Bodensee vor historischem Herbsttief: Trockenheit setzt Pegel, Häfen und Ökosystem zu
Am Pegel Konstanz wurden zuletzt 2,53 Meter gemessen. Bis zur Marke von 2,50 Metern fehlen damit nur drei Zentimeter. Der Bodensee könnte also bald unter diese Marke sinken – und das auf einem für die Jahreszeit außergewöhnlich niedrigen Niveau.
Für Studierende und Forschende an der Universität Konstanz ist der See sonst oft einfach da: vor der Tür, glitzernd, manchmal windig, manchmal spiegelglatt. In diesem September zeigt er sich deutlich zurückgezogener. Wegen der anhaltenden Trockenheit ist der Pegel weiter gefallen. Das Niedrigwasser-Informationszentrum Baden-Württemberg erwartet in den nächsten Tagen zwar einen konstanten Wasserstand, in den kommenden Wochen aber tendenziell einen weiteren Rückgang.
Boote müssen früher raus
Für viele Segler bedeutet das: früher als geplant auswassern. Im Westhafen von Hagnau mussten Boote mit großem Tiefgang bereits vorzeitig aus dem Wasser. Im alten Hafen und im Osthafen liegen Boote auf dem Trockenen. Im Westhafen selbst reicht die Wassertiefe für die meisten Boote dagegen noch aus.
Hafenmeister Klaus Hiestand bezeichnet die Segelsaison dennoch als sehr gut. Er setzt auf ein Boot mit variablem Tiefgang, dessen Kiel sich flexibel verstellen lässt. Damit kann es gut segeln und trotzdem in viele Häfen einfahren. Nach Hiestands Beobachtung greifen am Bodensee immer mehr Segler zu Booten mit geringem oder variablem Tiefgang.
Schwieriger ist die Lage am Untersee. Dort lagen bereits im Juli Boote auf dem Trockenen. Auch die Häfen spüren den niedrigen Pegel. Der Hafen in Nonnenhorn muss wegen angeschwemmter Sandablagerungen normalerweise alle fünf bis sieben Jahre ausgebaggert werden. Gegen extremes Niedrigwasser hilft das laut Hafenmeister Wolfgang Semmlinger allerdings nicht.
In Nonnenhorn wurde eine Einhandregatta abgesagt, weil geeignete Liegeplätze für Boote mit größerem Tiefgang fehlten. Die fünf Gastliegeplätze, die im Juli und August sonst fast durchgehend belegt sind, waren in diesem Jahr deutlich weniger gefragt. Semmlinger vermutet, dass viele Boote den Hafen wegen des niedrigen Wasserstands mieden. Der See wirkt dort stellenweise, als hätte er sich einfach ein Stück zurückgezogen.
Zu wenig Schnee, zu wenig Regen
Mehrere Faktoren kommen zusammen: Nach einem schneearmen Winter fehlt Schmelzwasser aus den Alpen. Seit Monaten fällt zu wenig Niederschlag, gleichzeitig führte der warme Sommer zu hoher Verdunstung. Roland Roth von der Wetterwarte Süd berichtet zudem, dass der September in Bad Schussenried der trockenste seit Beginn der Messungen im Jahr 1968 war. Im bisherigen Jahresverlauf fehlten rund 50 Prozent des Niederschlags. Mit Ausnahme des Februars waren alle Monate zu trocken.
Intensive Sonneneinstrahlung, geringe Luftfeuchtigkeit und anhaltender Wind verstärkten die außergewöhnliche Trockenheit, sagt Roth. Einen klaren Einfluss des Klimawandels sieht er ebenfalls. Langfristige Wetterprognosen bleiben schwierig. Roth erwartet aber, dass im Südwesten künftig im Sommer häufiger mediterrane Wetterbedingungen auftreten und im Norden Deutschlands öfter tiefdruckgeprägtes Wetter. Nicht jeder Sommer werde so ausfallen wie 2026; extreme Sommer könnten sich in den kommenden Jahrzehnten jedoch wiederholen.
