Wenn Chatbots mitentscheiden: Warum wir Unsicherheit wieder aushalten müssen
Wer heute ein Restaurant auswählt, öffnet oft zuerst das Smartphone. Nur etwa drei Prozent der 1002 US-Amerikaner, die für eine BrightLocal-Verbraucherstudie befragt wurden, gehen laut dem Artikel ohne vorherige Bewertungen in ein Lokal. Die Mehrheit liest Rezensionen und sortiert Restaurants nach ihrer Sternebewertung aus.
Das klingt praktisch, verändert aber unseren Alltag. Digitale Angebote machen selbst kleine Entscheidungen zunehmend zu Recherche- und Optimierungsprozessen: Welcher Kaffee ist am günstigsten, welches Restaurant am besten, welcher Weg am schnellsten? Der Zufall, früher ein ganz selbstverständlicher Begleiter, wird dabei immer weiter zurückgedrängt.
Vom Kinoplakat zur komplett geplanten Vorstellung
Wie stark sich das verändert hat, zeigt der Blick auf Kinobesuche vor den 2000er-Jahren. Oft kannten Besucher nur das Filmplakat. Die Sitzplätze wurden erst an der Kinokasse ausgewählt. Heute schaut man Trailer und Kritiken, reserviert den gewünschten Platz und legt gleich fest, ob der Film in Originalsprache laufen soll und welche Sitzposition passt. Spontan noch schnell ins Kino? Geht natürlich – fühlt sich aber fast schon wie ein kleines Risiko an.
Carina Remmers, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der HMU in Potsdam, beobachtet ein wachsendes Bedürfnis nach Kontrolle und Optimierung. Hinter dem Wunsch, jede Entscheidung möglichst gut abzusichern, steckt laut Remmers auch die Angst, eine falsche Wahl zu treffen.
Eine Studie der Carnegie Mellon University aus dem Jahr 2007 untersuchte Entscheidungsstile, Entscheidungskompetenz und das persönliche Lebensgefühl. Menschen, die stets die absolut beste Option suchten, trafen demnach nicht unbedingt bessere Entscheidungen. Sie berichteten häufiger von Reue, Unsicherheit und negativen Lebenserfahrungen. Wer sich mit einer „gut genug“-Option zufriedengab, entschied laut der Studie meist kompetenter und war im Rückblick zufriedener.
Genau diese Haltung fehlt heute häufig, sagt Remmers: dass etwas eben „gut genug“ sein kann. Ein Kinobesuch oder Restaurantbesuch müsse sich gut anfühlen, könne aber nicht immer objektiv die beste Wahl sein. Viele Menschen gingen fälschlicherweise davon aus, dass es für jede Situation eine eindeutig richtige oder falsche Entscheidung gebe.
Wenn der Chatbot gleich mitentscheidet
Chatbots erleichtern den Zugang zu scheinbar perfekten Lösungen. Auch bei komplexen Problemen liefern sie fertige Vorschläge. Laut Ipsos nutzt jeder zweite Deutsche KI-Chatbots als Ratgeber im Alltag, unter anderem zur Entscheidungsfindung. Bei den 18- bis 34-Jährigen, insbesondere bei Generation Z und Millennials, liegt der Anteil laut Artikel sogar bei 84 Prozent.
Remmers zufolge stimmen Menschen Aussagen schneller zu, wenn sie einfach zu verarbeiten sind. Logisch klingende KI-Antworten werden dadurch leichter übernommen – und Entscheidungen wandern ein Stück weit aus der eigenen Hand. Die starke Orientierung an externen Kriterien und Bewertungen könne unfrei und abhängig machen.
Wer nicht mehr aushält, dass eine Entscheidung suboptimal ausfällt, kann an Resilienz verlieren. Unerwartete persönliche oder globale Krisen könnten dann schneller überfordern. Eine wichtige Fähigkeit heißt in diesem Zusammenhang Ambiguitätstoleranz: Unsicherheit, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche auszuhalten und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Fehlt sie, kann langfristig starres Schwarz-Weiß-Denken entstehen. Sie hilft dagegen, sich auch in nicht optimalen Situationen zurechtzufinden und negative Gefühle im Umgang mit Unsicherheit auszuhalten.
