Seit 25 Jahren steckt die Schulbildung in Deutschland in einer anhaltenden Krise. Nach jeder PISA-Studie folgen Bestürzung, Debatten und kleinere Änderungen – ein grundlegender Wandel blieb bislang aus. Die neuen Ergebnisse, die am 8. September 2026 veröffentlicht wurden, machen das Warten nicht gemütlicher: Deutschlands Jugendliche schnitten so schlecht ab wie seit Beginn der Messungen vor 25 Jahren nicht, auch in Baden-Württemberg.

Der Bochumer Bildungsforscher Stefan Winter und seine Kollegin Deborah Maffia fordern in ihrem Buch „Das PISAster“ deshalb einen umfassenden Umbau des Schulsystems. Ihr Ausgangspunkt ist denkbar schlicht: Kinder sollen zunächst sicher lesen, schreiben und rechnen lernen. Wer nicht richtig lesen kann, hat schließlich auch in Geografie, Biologie oder Geschichte größere Schwierigkeiten. Leistungsschwächere Kinder würden weniger durch schlechte Noten in zusätzlichen Fächern belastet; weitere Lernfächer sollen erst hinzukommen, wenn die Grundfertigkeiten sitzen.

Frühe Förderung, weniger Ballast

In Baden-Württemberg gibt es seit Beginn des Schuljahres 2026/27 Juniorklassen. Sie richten sich an schulpflichtige Kinder, die in einzelnen Bereichen noch Förderbedarf haben. Der Unterricht findet in kleinen Gruppen statt. Auf dem Programm stehen unter anderem Feinmotorik, etwa Schneide- und Schwungübungen, und sprachliche Fähigkeiten. Rund die Hälfte der Kinder braucht laut dem Artikel besonders Sprachförderung.

Auch soziale Fähigkeiten gehören dazu: Stuhlkreise und Brettspiele sind Teil des Alltags. Ab dem Schuljahr 2027/28 sollen Juniorklassen für Kinder mit entsprechendem Förderbedarf verpflichtend werden. Das klingt nach kleinen Schritten, ist im Schulbetrieb aber kein Nebengeräusch.

Die aktuellen PISA-Daten zeigen, wie früh Unterstützung ansetzen muss. PISA 2025 untersuchte die Kompetenzen von 15-Jährigen in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen. In Deutschland nahmen rund 6.700 Jugendliche an etwa 250 Schulen aller weiterführenden Schularten teil, weltweit rund 760.000 Jugendliche aus 91 Staaten und Volkswirtschaften.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

In Mathematik sank Deutschland von 475 auf 464 Punkte, beim Lesen von 480 auf 465. In den Naturwissenschaften ging es von 492 auf 486 Punkte zurück; dieser Rückgang ist statistisch nicht bedeutsam. In allen drei Bereichen wurden die bislang niedrigsten deutschen PISA-Werte erreicht. Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt in Mathematik und Lesen das OECD-Mindestniveau der Kompetenzstufe 2. Nur etwa 7 bis 9 Prozent schaffen in Mathematik und Lesen die höchsten Kompetenzstufen 5 oder 6.

Nach Punktwerten liegt Deutschland in den Naturwissenschaften auf Rang 23, beim Lesen auf Rang 24 und in Mathematik gemeinsam mit Schweden auf Rang 25. Auch die OECD-Durchschnittswerte sanken gegenüber 2022: um 9 Punkte in Mathematik, 14 im Lesen und 3 in den Naturwissenschaften. Besonders hohe Ergebnisse erzielten die chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang sowie Singapur; leistungsstark waren außerdem Macau, Taiwan, Japan, Estland, Korea und das Vereinigte Königreich.

Was die Zahlen über Ungleichheit verraten

Die Naturwissenschaften waren 2025 die Hauptdomäne und wurden besonders ausführlich getestet. 73 Prozent der Jugendlichen in Deutschland erreichen mindestens Kompetenzstufe 2, 27 Prozent bleiben darunter. Im OECD-Durchschnitt verfehlen 26 Prozent das Mindestniveau. Seit 2015 stieg der Anteil der leistungsschwachen Jugendlichen in Deutschland um 10 Prozentpunkte. An Gymnasien liegen 3 Prozent unter Kompetenzstufe 2, an nicht gymnasialen Schularten 37 Prozent; 2022 waren es 3 beziehungsweise 32 Prozent. Neun Prozent erreichen die Kompetenzstufen 5 oder 6, im OECD-Durchschnitt sind es 7 Prozent.

In Mathematik schaffen 66 Prozent mindestens Kompetenzstufe 2, 34 Prozent bleiben darunter. Der OECD-Anteil liegt bei 35 Prozent. 2022 betrug der deutsche Anteil unterhalb des Mindestniveaus 30 Prozent, seit 2015 stieg er um 17 Prozentpunkte. An Gymnasien verfehlen 6 Prozent, an nicht gymnasialen Schularten 47 Prozent das Mindestniveau; 2022 lagen die Werte bei 4 beziehungsweise 42 Prozent. Acht Prozent erreichen Kompetenzstufe 5 oder 6, 2022 waren es 9 Prozent.

