Wahre Kosten auf dem Teller: Warum vegane Preise im Stadion den Unterschied machen könnten
Ein Rabatt kann erstaunlich schnell Bewegung in eine Schlange bringen. Beim Schlussverkauf eines Lebensmittelmarktes in Mainz wurde beobachtet, wie die gesenkten Preise das Kaufinteresse ankurbelten. Dahinter könnten die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin und der menschliche Impuls stecken, wertvolle Ressourcen möglichst günstig zu sichern.
Beim Mainz-05-Auswärtsspiel auf Schalke gab es am Samstag im Rahmen des „Nachhaltigkeitsspieltachs“ 19,04 Prozent Rabatt auf vegane Speisen. Im Auswärtsblock waren die pflanzlichen Produkte bald ausverkauft. Ein niedriger Preis, so die naheliegende Schlussfolgerung, kann die Bereitschaft erhöhen, vegane Gerichte zumindest einmal zu probieren. Und wenn die Pommes nebenbei noch heiß durch die Pappschale dampfen, fällt die Entscheidung vielleicht leichter.
Vegane Bratwurst zum gleichen Preis?
Bei Mainz 05 kosten vegane Bratwurst, veganes Schnitzel, Pommes und Wedges derzeit genauso viel wie die jeweiligen Fleischprodukte. Fleischkäse ist dort sogar günstiger als die pflanzlichen Alternativen. Wer also im Stadion vor der Ausgabetheke steht, bekommt bislang keinen grundsätzlichen Preisvorteil für die vegane Variante.
Das passt nur bedingt zum öffentlichen Engagement des Vereins. Mainz 05 wirbt seit Jahren für Umweltschutz und veranstaltet aktuell eine „05er Klimaverteidiger-Woche“. Dauerhaft günstigere vegane Speisen könnten den Preisvorteil pflanzlicher Ernährung direkt an die Fans weitergeben. Steigt dadurch die Nachfrage, könnte außerdem der CO₂-Fußabdruck pro verkauftem Gericht sinken. Ein dauerhafter Rabatt wäre damit zumindest ein möglicher Beitrag zum Klimaschutz – kein Zaubertrick, aber ein ziemlich greifbarer Hebel im Stadioncatering.
Beim Kauf einer klassischen Fleisch-Bratwurst werden die gesellschaftlichen und ökologischen Folgeschäden der Fleischproduktion nicht vollständig berücksichtigt. Genau hier setzt die Diskussion um die „wahren Kosten“ an.
Was im Preiszettel fehlt
Eine Studie der Universität Augsburg untersuchte im Auftrag der Schweisfurth-Stiftung und von Tollwood München die bislang nicht eingepreisten Kosten der Lebensmittelproduktion. Berücksichtigt wurden externe Kosten aus Klima-, Umwelt- und Gesundheitsfolgen. Untersucht wurden unter anderem Treibhausgase, Stickstoffdünger, Energieverbrauch und Landnutzung.
Konventionell erzeugtes Fleisch verursacht laut der Studie die größten Schäden. Um diese Folgekosten abzubilden, müsste konventionelles Fleisch 173 Prozent teurer sein. Pflanzliche Lebensmittel wie Kartoffeln schneiden deutlich besser ab: Hier werden 12 Prozent zusätzliche Kosten genannt. Auf Erzeugerebene wäre Fleisch nach den Studienergebnissen etwa dreimal so teuer, Milchprodukte etwa doppelt so teuer.
Dr. Tobias Gaugler von der Universität Augsburg erklärte, dass derzeit weder Landwirtschaft noch Konsumenten für viele negative Folgen der Lebensmittelproduktion aufkommen. Dadurch entstehe eine Preis- und Marktverzerrung, die ökonomisch als Marktversagen bezeichnet werde. Aus der Studie ergibt sich deshalb ein Bedarf an wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Nach dem Verursacherprinzip der UN, dem „polluter pays principle“, müssten insbesondere Produkte aus konventioneller Nutztierhaltung in Deutschland deutlich teurer sein als derzeit.
Die Rechnung bleibt allerdings kompliziert. Forschende der Universitäten Augsburg und Greifswald berechneten für ausgewählte Penny-Produkte mögliche externe Kosten. Grundlage war eine Studie von 2018; die Berechnungen wurden für die Rewe-Gruppe aktualisiert und erweitert. Pro Kilogramm wurden beispielhaft etwa 0,12 Euro zusätzliche Kosten für Bioäpfel und etwa 0,17 Euro für konventionelle Äpfel angesetzt. Bei Biogouda waren es 3,26 Euro, bei konventionellem Gouda 4,38 Euro. Konventionelles gemischtes Hackfleisch kam auf 9,67 Euro, Biohackfleisch auf 11,58 Euro.
Diese Werte sind Annäherungen und hängen von den einbezogenen Faktoren und den verwendeten Kostensätzen ab. Verschiedene Studien kommen deshalb zu unterschiedlichen Ergebnissen. Mal geht es stärker um Wasser, mal um Landnutzung, Pestizide oder Klimagase.
