Out of the Box: Gerettete Bausinger-Archive erzählen die Geschichte der Empirischen Kulturwissenschaft
In der Ausstellung „Out of the Box“ an der Uni Tübingen liegen gerettete Dokumente aus dem Archiv des Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger. Es sind Überreste einer Sammlung, die einen Brand überstanden hat – nicht vollständig, aber doch umfangreich genug, um Bausingers Arbeit und die Geschichte seines Fachs sichtbar zu machen.
Bausinger gilt als Begründer der Empirischen Kulturwissenschaft. Ein Foto zeigt ihn im Jahr 2011. Die Dokumente selbst konnten nach dem Brand im Jahr 2017 durch mehrere Bergungsaktionen gerettet werden. Manches kam beschädigt zurück, anderes gar nicht. Papier, Fotos, Projektunterlagen – das klingt nüchtern, bis man sich vorstellt, wie solche Bestände aus einem ausgebrannten Gebäude getragen werden.
Was das Feuer in Tübingen hinterließ
In der Außenstelle des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft, kurz LUI, in der Biesingerstraße 27 waren seit den 1990er-Jahren das Büro von Prof. em. Hermann Bausinger (1926–2021), die Arbeitsstelle für Sprache in Südwestdeutschland und Bestände des Archivs der Alltagskultur untergebracht. Das Gebäude wurde außerdem von anderen Forschungsinstituten der Universität genutzt.
Am 20. März 2017 brannte es bei einem Gebäudebrand zu großen Teilen aus. Die Diathek und das Fotoarchiv verbrannten fast vollständig. Wenige geborgene Fotografien wurden restauriert und digitalisiert. Im Projektarchiv wurden die Studien- und Forschungsprojekte von Bernd Jürgen Warneken und Kaspar Maase stark dezimiert; andere Projekte konnten teilweise geborgen werden. Auch das Archiv der Geschäftsführung des Instituts wurde teilweise gerettet, während das Zeitungsausschnittarchiv vollständig geborgen werden konnte.
Für die Außenstelle des Archivs der Alltagskultur ging es danach zunächst in Räume der Alten Augenklinik. Später zog sie in den Berghof, Ob dem Himmelreich 7. Die Ausstellung „Out of the Box“ macht aus dieser Rettungsgeschichte keine trockene Inventarliste. Zwischen beschädigten Unterlagen und restaurierten Bildern bleibt spürbar, wie knapp wissenschaftliches Gedächtnis manchmal davonkommt.
Bausinger und die neue Volkskunde
Hermann Bausinger wurde am 17. September 1926 in Aalen geboren und starb am 24. November 2021 in Reutlingen. Er war deutscher Kulturwissenschaftler und Germanist. Sein Vater war zunächst Bankbeamter und ab 1935 Vorstand der Gewerbebank Aalen; seine Mutter stammte aus einer Wirts- und Arbeiterfamilie.
Mit 17 Jahren wurde Bausinger zur Wehrmacht eingezogen. 1946 kehrte er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück, 1947 legte er am Schubart-Gymnasium Aalen das Abitur ab. Danach studierte er an der Universität Tübingen Germanistik, Anglistik, Geschichte und Volkskunde. 1952 schloss er das Studium mit Staatsexamen und Promotion ab, 1959 habilitierte er sich.
Seine Habilitationsschrift trug den Titel „Volkskultur in der technischen Welt“. Darin forderte Bausinger eine Neuorientierung der Volkskunde: die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, die Abkehr vom damaligen Volkskulturverständnis und eine stärkere Gegenwartsorientierung der Forschung. Ab 1960 war er Professor für Volkskunde in Tübingen. Den Lehrstuhl entwickelte er zum Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft weiter und leitete das Institut bis zu seiner Emeritierung 1992.
Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Wolfgang Kaschuba, Karl Braun und Eberhard Wolff. Bausingers Forschungsschwerpunkte lagen bei Alltagskultur, Erzählforschung, Landeskunde sowie Kultur- und Sozialgeschichte. Damit rückten Dinge in den Blick, die im Alltag leicht übersehen werden: Erzählungen, Gewohnheiten, Sprache, regionale Lebenswelten.
Ein Leben zwischen Institut, Heimatbund und Büchern
Lebenslang arbeitete Bausinger im Schwäbischen Heimatbund mit. Sein erster Beitrag in der Zeitschrift Schwäbische Heimat erschien 1951, sein letzter 2021. Er war Mitherausgeber der Enzyklopädie des Märchens und von Klöpfer & Meyers Kleiner Landesbibliothek. Außerdem gehörte er unter anderem dem Wissenschaftlichen Beirat der Reihe Suevica an.
Bausinger prägte die deutsche Nachkriegsvolkskunde und leitete mit der Hinwendung zu einer empirischen Kulturwissenschaft eine fachliche Neuorientierung ein. Privat war er zweimal verheiratet und hatte vier Kinder. Seine zweite Ehefrau war die Philologin Brigitte Bausinger. Er starb im Alter von 95 Jahren.
Zu seinen ausgewählten Veröffentlichungen zählen Neue Siedlungen mit Markus Braun und Herbert Schwedt (1959), die von ihm herausgegebenen Schwäbischen Weihnachtsspiele (1959), Volkskultur in der technischen Welt (1961), Volksideologie und Volksforschung. Zur nationalsozialistischen Volkskunde (1965), Formen der „Volkspoesie“ (1968), Volkskunde. Von der Altertumsforschung zur Kulturanalyse (1971) und Dialekte, Sprachbarrieren, Sondersprachen (1972).
Es folgten Märchen, Phantasie und Wirklichkeit (1987), Bürgerlichkeit und Kultur (1987), Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, herausgegeben mit Klaus Beyrer und Gottfried Korff (1991), Der blinde Hund. Anmerkungen zur Alltagskultur (1991), Baden-Württemberg. Landschaft und Kultur im Südwesten mit Werner Richner (1994), Typisch deutsch. Wie deutsch sind die Deutschen? (2000) und Die bessere Hälfte. Von Badenern und Württembergern (2002).
Weitere Titel sind Der herbe Charme des Landes. Gedanken über Baden-Württemberg (2006), Sportkultur (2006), Berühmte und Obskure. Schwäbisch-alemannische Profile (2007), Albgeschichten, herausgegeben mit Wolfgang Alber und Brigitte Bausinger (2008), Seelsorger und Leibsorger (2009), Wie ich Günther Jauch schaffte. 13 Zappgeschichten (2011), Unser Uhland mit Walter Jens (2013) und Ergebnisgesellschaft. Facetten der Alltagskultur (2015).
2016 erschien Eine Schwäbische Literaturgeschichte, 2019 Heimat. Kann die weg? mit Muhterem Aras sowie Nachkriegsuni. Kleine Tübinger Rückblenden. Postum kam 2022 Vom Erzählen. Poesie des Alltags heraus.
