Deutschlands Hochschulen ziehen Studierende an – trotz mittelmäßiger Rankings
Magdeburg, 10. Oktober 2026. Auf dem Campus der Universität prallen viele Sprachen aufeinander: Gespräche auf Deutsch, Englisch, Hindi, manchmal alles in einem Satz. Deutschland ist längst ein internationaler Studienstandort – und das, obwohl deutsche Hochschulen in weltweiten Rankings eher mittelmäßig abschneiden.
Regelmäßig schaffen es höchstens drei oder vier deutsche Hochschulen unter die Top 100. Zuletzt lag die Technische Universität München mit Rang 25 am höchsten. Für viele Studieninteressierte scheint das aber kein Hinderungsgrund zu sein. Im Wintersemester 2025/26 waren mehr als 500.000 ausländische Studierende in Deutschland eingeschrieben, Austauschstudierende nicht mitgerechnet.
Warum Deutschland trotz schwacher Rankings gefragt bleibt
Laut UNESCO ist Deutschland weltweit das viertbeliebteste Zielland für internationale Studierende – hinter den USA, Großbritannien und Australien. Unter den nicht englischsprachigen Ländern liegt Deutschland vorn. Während die Zahlen in mehreren angelsächsischen Staaten wegen verschärfter Einreisebestimmungen stagnierten, stiegen sie hier weiter. Fast jeder dritte Studienanfänger in einem Bachelor- oder Masterstudiengang kommt inzwischen aus dem Ausland.
Besonders rasant wuchs die Gruppe aus Indien. Rund 60.000 indische Studierende waren 2025 an deutschen Hochschulen eingeschrieben, sechsmal so viele wie 2013. Damit lösten sie die Chinesen als größte ausländische Gruppe ab; aus China studierten etwa 40.000 Menschen in Deutschland. Die Türkei, der Iran und Österreich folgen mit deutlichem Abstand.
Je nach Studie belegt etwa ein Drittel bis die Hälfte der internationalen Studierenden ein MINT-Fach. Maschinenbau und Elektrotechnik gehören zu den beliebtesten Richtungen. Das passt zum Bild eines Landes, das weniger mit glänzenden Campusbroschüren wirbt als mit Laboren, Werkhallen und der Aussicht auf einen Arbeitsplatz danach.
Ein entscheidender Trumpf ist das weitgehend gebührenfreie Studium. In sozialen Medien heben Studierende häufig hervor, dass ein Studium an deutschen öffentlichen Hochschulen grundsätzlich kostenlos ist. In China und Indien kosten gute Universitäten mehrere Tausend Euro pro Jahr, in Großbritannien und den USA liegen die Kosten meist deutlich höher.
Ganz gratis ist Deutschland allerdings nicht für alle. Nicht-EU-Ausländer müssen vor allem in Baden-Württemberg und an einigen bayerischen Hochschulen Studiengebühren zahlen. In Baden-Württemberg betragen sie etwa 1.500 Euro pro Semester. Die niedrigen Studienkosten gelten dennoch als Vorteil, wenn Deutschland künftige Fachkräfte gewinnen will.
Breite statt glänzender Spitze
Internationale Rankings bevorzugen stark hierarchisierte Hochschulsysteme mit wenigen, finanziell konzentrierten Eliteuniversitäten. Deutschlands föderales System ist anders gebaut: breiter, kleinteiliger, mit vielen guten bis sehr guten Universitäten. Einzelne Fachbereiche erreichen Weltspitze, etwa die Mathematik in Bonn oder der Maschinenbau in Aachen.
Und dann gibt es die außeruniversitäre Forschung, die in Rankings oft nur am Rand auftaucht. Bedeutende Spitzenforschung findet an Einrichtungen statt, die direkt vom Bund finanziert werden. An Max-Planck-Instituten hat sich der Anteil ausländischer Forscherinnen und Forscher in den vergangenen Jahrzehnten auf fast 60 Prozent verdoppelt. Die Ranglisten erfassen deshalb weder die Breite noch sämtliche Spitzenbereiche der deutschen Wissenschaft.
Auch der Alltag zählt. Zwei Drittel der ausländischen Studierenden nennen die Lebensqualität als Grund für ihre Entscheidung. In Erfahrungsberichten werden Deutschland und seine Bevölkerung unter anderem als sauber, pünktlich und korrekt beschrieben. Das klingt nicht nach großer Romantik, ist aber offenbar ziemlich überzeugend. Vielleicht ist ein funktionierender Fahrplan manchmal attraktiver als ein Hochglanzversprechen.
Am Campus in Magdeburg zeigt sich zugleich die politische und gesellschaftliche Dimension. Mehr als 40 Prozent der Studierenden kommen hier aus dem Ausland, die meisten aus Indien. In Sachsen-Anhalt fordert die AfD laut Wahlprogramm dennoch einen Verzicht auf „kulturfremde Fachkräfte“. Die Partei unterscheidet nach eigener Darstellung zwischen qualifizierten und unqualifizierten Migranten, stellte aber wiederholt Abkommen zur Anwerbung ausländischer Studierender infrage – darunter das 2022 geschlossene Abkommen zwischen Deutschland und Indien.