Beim Lesen erreichen 68 Prozent mindestens Kompetenzstufe 2, 32 Prozent nicht. Im OECD-Durchschnitt bleiben 31 Prozent darunter. Der Anteil leistungsschwacher Leserinnen und Leser stieg von 25 Prozent im Jahr 2022 auf 32 Prozent und seit 2015 um 15 Prozentpunkte. An Gymnasien liegen 5 Prozent, an nicht gymnasialen Schularten 43 Prozent unter dem Mindestniveau; 2022 waren es 4 beziehungsweise 35 Prozent. Sieben Prozent erreichen mindestens Kompetenzstufe 5, im OECD-Durchschnitt 6 Prozent.

Der deutsche PISA-Studienleiter Samuel Greiff führt die besonders großen Leistungsunterschiede vor allem auf die sozioökonomische Herkunft zurück, nicht auf Migration. Kinder aus privilegierten Familien erzielen im Durchschnitt bessere Ergebnisse als Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Der Abstand zwischen dem sozioökonomisch stärksten und schwächsten Viertel beträgt in den Naturwissenschaften 125 Punkte, im OECD-Durchschnitt 85. Die Lücke vergrößerte sich in Deutschland zwischen 2015 und 2025, während sie im OECD-Durchschnitt kleiner wurde. Die Leistungen benachteiligter Jugendlicher sanken, jene begünstigter Jugendlicher blieben stabil. Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede, im OECD-Durchschnitt 12 Prozent.

29 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland haben nach PISA-Definition einen Zuwanderungshintergrund. In den Naturwissenschaften erreichen Jugendliche ohne Zuwanderungshintergrund durchschnittlich 521 Punkte, Jugendliche der zweiten Generation 463, bei Zuzug vor dem 11. Lebensjahr 423 und bei Zuzug ab dem 11. Lebensjahr 392 Punkte. Werden soziale Herkunft, Geschlecht und Familiensprache berücksichtigt, schrumpfen die Abstände zu Jugendlichen ohne Zuwanderungshintergrund auf 18 Punkte bei der zweiten Generation, 32 Punkte bei frühem Zuzug und 67 Punkte bei spätem Zuzug.

Auch zwischen Mädchen und Jungen zeigen sich Unterschiede: In den Naturwissenschaften liegen Jungen bei 487 und Mädchen bei 484 Punkten. In Mathematik haben Jungen mit 469 zu 458 Punkten einen Vorsprung von 11 Punkten. Beim Lesen führen Mädchen mit 478 zu 453 Punkten, also um 25 Punkte. Im OECD-Durchschnitt beträgt der Geschlechterunterschied 30 Punkte zugunsten der Mädchen im Lesen und 13 Punkte zugunsten der Jungen in Mathematik.

Schule als gemeinsamer Arbeitsort

Bildungsexpertin und ehemalige Lehrerin Silke Müller nennt die Lage eine „Bildungskatastrophe“ und das bestehende System „Ruinenverwaltung“. Sie fordert, die Verantwortung für Bildung stärker vom Elternhaus auf die Schulen zu verlagern. Chancengerechtigkeit müsse unabhängig von Wohnort, Einschulungsort oder einem späteren Bundeslandwechsel gelten.

Müller verlangt einen nationalen Staatsvertrag für Bildung, Digitaltage, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte und deutlich mehr finanzielle Mittel. Der Bildungsföderalismus müsse reformiert werden: Die Länder sollen Freiheiten behalten, zugleich aber bundesweit verbindliche Standards gelten. Der Staatsvertrag soll unter anderem festlegen, welche Kompetenzen Kinder erwerben und welche Fortbildungen für Lehrkräfte verpflichtend sind. Bildungsentscheidungen müssten über Legislaturperioden hinaus geplant werden.

Eine grundlegende „Revolution“ sei nötig, sagt Müller, weil das Bildungssystem auf Digitalisierung, künstliche Intelligenz und künftige Herausforderungen keine ausreichenden Antworten gebe. Die OECD berichtet, dass die Lesefähigkeit in vielen Ländern, darunter Deutschland, zurückgegangen ist. Die Nutzung sozialer Medien gilt als möglicher Grund, statistisch nachgewiesen ist der Zusammenhang laut Artikel aber bislang nicht.

Soziale Netzwerke, KI und Messenger-Dienste beeinflussen Kinder und Gesellschaft stark. Schulen bräuchten dafür mehr Fachpersonal, externe Unterstützung und Geld. Müller schlägt ab der ersten Klasse einen wöchentlichen Tag für Medienbildung vor, mit Informatik, KI und digitaler Ethik. Dazu kommen eine Entlastung der Lehrpläne sowie mehr psychosoziale Betreuung durch Sozialpädagogen und Fachkräfte für Beziehungsarbeit. Die zusätzlichen Stellen und Angebote sollen langfristig und nicht nur befristet finanziert werden. Ein Mentoringprogramm in Mannheim setzt angesichts der schlechten PISA-Ergebnisse bereits bei Grundschulkindern an.

Lehrkräfte leiden laut Befragungen besonders unter organisatorischen Zusatzaufgaben neben dem Unterricht. Klassenfahrten, Klassenkassen und Elternabende gehören dazu; rund 35 Prozent ihrer