschiedene politische Systeme hinweg überdauerten, wie uni-heidelberg.de berichtet.
Die Verfolgung von Sinti und Roma während des Nationalsozialismus war nicht nur vergleichbar mit der Shoa, sondern wurde bereits ab 1937 durch den Beginn der Internierung in speziellen „Zigeunerlagern“ eingeleitet. Der Zentralisierung dieser Verfolgung diente der Himmler-Erlass vom 8. Dezember 1938, der die Bekämpfung von „Zigeunern“ als notwendig ansah. Basis dieser rassistischen Verfolgung waren rassenanthropologische und -hygienische Kategorien, die eine systematische Erfassung und spätere Deportationen vorbereiteten, wie in wikipedia.org dokumentiert. Historiker schätzen, dass mindestens 100.000 Roma im Zuge dieser Verfolgung ermordet wurden.
Forschung und Auszeichnungen
Meier wurde für ihr Engagement in der Wissenschaftskommunikation mit dem Dan-David-Preis ausgezeichnet, der 2001 ins Leben gerufen wurde und seinen Sitz an der Universität Tel Aviv hat. Die Auszeichnung wurde 2021 neu ausgerichtet, um insbesondere die historische Forschung zu würdigen. Jährlich werden bis zu neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geehrt. Die Preisverleihung fand erst kürzlich, Anfang Juni, in Italien statt.
Aktuell arbeitet Meier an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg an einem Postdoc-Projekt, das die Verflechtungen von Antiziganismus, Antisemitismus und Kolonialrassismus fokussiert. Ihr Vorhaben ist Teil der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa“. Ab Januar 2025 wird sie als Gastwissenschaftlerin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin forschen.
Historischer Kontext der Verfolgung
Die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma führte zu einem Völkermord, dessen Dimensionen in der Geschichte oft marginalisiert wurden. Ab 1939 wurden Roma in Sammellagern festgehalten, viele unter katastrophalen Bedingungen. Himmler ordnete 1942 die Selektion dieser Menschen in Konzentrationslager an. Im „Zigeunerfamilienlager“ Auschwitz starben über 19.300 von 22.600 Häftlingen aufgrund von Hunger, Krankheiten und Misshandlungen, wie das Deutsche Historische Museum in dhm.de berichtet.
Die Deportationen begannen im September 1939, und im März 1943 wurden über 20.000 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Die trotzdem fortbestehenden Widerstandsaktionen, wie die Barrikadierung der Baracken im Zigeunerlager am 16. Mai 1944, verdeutlichen den verzweifelten Kampf ums Überleben. Doch der Höhepunkt der Verfolgung stellte sich in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als fast 3.000 Männer, Frauen und Kinder in den Gaskammern ermordet wurden.
Die Dokumentation und erinnerungskulturelle Auseinandersetzung mit der Geschichte des Völkermords an den Roma ist von zentraler Bedeutung, um die Langzeitfolgen des Antiziganismus zu verstehen, der bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Die Bundesregierung erkannte den Völkermord an den Sinti und Roma erst 1982 an, was die Dringlichkeit von Forschungsinitiativen wie der von Verena Meier unterstreicht.
