Berlin, 14. Oktober 2026. An der FU Berlin ist die politische Lage der Grünen gerade ein ziemliches Wechselbad: Im Bundestag sitzen sie mit 85 von 630 Abgeordneten als zweitgrößte Oppositionsfraktion, in aktuellen Umfragen kommen sie im Mittel auf 15,1 Prozent und liegen damit auf Platz drei. Regieren im Bund dürfen sie seit dem Ende der Regierung von Olaf Scholz im Mai 2025 nicht mehr. Der Blick auf die Partei seit der Bundestagswahl 2025 zeigt also beides: verlorene Stimmen und neue Beweglichkeit.

Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 erhielten die Grünen 11,6 Prozent der Zweitstimmen. 2021 waren es noch 14,7 Prozent – das bislang beste Bundestagswahlergebnis der Partei. Das monatliche Mittel der Sonntagsfragen stieg anschließend von 11,7 Prozent im März 2025 auf 15,2 Prozent im September/Oktober 2026. Rund 3,5 Prozentpunkte legten die Grünen seit März 2025 zu; die Werte schwankten dabei zwischen 11,2 und 15,2 Prozent.

Führung, Mitglieder und ein Umbau der Partei

Franziska Brantner und Felix Banaszak führen die Partei seit November 2024. Stellvertretende Bundesvorsitzende sind Sven Giegold und Heiko Knopf. Pegah Edalatian ist seit Juli 2026 Generalsekretärin; zuvor hieß das Amt „Politische Bundesgeschäftsführerin“. Bundesschatzmeisterin ist Gesine Märtens, die im November 2025 nachgewählt wurde. Die Bundestagsfraktion führen Katharina Dröge und Britta Haßelmann bereits seit Dezember 2021. Einen Wechsel im Partei- und Fraktionsvorsitz gab es seit der Bundestagswahl 2025 nicht.

Omid Nouripour ist seit dem 25. März 2025 Vizepräsident des Bundestages. Er folgte Katrin Göring-Eckardt. Die reguläre Wahl des Bundesvorstands fand zuletzt im November 2024 statt; laut dem vorliegenden Artikel dauert die Amtszeit zwei Jahre. Auf dem Parteitag im November 2025 in Hannover wurden außerdem Nachwahlen zum Bundesvorstand und zum Parteirat abgehalten.

Beim Mitgliederstand klingt die Entwicklung zunächst nach kräftigem Rückenwind: Zum Jahreswechsel 2025/26 meldeten die Grünen 183.761 Mitglieder, 18,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, als 155.296 Menschen der Partei angehörten. Ende 2017 waren es laut Oskar Niedermayer 65.065. Eine bundesweite Mitgliederzahl für 2026 lag zum Zeitpunkt der Betrachtung noch nicht vor. In Berlin sah die Kurve allerdings anders aus: Der Landesverband hatte am 30. Juni 2026 17.513 Mitglieder, rund 600 beziehungsweise 3,4 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

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In einer Urabstimmung stimmten die Mitglieder über 17 Satzungsänderungen ab, alle Vorschläge wurden angenommen. Die Beteiligung lag bei rund 35 Prozent. Einzelmitglieder brauchen künftig Unterstützerunterschriften von 0,05 Prozent der Mitglieder – laut Artikel derzeit gut 90 statt bisher 50. Die Hälfte dieser Unterstützerinnen und Unterstützer muss weiblich sein. Gerade diese Regel bekam mit 51,5 Prozent die geringste Zustimmung. Ortsverbände dürfen künftig keine Anträge mehr stellen, die Trennung von Amt und Mandat wird für den Parteivorstand leicht gelockert und die Politische Bundesgeschäftsführung heißt künftig „Generalsekretär/in“. Kritiker halten Satzungsänderungen per Urabstimmung für rechtlich unzulässig; ein weiterer Rechtsstreit ist laut Artikel möglich.

Wahlen: Zwischen Stuttgart und Ostseeküste

In Baden-Württemberg wurden die Grünen bei der Landtagswahl am 8. März 2026 mit 27.279 Stimmen Vorsprung vor der CDU stärkste Kraft. Cem Özdemir hatte schon im Oktober 2024 angekündigt, als Spitzenkandidat die Nachfolge von Winfried Kretschmann anzustreben. Für den Bundestag kandidierte Özdemir 2025 nicht erneut; in seinem Wahlkreis Stuttgart II gewann er 47,9 Prozent der Erststimmen. Bei der Landtagswahl erhielten Grüne und CDU jeweils 56 Sitze.