Die Rechnung landet oft bei allen
Viele Umwelt-, Klima- und Gesundheitsschäden tauchen an der Supermarktkasse gar nicht auf. Stickstoff kann Böden, Luft und Trinkwasser belasten. Nitrat aus Dünger gelangt ins Grundwasser; um Grenzwerte einzuhalten, muss Wasser teilweise gereinigt oder mit unbelastetem Wasser gemischt werden. In Hessen musste die Gemeinde Hauneck wegen zu hoher Nitratbelastung im Tiefbrunnen Rotensee ab 2003 Wasser aus Bad Hersfeld beimischen. Die Wasserleitung kostete rund 370.000 Euro, dazu kommen laufende Gebühren.
Treibhausgase aus Tierhaltung und Düngung verstärken die Klimakrise und können Schäden durch Überschwemmungen, Waldbrände und Stürme verursachen. Schadstoffe aus der Verbrennung von Öl, Gas und Diesel können Krankheiten auslösen und das Gesundheitssystem belasten. Werden Naturflächen für zusätzliche Agrarflächen umgewandelt, wird gespeichertes CO₂ freigesetzt; zugleich können Schutzmaßnahmen gegen Überschwemmungen nötig werden. Bezahlt wird vieles davon nicht von der einzelnen Mahlzeit, sondern von der Allgemeinheit – über Steuern, Wasserpreise und Krankenkassenbeiträge.
Die Folgen sind zudem global ungleich verteilt. Menschen in ärmeren Regionen, etwa in Bangladesch oder Kalifornien, können stärker von häufigeren Überschwemmungen und Waldbränden betroffen sein, obwohl die verursachenden Lebensmittel in Deutschland konsumiert werden. Laut IPCC könnten Dürren besonders im südlichen Afrika und in der Mittelmeerregion länger und häufiger werden. Eine unsicherere Nahrungsmittelversorgung trifft arme Menschen besonders stark.
Fleisch bringt mehrere Belastungsfaktoren zusammen: Stickstoffemissionen beim Futtermittelanbau, Energieverbrauch in Ställen und Treibhausgase aus der Verdauung von Tieren. Eine Trucost-Studie im Auftrag der FAO berechnete für europäische Lebensmittel zusätzliche Kosten pro Kilogramm von 9,34 Euro für Rindfleisch, 5,33 Euro für Schweinefleisch, 1,03 Euro für Weizen und 0,71 Euro für Mais.
Bio ist nicht automatisch die einfache Antwort
Ökologischer Pflanzenbau verursacht häufig geringere externe Kosten, weil Ammonium- und Nitratdünger im Bioanbau verboten sind. Beim Weizenanbau fallen die Ergebnisse aber ebenfalls unterschiedlich aus: Laut FAO-Studie verursacht konventioneller Weizenanbau in Deutschland pro Tonne rund 995,85 Euro mehr externe Kosten als Bioanbau, wobei die Wasserverschmutzung den größten Anteil hatte. Eine IÖW-Studie, die nur Treibhausgasemissionen berücksichtigte, kam auf 223 Kilogramm CO₂-Äquivalente mehr pro Tonne konventionellem Winterweizen. Mit UBA-Kostensätzen entspräche das 40,14 Euro zusätzlichen Kosten.
Bei Penny lagen die externen Kosten konventioneller Produkte meist höher. Ausnahmen bildeten Tomaten und gemischtes Hackfleisch, bei denen die Bio-Variante etwas höhere externe Kosten aufwies. Bei Biofleisch kann das unter anderem daran liegen, dass Tiere langsamer wachsen, länger gehalten werden und dadurch länger Energie verbrauchen und Treibhausgase ausstoßen.
Das zeigt sich in einer Beispielrechnung: 500 Gramm konventionelles Hackfleisch kosten 2,79 Euro, mit externen Kosten wären es 7,63 Euro. 500 Gramm Biohackfleisch liegen bei 4,50 Euro und mit externen Kosten bei 10,30 Euro. Der Preisabstand verändert sich dadurch trotzdem: Das Verhältnis sinkt von etwa 1,6 auf etwa 1,3.
Auch die Methode macht einen Unterschied. Der Schadenskostenansatz bewertet bereits entstandene Schäden oder notwendige Anpassungen. Der Vermeidungskostenansatz berechnet, was es kosten würde, Emissionen zu vermeiden oder anderweitig einzusparen. Manche Folgen lassen sich wegen unzureichender Daten kaum in Geld ausdrücken – etwa Antibiotikaeinsatz oder soziale Folgen wie die Ausbeutung von Arbeitskräften. Die Zuordnung einzelner Kosten zu einzelnen Produkten macht komplexe systemische Zusammenhänge außerdem künstlich individuell.
Biofleisch ist unter anderem wegen des kleineren Marktes und der Vermarktung verschiedener Tierteile teurer. Nur bestimmte Stücke erzielen Bio-Preise; andere Teile werden etwa zu Tierfutter oder Seife verarbeitet. Eine stärkere politische Förderung der ökologischen Landwirtschaft könnte Bio-Produkte günstiger machen.
Was im Stadion möglich wäre
Die tatsächlichen Umweltkosten direkt an der Supermarktkasse oder an der Stadiontheke zu berechnen, ist
