Wie Coppenrath & Wiese die Sahnetorte tiefkühlfest machte
Wer heute in Leipzig ein Stück Sahnetorte aus dem Tiefkühlfach holt, denkt vermutlich nicht zuerst an Physik. Eher an Kaffee, Teller – und daran, ob noch ein zweites Stück drin ist. Dabei war genau diese Torte bis in die 1970er-Jahre ein industrielles Problem: Sahne flockt beim Einfrieren und Auftauen aus, wird wässrig und verliert ihre cremige Konsistenz.
1974 entwickelten Aloys Coppenrath und sein Cousin Josef Wiese deshalb die Idee, Konditoreiwaren tiefgekühlt zu verkaufen. Die Torten sollten industriell hergestellt, schockgefrostet und zu Hause aufgetaut werden. Wiese, Konditormeister und technisch interessiert, hatte nach dem frühen Tod seines Vaters die elterliche Konditorei übernommen. Dort tüftelte er an Maschinen und Verfahren, mit denen sich Sahne kontinuierlich aufschlagen und gleichbleibend verarbeiten ließ.
Das „sahnige Geheimnis“
Der entscheidende Effekt: Die Sahne blieb stabil und cremig. Wie genau das Verfahren funktioniert, verrät das Unternehmen bis heute nicht und nennt es sein „sahniges Geheimnis“. Fest steht, dass die fertig gebackenen Torten direkt nach der Herstellung in kurzer Zeit schockgefrostet werden.
Beim schnellen Einfrieren entstehen kleinere Eiskristalle als beim langsamen Gefrieren. Dadurch bleiben Struktur, Feuchtigkeit und Cremigkeit der Sahne weitgehend erhalten. Erst das Zusammenspiel aus Sahneverfahren und Schockfrosten machte Tiefkühltorten für die Massenproduktion geeignet. Klingt nüchtern, ist für die Kuchengabel aber ein ziemlich großer Unterschied.
1975 gründeten die Cousins Coppenrath & Wiese in einer umgebauten Molkerei. Aloys Coppenrath stammte aus Groß Hesepe, Josef Wiese aus Mettingen. Die Produktion von Tiefkühltorten begann mit 35 Mitarbeitenden in einer ehemaligen Molkerei in Westerkappeln. Als erstes Produkt kam die „Wiener Platte“ auf den Markt – sechs verschiedene Sahnetortenstücke in einer Packung.
Das Sortiment wuchs: Schwarzwälder Kirschtorte, weitere Kuchen, Desserts, Tiefkühlbrötchen und Aufback-Strudel kamen hinzu. Seit 1997 produziert das Unternehmen Tiefkühlbrötchen unter dem Namen „Unsere Goldstücke“. Mit der Produktlinie „Kleiner Augenblick“ erschloss Coppenrath & Wiese 2011 den Dessertmarkt. Das Aushängeschild blieb die Schwarzwälder Kirschtorte; erfolgreichstes Produkt war 2016 die Meistertorte „Mandel-Bienenstich“.
Von Westerkappeln nach Mettingen
1992 nahm eine neue Produktionsanlage in Mettingen den Betrieb auf, während zunächst ein kleiner Bereich in Westerkappeln blieb. 1996 übernahm das Unternehmen Backfrost Caldino in Ellingstedt. Dieser Standort wurde am 31. März 2002 aufgegeben. Ein Jahr später verlagerte Coppenrath & Wiese die gesamte Produktion von Westerkappeln nach Mettingen und schloss den dortigen Standort.
Zum Unternehmen gehören heute ein Tiefkühlgroßlager und eine eigene Spedition im Osnabrücker Stadtteil Atter. Von dort aus werden die Produkte europaweit vertrieben. Seit 2005 exportiert Coppenrath & Wiese Tiefkühltorten und Kuchen in die USA, seit 2010 auch nach Australien. Verkauft wird unter der Herstellermarke Coppenrath & Wiese, der Zweitmarke „Grotemeyer’s Konditorei“ sowie für verschiedene Handelsmarken.
2003 rief das Unternehmen bundesweit ein Tortenprodukt zurück, nachdem ein elfjähriges Mädchen kurz nach dem Verzehr einer Sahnetorte gestorben war. Staatliche Laboruntersuchungen bestätigten anschließend keine vermutete bakterielle Verunreinigung. Ein schwerer Vorgang, der in der Unternehmensgeschichte nicht einfach zwischen Produktionszahlen und Kuchensorten verschwindet.
Ende Juni 2014 beschlossen die vier Gesellschafter einstimmig, das Unternehmen zu verkaufen. Im März 2015 wurde bekannt, dass die Oetker-Gruppe Coppenrath & Wiese übernimmt. Seitdem gehört die Conditorei Coppenrath & Wiese KG zur Oetker-Gruppe. Die Rechtsform ist eine Kommanditgesellschaft, der Produktionsstandort liegt in Mettingen.
260.000 Torten am Tag
Heute produziert Coppenrath & Wiese am Standort Mettingen täglich rund 260.000 tiefgekühlte Torten, Kuchen und Backwaren. Bereits 2020 konnte das Unternehmen rund 260.000 Torten pro Tag herstellen. Das deutsche Sortiment umfasst mehr als 80 Torten und Kuchen.
2017 arbeiteten rund 2.400 Personen am Produktionsstandort Mettingen und 200 am Verwaltungs- und Logistikstandort in Osnabrück-Atter. Für dieses Jahr wird eine Mitarbeiterzahl von etwa 2.600 angegeben. 2022 betrug der Umsatz rund 480 Millionen Euro. Seit 2022 verkauft Coppenrath & Wiese vegane Torten; vegane Aufback-Strudel hatte es bereits zuvor gegeben.
Zur Firmenfolklore gehört auch der Werbesound: In der Fernsehwerbung erklingt der „Tanz der Stunden“ aus der Oper La Gioconda von Amilcare Ponchielli aus dem Jahr 1876. Die Website des Unternehmens ist coppenrath-wiese.de. Der Produktionsstandort in Mettingen liegt bei 52° 18′ 7″ N, 7° 56′ 50″ O.
Ein kaltes Kapitel der Lebensmittelgeschichte
Dass Torte heute monatelang im Tiefkühlfach liegen kann, steht in einer langen Geschichte der Haltbarmachung. Seit jeher versuchen Menschen, Lebensmittel vor dem Verderb zu schützen. Für sesshafte Zivilisationen waren sichere Nahrungsvorräte sogar entscheidend für das Überleben.
Zu den ältesten Methoden zählen Lufttrocknung, Räuchern und Einsalzen. Seit Jahrtausenden werden Lebensmittel außerdem fermentiert oder durch das Einlegen in Flüssigkeiten oder Fette von der Luft abgeschlossen. Menschen in kalten Klimazonen, etwa die Inuit, nutzten die natürlichen Bedingungen zum Tiefgefrieren erlegter Tiere und von Fisch.
Den Schritt zur industriellen Tiefkühlung von Lebensmitteln machte 1923 Clarence Birdseye in den USA. Jahrzehnte später übertrugen Coppenrath und Wiese dieses Prinzip auf Sahne, Kuchen und den Moment, in dem jemand zu Hause die Packung öffnet und kurz überlegt, ob die Torte wirklich schon aufgetaut ist.
