Zugspitze im Wandel: Wie Permafrost, Wärme und Wasser den Berg bewegen
Wenn an der Zugspitze Gestein bricht, klingt das zunächst nach einem lokalen Ereignis. Doch hinter dem Felssturz vom September 2026 steckt eine größere Geschichte: über Wärme, Eis, Wasser – und darüber, wie langsam ein Berg auf den Klimawandel reagiert. In Aachen untersucht der Geologe Florian Amann genau diese Zusammenhänge.
Amann ist 51 Jahre alt, stammt aus Bayern und seit seiner Kindheit in den Bergen unterwegs. Seit 2017 ist er Professor an der RWTH Aachen. Während seines Geologiestudiums spezialisierte er sich auf Naturgefahren wie Bergstürze. Heute erforscht er, wie Erderwärmung, Permafrost und Bergbewegungen zusammenhängen.
Ein Radar beobachtet den Berg rund um die Uhr
Im August installierten Amann und sein Team nahe dem Zugspitzgipfel an der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus ein bodengestütztes Radargerät. Es blickt auf den etwa einen Kilometer entfernten Schneefernerkopf, einen Nebengipfel der Zugspitze. Das Ziel: ganzjährig, rund um die Uhr und bei jedem Wetter hochpräzise Verformungen des Berges zu messen.
Gestein dehnt sich bei steigenden Temperaturen aus und zieht sich bei sinkenden Temperaturen zusammen. In Fels eindringendes Wasser kann ebenfalls Bewegungen auslösen. Amann nennt diese Vorgänge das „Atmen eines Berges“. Meist geht es dabei nur um Millimeter – doch die lassen sich mit moderner Technik präzise erfassen.
Das Projekt soll klären, welche Bewegungen thermisch durch Temperaturveränderungen und welche hydraulisch durch Wasser verursacht werden. Außerdem interessiert die Forschenden, welcher Anteil dauerhaft, also irreversibel, ist. Amann vergleicht den Berg mit einem Gummiband, das nach dem Dehnen länger bleiben kann als zuvor.
Die Zugspitze wurde auch deshalb ausgewählt, weil dort bereits viele Forschungsprojekte laufen. Andere Wissenschaftler messen die Temperaturen im Berg und untersuchen seit Jahren die Veränderungen des Permafrosts. Im Gegensatz zu früher untersuchten Schweizer Bergen gilt die Zugspitze in der Tiefe als stabil. Dort war der Fels bereits in Bewegung; die Schwerkraft überlagerte andere Prozesse.
Der Schneefernerkopf liegt noch vollständig im Permafrost und enthält nach Amanns Angaben kaum freies Wasser. Seine Bewegungen werden deshalb kaum durch Schwankungen des Bergwasserspiegels beeinflusst, sondern vor allem durch thermische Effekte.
Der Felssturz kam kurz vor sieben Uhr
Am 22. September ereignete sich kurz vor 7 Uhr morgens an der Tiroler Nordwand der Zugspitze ein großer Felssturz. Der Hauptabbruch wurde anhand seismischer Daten auf 6:57 Uhr datiert. Am Dienstag und Mittwoch folgten weitere kleinere Abbrüche, eine weithin sichtbare Staubwolke entstand.
Menschen wurden in dem unzugänglichen Gelände nicht verletzt. Gebäude und Infrastruktur blieben unbeschädigt, der Schutt blieb unterhalb der Nordwand liegen. Nach Auswertungen von TUM-Forschenden lösten sich etwa 13.800 Kubikmeter Gestein auf einer rund 4.000 Quadratmeter großen Fläche. Die Abbruchstelle liegt an einer etwa 80 Grad steilen Wand auf rund 2.800 Metern Höhe.
Für die Analyse verglichen die Forschenden seismische Daten, Drohnenaufnahmen und ältere 3D-Modelle. Drohnen-Infrarotmessungen erfassten außerdem die thermische Situation der Ausbruchsnische und Hinweise auf vorhandenes Eis.
Der Felssturz war damit außergewöhnlich groß. Geologisch wird das Ereignis zugleich als relativ kleines, oberflächennahes Geschehen eingeordnet. Amanns Projekt richtet sich auf die tieferen Permafrostbereiche. Ein Frühwarnsystem für Felsstürze baut das Team nicht auf – es betreibt Grundlagenforschung.
Die Zugspitze ist mit 2.962 Metern Deutschlands höchster Berg. Ihr vergleichsweise brüchiger Wettersteinkalk wird teilweise durch Permafrost stabilisiert. Permafrost bedeutet, dass Boden und Fels dauerhaft Temperaturen unter 0 Grad Celsius aufweisen. In den Alpen tritt er in großen Höhen auf, an nordseitigen Hängen etwa ab 2.200 Metern. Die Abbruchstelle lag im sogenannten „warmen“ Permafrostbereich, bei Temperaturen zwischen −1 und 0 Grad Celsius.
