In der Berliner Praxis von Dr. Sophia Wilk-Vollmann liegen Krieg, Körper und Schönheit näher beieinander, als man zunächst denkt. Die Ärztin arbeitet als Notfallärztin und Soldatin bei internationalen Einsätzen und behandelt zugleich als ästhetische Medizinerin Patientinnen und Patienten in einer Berliner Praxis. In Mali und Afghanistan hat sie Menschen mit traumatischen Erlebnissen versorgt. In Berlin begegnet sie Menschen, die sich mit ihrem eigenen Körper stark unwohl fühlen.

Viele kommen nicht nur einmal. Wilk-Vollmann begleitet Patientinnen und Patienten häufig über mehrere Jahre, hört zu, wägt ab und setzt sich kritisch mit gängigen Schönheitsidealen auseinander. Zugleich wendet sie sich gegen die Stigmatisierung jener, die ästhetische Behandlungen in Anspruch nehmen. Ihr Buch erzählt die Geschichten ihrer Patientinnen und Patienten – darunter ein stereotyp beschriebenes „Alphamännchen“ und eine genderfluide Transperson.

Zwischen Einsatzgebiet und Behandlungszimmer

„Kampfzonen: Eine Militärärztin zwischen Krieg, Körper und Schönheit“ heißt das Buch von Dr. Sophia Wilk-Vollmann. Es ist im Juni beim Westend Verlag erschienen. Der Titel klingt hart, fast nach Feldgerät und Staub, doch die eigentliche Spannung entsteht an einer anderen Stelle: bei der Frage, wie Menschen über ihren Körper sprechen – oder eben nicht sprechen. Schwäche zu kommunizieren, kann in der Medizin schwierig sein.

In der Gesellschaft wächst derweil der Druck, über das Äußere etwas darstellen zu müssen. Unterspritzungen, Botox-Behandlungen und Operationen sind verbreiteter geworden. Redakteurin Carola Padtberg untersuchte, warum die Schönheitsindustrie wächst, wer Schönheitsideale prägt und wie diese Bilder Menschen beeinflussen. Bei Besuchen bei Beauty-Influencern und Schönheitschirurgen stellte sie fest, dass viele Menschen trotz attraktiven Aussehens mit ihrem Körper unzufrieden sind.

Auch im SPIEGEL-Gespräch geht es um Schönheitsdruck, Botox und die Bedeutung von Attraktivität. Christine Westermann, Eva Padberg und Evelyn Weigert sprechen darüber. Auf dem Titelbild ist Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ zu sehen – allerdings mit dem Gesicht von Kylie Jenner. Ein alter Blick, ein modernes Gesicht. Irgendwie passt das ziemlich gut zur Debatte.

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Nofretete, Stuttgart, Kabul

Das Titelthema steht in einem größeren Heftzusammenhang. Das Grand Egyptian Museum in Gizeh soll am Samstag eröffnet werden und mehr als 100.000 Artefakte beherbergen. Die berühmte Büste der Königin Nofretete fehlt jedoch: Sie wird seit mehr als 100 Jahren in Berlin ausgestellt. Ägyptische Archäologen, Aktivistinnen und Künstler fordern ihre Rückgabe und verbinden den Streit mit Fragen des Kolonialismus, der Emanzipation und globaler Gerechtigkeit. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hält dagegen, Nofretete sei 1913 im Rahmen einer Ausgrabung rechtmäßig nach Deutschland gelangt.

Im Raum Stuttgart eskaliert unterdessen ein gewalttätiger Bandenkrieg zwischen zwei Gruppen junger Männer. Es gab Schlägereien, Schusswechsel und Tötungsdelikte beziehungsweise Tötungsdrohungen. Die meisten Beteiligten haben eine Migrationsgeschichte. Laut dem Artikel drehen sich die Konflikte um Ehrverletzungen und Rache. Viele Menschen schweigen aus Angst vor Vergeltung, selbst Ermittler können die Hintergründe nur teilweise erklären.

Die Rivalitäten reichen bis in Gefängnisse. Um Gefangene vor Angriffen zu schützen, werden sie teilweise verlegt. Mitarbeitende in Jugendhäusern, Schulen und anderen Einrichtungen gehen vorsichtig mit dem Thema um. Man merkt solchen Situationen an, wie schnell Unsicherheit in den Alltag sickert: ein abgebrochenes Gespräch, ein Blick zur Tür, lieber nichts sagen.

Auch Afghanistan gehört zu diesem thematischen Feld. Die Bundesregierung plant, Straftäter nach Afghanistan abzuschieben, obwohl dort Millionen Menschen keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung haben. Deutschland bemüht sich um Kontakte zu den Taliban, die seit 2021 wieder herrschen. Innenminister Alexander Dobrindt kündigte gegebenenfalls eine Reise nach Kabul an.