Eine nachhaltige Entspannung ist laut Deutschem Wetterdienst zunächst nicht absehbar. Für die Nacht zum Donnerstag wird eine Kaltfront mit schauerartig verstärktem Regen prognostiziert. Örtlich könnten innerhalb weniger Stunden rund 20 Liter Regen pro Quadratmeter fallen, der Regen könne aber auch schwach ausfallen. Ein kräftiger Schauer wäre willkommen – für eine echte Wende bräuchte es mehr.
Der See folgt seinem eigenen Kalender
Der Bodensee reagiert nicht nur auf einzelne Regentage. Nach meist hohen Wasserständen im Frühsommer und Sommer gehen die Zuflüsse zum Spätsommer zurück. Im Herbst und Winter fällt ein großer Teil des Alpenniederschlags als Schnee und wird zunächst gespeichert. Der Wasserstand sinkt normalerweise weiter, bevor er mit der Schneeschmelze im Frühjahr wieder steigt. Deshalb liegen die niedrigsten Pegelstände üblicherweise im Februar oder März, nicht im September.
Auch der aktuelle Wert ist noch kein Allzeitrekord. Der niedrigste seit Beginn der Auswertung im Jahr 1850 gemessene Stand lag bei 2,26 Metern. Er wurde Ende Februar und Anfang März 1858 erreicht. Der niedrigste Wasserstand des Jahres 2026 wurde am 9. Februar mit 276 Zentimetern gemessen.
Wie ungewöhnlich die Entwicklung trotzdem ist, zeigte sich bereits Ende Juni. Das Niedrigwasser-Informationszentrum der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg teilte damals mit, der Wasserstand sei außergewöhnlich niedrig. Am Pegel Konstanz wurden am 25. Juni 2026 331 Zentimeter gemessen – 80 Zentimeter unter dem langjährigen Durchschnitt für diesen Tag. Es war der zweitniedrigste Wert, der an einem 25. Juni gemessen wurde. Der historische Tiefstwert für dieses Datum stammt aus dem Jahr 1865 und lag bei 328 Zentimetern. Normalerweise erreicht der Bodensee Ende Juni seinen Jahreshöchststand.
Damals lagen die Gründe ebenfalls in der anhaltenden Trockenheit, der vergleichsweise geringen Schneeschmelze nach dem Winter und dem deutlich unter dem saisonalen Durchschnitt liegenden Zufluss des Alpenrheins. Bis Sonntag soll der Wasserstand nach den Vorhersagen weiter leicht sinken. Ab Anfang der folgenden Woche wird wegen erwarteter Niederschläge ein moderater Anstieg erwartet.
Folgen für Ufer, Schiffe und Ökologie
Niedrige Wasserstände legen Uferzonen frei, erschweren die Schifffahrt und können die Wasserökologie beeinträchtigen. Die Funktion des Bodensees als wichtiger Trinkwasserspeicher ist durch den aktuellen Wasserstand jedoch nicht gefährdet. Für eine nachhaltige Erholung braucht es ausreichende Niederschläge im Einzugsgebiet und zusätzliches Schmelzwasser aus den Alpen.
Im Herbst sinkt der Pegel ohnehin üblicherweise, weil weniger Wasser aus den alpinen Zuflüssen in den See gelangt. Im Winter ist der Bodensee normalerweise am niedrigsten. Was derzeit auffällt, ist also nicht der Jahresrhythmus selbst, sondern wie wenig Wasser in ihn hineinkommt.
Aktuelle Informationen veröffentlicht das Niedrigwasser-Informationszentrum Baden-Württemberg. Am See werden derweil Leinen gelöst, Boote gekrant und Liegeplätze neu beurteilt. Und irgendwo klappert vermutlich schon wieder ein Kiel gegen den Trailer.