Gebühren, Mieten und die Frage des Bleibens
Die Erfolgsgeschichte hat Risse. Rund ein Viertel der indischen Studierenden besucht eine gebührenpflichtige private Hochschule. Viele nehmen dafür Kredite auf und arbeiten neben dem Studium im Niedriglohnsektor. Lieferkurier oder Kassierer, bis zu 20 Stunden pro Woche – das ist dann weniger studentisches Abenteuer als eine ziemlich harte Rechnung am Monatsende.
Hohe Mieten machen die Lage zusätzlich schwierig. Auch die Integration ist nicht immer einfach, besonders bei geringen Deutschkenntnissen. Zwar steigt die Zahl englischsprachiger Studiengänge. Nach Angaben des DAAD spricht aber etwa die Hälfte der ausländischen Studierenden Deutsch mindestens auf B2-Niveau.
Viele wollen nach dem Abschluss bleiben. Deutschland bietet gute Arbeitsmarktchancen und eine vergleichsweise großzügige Aufenthaltsregelung: Absolventinnen und Absolventen haben 18 Monate Zeit, eine qualifikationsgerechte Stelle zu finden. Ihren Lebensunterhalt müssen sie in dieser Zeit allerdings selbst bestreiten.
Neben Kanada weist Deutschland unter den OECD-Staaten eine der höchsten Bleibequoten auf. Knapp die Hälfte der internationalen Studierenden lebt zehn Jahre nach dem Abschluss noch hier. Für den Staat rechnet sich das ebenfalls: Nach zwei oder drei Jahren als Beitrags- und Steuerzahler sind die öffentlichen Ausbildungskosten laut Artikel ausgeglichen. Über einen Jahrgang und das gesamte Arbeitsleben gerechnet bringt ein durchschnittlicher internationaler Studierender dem Staat nach DAAD-Berechnungen etwa achtmal mehr ein, als er kostet.
Die Bundesregierung hat mit dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Fachkräfteeinwanderung von 2023 die Einwanderung internationaler Studierender erleichtert. Vor allem flexiblere Möglichkeiten für Nebentätigkeiten sollen ein Studium in Deutschland attraktiver machen. Im April 2024 starteten BMFTR und DAAD außerdem eine Initiative, um internationale Studierende und Graduierte anzuwerben und für den deutschen Arbeitsmarkt zu qualifizieren.
Vom Hörsaal in den Arbeitsmarkt
Im Rahmen der „Campus-Initiative Internationale Fachkräfte“ können Hochschulen internationale Studierende während verschiedener Studienphasen und beim Übergang in den Arbeitsmarkt unterstützen. Internationale Akademikerinnen und Akademiker mit ausländischem Hochschulabschluss erhalten Hilfe dabei, ihre Qualifikationen an die Anforderungen des deutschen Arbeitsmarkts anzupassen.
Die Entwicklung ist deutlich: Von etwa 200.000 internationalen Studierenden im Wintersemester 2012/2013 stieg die Zahl auf rund 380.000 im Wintersemester 2023/2024. 2023 kam knapp ein Viertel der Studienanfängerinnen und Studienanfänger aus dem Ausland. Besonders hoch ist der Anteil ausländischer Studierender in MINT-Fächern. Fast ein Viertel der eingewanderten Fachkräfte in Deutschland hatte zuvor an einer deutschen Hochschule studiert.
Auch an den Hochschulen selbst arbeiten viele Menschen aus anderen Ländern. 2023 waren rund 426.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an deutschen Hochschulen beschäftigt, etwa 65.000 davon aus dem Ausland. Ihr Anteil betrug 15,4 Prozent. Im Zusammenhang mit Anerkennungsverfahren wird außerdem die Zahl „gestellte Anerkennungsanträge bis Ende 2022“ genannt, ohne dass dafür ein konkreter Wert angegeben wird.
Deutschland wirbt nicht nur um Studierende, sondern auch um internationale Spitzenforscherinnen und -forscher, um globale Zukunftsaufgaben zu bewältigen und die Forschung international zu vernetzen. Neben dem dauerhaften Zuzug international mobiler Forschender, dem sogenannten „Brain Gain“, gilt die zeitweise Tätigkeit ausländischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland als „Brain Circulation“. Sie stärkt Kooperationen, fördert den Austausch von Erkenntnissen und trägt langfristig zur Internationalisierung der deutschen Wissenschaft bei.
Das BMFTR will Deutschlands Position als Forschungs- und Wissenschaftsstandort ausbauen. Das Tenure-Track-Programm soll jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehr Planungssicherheit geben und gilt international als etabliertes Verfahren. Deutschland gehört laut Academic Freedom Index zur Spitzengruppe bei der Wissenschaftsfreiheit.
Gefördert werden nicht nur Forschungsprojekte, sondern auch einzelne Forschende, unter anderem über mitfinanzierte Programme der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Diese ermöglichen Forschungsaufenthalte für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler ebenso wie für etablierte Forschende. Informations- und Unterstützungsangebote wie „Research in Germany“ und „EURAXESS Deutschland“ begleiten internationale Forschende vor und während ihres Aufenthalts.
Zwischen Bibliothek, Nebenjob und Ausländerbehörde entscheidet sich dann, ob aus dem Studienort ein Lebensmittelpunkt wird. Auf dem Magdeburger Campus klingelt derweil wieder