SPIEGEL-Redakteur Jonathan Stock reiste nach Kabul und sprach mit Taliban sowie mit der Menschenrechtlerin Mahbouba Seraj, die das letzte Frauenhaus des Landes leitet. Frauen dürfen dort nicht studieren und nur in wenigen Berufen arbeiten. In Kabul müssen sie sich vollständig verhüllen, öffentliche Parks dürfen sie nicht besuchen. Einige trainieren heimlich nachts Kampfkunst. Nach Angaben Stocks fehlen unter anderem Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Polizistinnen, weil Frauen weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen sind.

Wenn der Feed zum Spiegel wird

Für Jugendliche verschärfen soziale Medien die Lage. Sie sehen zunehmend unrealistische Schönheitsideale; die Darstellung vermeintlich perfekter Körper kann Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und psychische Belastungen verstärken. Unter dem Hashtag #SkinnyTok wurden auf TikTok Hungern als Lifestyle, kalorienarme Rezepte, Abnehmtipps und Aussagen über ein Leben mit 45 Kilogramm Gewicht verbreitet. Nach Kritik, unter anderem von der französischen Regierung, sperrte beziehungsweise zensierte TikTok den Hashtag. Nutzer werden nun auf Unterstützungsangebote für Menschen mit Essstörungen verwiesen.

Darüber wurde beim Kammerkolloquium Kindergesundheit der Ärztekammer Nordrhein am 28. Juni 2025 in Düsseldorf gesprochen, an dem rund 350 Menschen teilnahmen. Ärztekammerpräsident Dr. Sven Dreyer bezeichnete Schönheitsideale in sozialen Netzwerken als erhebliche psychische Belastung, besonders bei uneingeschränkter und nicht altersgerechter Nutzung. Medienkompetenz müsse verbindlich in die Lehrpläne allgemein- und berufsbildender Schulen aufgenommen werden, forderte er.

Auch der Beschluss des 129. Deutschen Ärztetages verlangt von Bund und Ländern, Maßnahmen für eine eingeschränkte Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche zu erarbeiten. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Professor Dr. Hendrik Streeck, kündigte Anfang Juni an, den Schutz Minderjähriger besonders zu berücksichtigen; dazu zähle auch der Umgang mit digitalen Medien.

Die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie zeigen, wie schnell sich der Einfluss verschieben kann: Der Anteil der Befragten, deren Wunsch nach körperlicher Veränderung durch soziale Netzwerke verstärkt wurde, stieg von 2,3 Prozent im Jahr 2020 auf 10,6 Prozent im Jahr 2022. 2022 gaben erstmals auch Männer an, durch soziale Medien beeinflusst zu sein; ihr Anteil lag bei 0,7 Prozent.

Jugendliche und junge Erwachsene sehen laut DGÄPC-Präsident Dr. Helge Jens häufig realitätsfremde Schönheitsideale und Inhalte, die ästhetisch-medizinische Eingriffe als normal oder alltäglich darstellen. Russian Lips, Brazilian Butt Lifts, überdimensionierte Brüste und chirurgisch modellierte Bauchmuskeln werden als Beispiele genannt. Filter, KI-gestützte Bearbeitungsprogramme und Apps machen es möglich, Bilder des eigenen Körpers in wenigen Sekunden zu verändern – weg mit der Falte, heller die Haut, schmaler die Taille.

Junge Patientinnen und Patienten kommen deshalb zunehmend mit konkreten Wünschen zu ästhetisch-plastischen Chirurgen, etwa nach Lippenvergrößerungen oder makelloser „Glass Skin“. Oft bringen sie stark bearbeitete Fotos oder Instagram-Profile als Vorlage in die Sprechstunde mit. Ärztinnen und Ärzte müssen die subjektiv empfundenen Makel ernst nehmen, zugleich aber unrealistische Behandlungswünsche ablehnen und beraten. Bei vermuteter Dysmorphophobie ist besondere Zurückhaltung erforderlich.

Andere Körperbilder, andere Gespräche

Die DGÄPC fordert eine Kennzeichnungspflicht für digital bearbeitete Bilder. Nutzer könnten Realität und Fiktion dann leichter unterscheiden und ein realistischeres Körperbild entwickeln. Besonders gefährdet sind Jugendliche in der Pubertät. Bei jungen Frauen mit Essstörungen verstärkt der Konsum klassischer Fitspiration-Inhalte – schlanke und zugleich muskulöse Körper – nachweislich die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.

In der Behandlung von Essstörungen sollten soziale Medien deshalb kritisch thematisiert und Bildbearbeitungen erklärt werden, damit schädliche Vergleichsprozesse weniger Macht bekommen. Während junge Frauen sich häufig an Schlankheit orientieren, suchen Jungen zunehmend muskulöse und trainierte Körper als Vorbild. Einige greifen dafür zu leistungssteigernden Substanzen wie Anabolika. Die Forschung zur Rezeption von Körperbildern durch Jungen ist laut Professorin Silja Vocks noch begrenzt. Eye-Tracking-Analysen deuten darauf hin, dass Jungen beim Betrachten eigener Fotos seltener auf vermeintliche Problemzonen achten als Mädchen.

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