Nach Sondierungen und Koalitionsverhandlungen im März und April 2026 unterzeichneten beide Parteien einen Koalitionsvertrag. Die CDU bekam ein Ministerium mehr und stellte mit Thomas Strobl den Landtagspräsidenten. Am 13. Mai 2026 wählte der Landtag Özdemir mit 93 Ja-Stimmen, 26 Nein-Stimmen und vier Enthaltungen zum Ministerpräsidenten. Die grün-schwarze Koalition verfügt über 112 Sitze. Laut ZDF ist Özdemir der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln. Er sprach sich zudem für eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zu einem möglichen AfD-Verbotsverfahren aus, die nach den nächsten Landtagswahlen beginnen soll.

Rheinland-Pfalz verlor im Mai 2026 nach zehn Jahren die Grünen in der Ampel-Koalition. In Sachsen-Anhalt steigerten sie sich dagegen auf 8,9 Prozent, nach 5,9 Prozent im Jahr 2021. Das endgültige Ergebnis wurde am 22. September 2026 festgestellt; an der Sitzverteilung gegenüber dem vorläufigen Ergebnis änderte sich nichts.

Am 20. September 2026 wurde in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. In Berlin kamen die Grünen nach dem vorläufigen Ergebnis auf 14,3 Prozent, 2023 waren es 18,4 Prozent. Sie erhielten 26 Sitze. Zusammen mit Linken und SPD wären 95 von 158 Sitzen möglich; ein Bündnis aus CDU und SPD käme auf 82 Sitze. Das endgültige Berliner Ergebnis sollte am 12. Oktober 2026 festgestellt werden.

In Mecklenburg-Vorpommern zogen die Grünen mit 5,7 Prozent und fünf Sitzen erneut in den Landtag ein, 2021 waren es 6,3 Prozent. SPD, Linke und Grüne verfügten rechnerisch über 39 von 71 Sitzen. Das endgültige Ergebnis vom 30. September 2026 bestätigte diese Zahlen. Franziska Brantner forderte am Tag nach den Wahlen eine Korrektur des Reformkurses der Bundesregierung: „Reformen müssen auch gerecht sein.“

In Berlin lud die Linke nach einem Parteitagsbeschluss vom 25. September Grüne und SPD zu Sondierungen ein, die Grünen stimmten zu. In Mecklenburg-Vorpommern sondierten SPD, Linke und Grüne seit dem 28. September über eine gemeinsame Regierung. Die Grünen-Landesvorsitzende Katharina Horn kündigte dort aus beruflichen Gründen ihren Rücktritt vom Landesvorsitz an.

Wo die Grünen regieren – und wo sie vorne liegen

Zum Stand 1. Oktober 2026 waren die Grünen an sieben Landesregierungen beteiligt: In Baden-Württemberg regiert seit dem 13. Mai 2026 Cem Özdemir in einer Koalition mit der CDU. Bremen führt Andreas Bovenschulte (SPD) in einer Koalition aus SPD, Grünen und Linken, die seit dem 5. Juli 2023 besteht. In Hamburg regiert Peter Tschentscher (SPD) seit dem 7. Mai 2025 mit den Grünen, in Niedersachsen Olaf Lies (SPD) seit dem 20. Mai 2025 ebenfalls mit ihnen. Nordrhein-Westfalen wird von Hendrik Wüst (CDU) in einer CDU-Grünen-Koalition seit dem 29. Juni 2022 geführt, Schleswig-Holstein von Daniel Günther (CDU) in einer solchen Koalition seit dem 29. Juni 2022.

In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern liefen nach den Wahlen vom 20. September 2026 Sondierungen mit SPD und Linken. Rheinland-Pfalz zählt seit Mai 2026 nicht mehr zu den Ländern mit grüner Regierungsbeteiligung.

Eine Auswertung von wahlergebnisse.io setzt noch eine andere Lupe an: Bei der jeweils letzten Landtagswahl waren die Grünen in einem von 16 Bundesländern stärkste Partei, in acht von 401 Kreisen und bei der Bundestagswahl 2025 in 40 von 10.648 Gemeinden. Als „stärkste Partei“ gilt jeweils die Partei mit dem höchsten Stimmenanteil. Für die Länder wurden amtliche Ergebnisse der jeweils letzten Landtagswahl verwendet, für Kreise und Gemeinden die Zweitstimmen der Bundestagswahl 2025 laut Bundeswahlleiterin.

Auf der Darstellung werden Gebiete grün eingefärbt, wenn die Grünen dort vorne liegen; je höher der Stimmenanteil, desto dichter die Farbe, wobei der höchste Anteil vollständig eingefärbt wird. Die Länderkarte und die Kreis- beziehungsweise Gemeindekarte beruhen allerdings auf unterschiedlichen Wahlen: hier Landtagswahlen aus verschiedenen Jahren, dort eine einheitliche Bundestagswahl. Verschiedene Kandidaten, Themen und Wahlbeteiligungen können deshalb zu unterschiedlichen Bildern