Die Wärme kommt mit Verspätung
Steigende Temperaturen und häufigere Frost-Tau-Wechsel beschleunigen die Gesteinsverwitterung und Frostsprengung. Dadurch nimmt die Stabilität des Gesteins ab. Taut Permafrost auf, können Regen- und Schmelzwasser in eisfreie Klüfte eindringen. Der entstehende Druck kann Felswände destabilisieren. In den Alpen ist deshalb mit mehr Steinschlag, Felsstürzen und in Lockergestein auch mit Muren zu rechnen.
Ganz so einfach wie die verbreitete Vorstellung vom Permafrost als „Kleber“ der Alpen ist es aber nicht. Eine oberflächennahe Permafrostschicht taut jedes Jahr auf. Steigen die Temperaturen, reicht der Auftauprozess tiefer. Das hängt mit oberflächennahem Steinschlag und kleinen Felsstürzen zusammen. In tieferen Schichten laufen die Vorgänge anders – und deutlich komplizierter.
Das liegt auch daran, dass Lufttemperaturen nur langsam in die Tiefe des Felsens vordringen. Im Sommer kann im Inneren des Berges gerade erst der Winterfrost angekommen sein; dann ist es dort am kältesten. Wird es draußen kalt, kann es im Berg noch warm sein. Ein bisschen verrückt klingt das schon, ist aber messbar.
Messgeräte der Technischen Universität München dokumentieren im Kammstollen, etwa 15 Meter von der Nordwand entfernt, die Temperaturen im Fels. Dort stieg die Permafrosttemperatur seit 2007 von −1,2 auf −0,7 Grad Celsius. Das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) überwacht den Permafrost seit 2007 außerdem mit mehreren Temperatursensoren in einer 44 Meter langen Bohrung durch den Zugspitzgrat auf etwa 2.920 Metern Höhe.
Die Messdaten zeigen: Wegen der Wärmeleitung des Gesteins tritt das jährliche Temperaturmaximum im Berginneren etwa sechs Monate verzögert auf – erst im Januar. Der Felssturz könnte daher mit hohen Sommertemperaturen zusammenhängen, die Monate später in den tieferen Permafrostbereich vorgedrungen sind.
Zwischen 2011 und 2025 stieg die Temperatur im Berginneren laut LfU weitgehend linear von −1,14 auf −0,45 Grad Celsius, also um 0,69 Grad. Gleichzeitig vergrößerte sich die sommerliche Auftauzone entlang der Bohrachse an der Südseite von etwa 15 auf 17 Meter und an der Nordseite von etwa 3 auf 5 Meter.
Ein anhand von zehn Jahren Messdaten kalibriertes Finite-Element-Modell prognostiziert, dass der Permafrost im Zugspitzgrat spätestens um 2080 vollständig verschwunden sein könnte. Die Veränderungen sind also nicht bloß eine Momentaufnahme nach einem lauten Knall an der Wand.
Ein Berg kann ohne Permafrost stabiler sein
Bei früheren Untersuchungen in der Schweiz beobachtete Amanns Team, dass große Beschleunigungen von Bergbewegungen vor allem bei längeren Temperaturen unter null Grad auftraten. Das widerspricht der naheliegenden Erwartung, Berge bewegten sich bei Wärme schneller und bei Kälte langsamer.
Über 15 Jahre erforschte Amann den 2.794 Meter hohen Kärpf im Schweizer Kanton Glarus. Zu Beginn der Untersuchungen lag der Berg vollständig im Permafrost. Am Ende der Messperiode war praktisch kein Permafrostbereich mehr vorhanden. Trotzdem halbierte sich die Bewegungsgeschwindigkeit. Der Kärpf war ohne Permafrost stabiler als während der Zeit mit Permafrost.
Die Veränderungen des Permafrosts auf der Zugspitze misst ein Team der TU München. Amanns Team untersucht, wie der Berg auf diese Veränderungen reagiert. Dafür müssen thermische, hydraulische und mechanische Wechselwirkungen gemeinsam betrachtet werden – ein ziemlich großes Puzzle, bei dem kein Teil einfach für sich allein funktioniert.
Schon im Mai 2025 hatte ein Bergsturz Teile des Schweizer Dorfs Blatten verschüttet. Im August 2026 löste ein Gletscher- und Bergsturz in Nepal eine verheerende Sturzflut aus. Solche Ereignisse machen sichtbar, was Messreihen oft nur langsam erzählen: Wenn Eis verschwindet und Wasser neue Wege findet, verändert sich die Stabilität ganzer Bergregionen.
Amann beschreibt das Abschmelzen der Gletscher als besonders bedrückend. Bei einem Urlaub mit seinen Kindern fand
