Wie Digitalisierung, Klimawandel und Migration unsere Räume neu ordnen
Wie verändern Digitalisierung, gesellschaftliche Krisen, Klimawandel und globale Vernetzung unseren Alltag – und die Räume, in denen wir leben? Am 5.11.2026 stellen Forschende des Sonderforschungsbereichs 1265 „Re-Figuration von Räumen“ der TU Berlin ihre Arbeit in der Bibliothek am Wasserturm, Prenzlauer Allee 227–228, 10405 Berlin, vor.
Bei den „Wissensinseln“ können Besucher:innen direkt mit den Wissenschaftler:innen ins Gespräch kommen. Sie erfahren, wie gesellschaftlicher Wandel untersucht wird und welche Bedeutung Räume dabei haben. Beteiligt sind Forschende aus Soziologie, Geographie, Architektur, Planung, Stadtanthropologie und Kunst. Der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Wenn Räume plötzlich umkämpft sind
Der Termin gehört zur Reihe „Wissen zwischen Büchern“, einem Projekt der Agentur con gressa in Kooperation mit der Berlin Science Week und dem Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins. Ein passender Ort: Zwischen Regalen und Lesetischen lässt sich darüber reden, warum Grenzen, Wege, Netze und Plätze politisch werden können.
Seit 2018 untersucht der SFB, wie sich Gesellschaften weltweit durch Digitalisierung, Migration, ökologische Krisen und geopolitische Veränderungen neu ordnen. Geleitet wird der Verbund von den TU-Professorinnen Martina Löw und Silke Steets. Im Zentrum stehen Räume – nicht als bloße Kulisse, sondern wegen ihrer gesellschaftlichen Bedeutungen.
Das Konzept der „Refiguration“ beschreibt Wandel als Ergebnis von Konflikten zwischen unterschiedlichen Raumlogiken: Grenzziehung und Offenheit, Bewegung und Verortung sowie globale Netzwerke und lokale Bindungen. In den ersten beiden Förderphasen entwickelte das Forschungsteam vier Grundformen sozialer Räume: Territorialräume, Netzwerkräume, Bahnenräume und Orte.
Untersucht wurden unter anderem Raumkonflikte bei Klimaprotesten, in Unterkünften für Geflüchtete und in digitalen Arbeitswelten. Dabei zeigte sich, dass viele dieser Auseinandersetzungen lokale, nationale und globale Ebenen miteinander verbinden. Ein Konflikt, mehrere Maßstäbe – und selten eine Lösung, die in eine saubere Schublade passt.
Mehr Geld, neue Fragen
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den Sonderforschungsbereich für weitere vier Jahre. Die dritte Förderphase beginnt 2026 und umfasst mehr als zehn Millionen Euro. Für die Jahre 2026–2029 stehen drei Konfliktfelder im Mittelpunkt: „Grenzen der Pluralisierung“ mit Fragen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, „Politiken der Infrastrukturierung“ mit Macht und Teilhabe an digitalen und materiellen Infrastrukturen sowie „Brüche der Ökologisierung“, also die Wechselwirkungen zwischen ökologischen Veränderungen und gesellschaftlichen Räumen.
Neben elf Teilprojekten ist ein neues übergreifendes Forschungsprojekt geplant. Es soll theoretische Modelle mit konkreten Gestaltungsansätzen für Architektur, Stadtplanung und Politik verbinden. Gearbeitet wird mit qualitativen und quantitativen Methoden in einem eigens eingerichteten Methoden-Lab.
Die Forschung reicht über Europa hinaus: Die Wissenschaftler:innen arbeiten auf allen Kontinenten, erstmals wird auch die Antarktis einbezogen. Verglichen werden räumliche Ordnungen jenseits eurozentrischer Perspektiven. Ein multimodales Archiv soll außerdem Bilder, Texte, Töne und künstlerische Arbeiten des SFB bündeln – ziemlich viel Material, das sonst schnell in verschiedenen Schubladen verschwinden würde.
In der dritten Förderphase sind neben der TU Berlin die Humboldt-Universität zu Berlin, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und das Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung beteiligt. Bereits 2025 erschienen unter anderem Spatial Conflicts and Conflictual Spaces. The Dynamics of Refiguration, herausgegeben von Hubert Knoblauch, Volker Sommer und Barbara Pfetsch bei Routledge, sowie der Atlas of Spatial Figures, herausgegeben von Ignacio Farías, Silke Steets und Nikolaus Gansterer im Jovis Verlag.
Ein Forschungsfeld zwischen Theorie und Alltag
Die Buchreihe „Re-Figuration von Räumen“ untersucht gegenwärtige Veränderungen sozial relevanter Räume. Ihre Ausgangsthese: Soziale Beziehungen und Prozesse nehmen stets räumliche Formen an. Damit rücken Konflikte, Krisen, Unsicherheiten und Transformationen sozialer Räume in den Blick.
Die Studien prüfen, ob diesen Veränderungen ein gemeinsames Muster zugrunde liegt, das als „Re-Figuration der Räume“ bezeichnet wird. Sichtbar wird der Wandel in neu entstehenden Raumformen und Raumfiguren, in Auseinandersetzungen um den Erhalt bestehender Raumstrukturen und in den neuen Figurationen, die daraus hervorgehen.
Raum wird dabei neben der Zeit als Medium gesellschaftlicher Transformation verstanden. Die Analyse von Räumen dient als integrativer Ausgangspunkt zur Untersuchung entstehender Gesellschaftsmuster. Die Publikationen gehen aus dem Sonderforschungsbereich 1265 „Re-Figuration von Räumen“ hervor.
Vertreten sind sozialwissenschaftliche Disziplinen wie Soziologie, Geographie, Architekturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Stadtplanung und Europäische Ethnologie. Die Bände sind teilweise theoretisch ausgerichtet, beruhen überwiegend jedoch auf empirischen Studien. Zum Einsatz kommen qualitative, quantitative und visuelle Verfahren. Herausgegeben wird die Reihe von Hubert Knoblauch und Martina Löw.
Wer am 5.11.2026 in der Bibliothek am Wasserturm vorbeischaut, muss dafür kein Vorwissen mitbringen. Ein Gespräch reicht als Einstieg – vielleicht über den eigenen Arbeitsweg, eine digitale Teamsitzung, den nächsten Klimaprotest oder die Frage, wem ein Ort eigentlich offensteht.