In einer eigenen Studie untersuchte Remmers 2024 mit ihrem Team den Einfluss verschiedener Entscheidungsstile auf die Stimmung. Personen, die aus dem Bauch heraus entschieden, fühlten sich danach meist besser als nach rein kopfgesteuerten Entscheidungen und setzten ihre Wahl häufiger um.
Leichtfertigkeit ist damit nicht gemeint. Das Bauchgefühl beruht laut Remmers auf Erfahrungen. Das Gehirn verarbeitet den persönlichen Erfahrungsschatz unbewusst und entwickelt daraus Entscheidungen, die sich stimmig anfühlen. Es geht also nicht darum, weniger nachzudenken, sondern darum, nicht jede Unsicherheit vollständig beseitigen zu wollen. Manchmal reicht ein Restaurant, das okay aussieht. Oder ein Sitzplatz, der noch frei ist.
Neue Forschung zu Chatbots und psychischen Problemen
Wie heikel die Nutzung werden kann, zeigt ein am 25. August 2026 veröffentlichter Übersichtsartikel in npj Digital Medicine. Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen untersuchten darin die Risiken von KI-Chatbots bei Gesprächen über persönliche und psychische Probleme. Für die Untersuchung wurden mehr als 3.100 Veröffentlichungen gesichtet und 119 Arbeiten detailliert ausgewertet.
Die Risiken teilten die Forschenden in fünf Kategorien ein: direkte psychische und psychiatrische Gefahren, etwa bei Suizidalität; Risiken für Verhalten und Beziehungen, beispielsweise emotionale Bindungen an Chatbots; Gefahren für Denkvermögen und Bildung, etwa kognitive Abhängigkeit; Sicherheitsrisiken durch Fehlverhalten der Chatbots, darunter Fehlinformationen; sowie strukturelle und systemische Risiken wie Datenschutzprobleme.
Besonders thematisiert werden eine mögliche Verringerung der Fähigkeit zum kritischen Denken, wenn Chatbots als Denk- und Lernhilfe genutzt werden, die Gefahr emotionaler Abhängigkeit und sogenannte KI-assoziierte Psychosen. Der Einsatz bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen oder in Krisensituationen wird als besonders kritisch beschrieben. Dort könnten die Grenzen zwischen hilfreicher Unterstützung und einer Verstärkung bestehender Probleme verschwimmen.
Die Autor:innen betonen, dass die Grenzen und Risiken wegen der niedrigschwelligen Nutzungsmöglichkeiten genauer untersucht werden müssen. Weitere Forschung sei erforderlich, um KI-Anwendungen im Bereich der psychischen Gesundheit sicher weiterzuentwickeln. Die Originalpublikation trägt den Titel „A scoping review on the mental health harms of LLM-based chatbots“ und erschien in npj Digital Medicine.
Was daraus für digitale Gesundheit folgt
Am Ort HMU berührt die Debatte ein Feld, das längst über Chatfenster und Sternebewertungen hinausgeht. Der Masterstudiengang „Digital Health Management“ behandelt digitale Gesundheit in fünf Bereichen: Digitalisierung in Pflege und Medizin, Ethik und Recht der Digitalisierung, Digitalpolitik in Deutschland, der EU und weltweit, Ökonomie der Digitalisierung sowie Entwicklung und Anwendung digitaler Technologien.
Studierende erwerben dort technologisches Know-how und Managementkompetenzen. Theorie und Praxis werden eng miteinander verknüpft; die Lehrenden sind in der Versorgungspraxis tätig. Erlernte Inhalte können direkt im beruflichen Kontext angewendet werden – nicht erst irgendwann, wenn die Theorie ordentlich verstaubt ist.
Über Wahlpflichtfächer lassen sich zwei Themenbereiche vertiefen: Intelligente Assistenzsysteme, Digitale Gesundheitsanwendungen, Gerontotechnologie, Künstliche Intelligenz und Modellierung, Digitale Pflege und Pflegerobotik sowie Compliance und Risikomanagement.
Der Studiengang soll dazu befähigen, Veränderungsprozesse im Gesundheitswesen zu planen, zu moderieren, umzusetzen und zu kontrollieren. Mögliche Einsatzfelder liegen an der Schnittstelle von Medizin, Pflege, IT und Management. Ausführliche Modulbeschreibungen sind in einem Studiengang-Studienheft im Downloadcenter verfügbar.
