Heute, am 30. Oktober 2026, hat die Universität Erfurt zum Wintersemester 2026/27 insgesamt 1.026 Studienanfängerinnen im ersten Hochschulsemester eingeschrieben. 171 von ihnen haben ihre Hochschulzulassungsberechtigung im Ausland erworben. Dazu kommen 691 Studierende, die ein Masterstudium begonnen haben.

Auf dem Campus ist damit wieder ordentlich Bewegung. Besonders viele Bachelorinteressierte entschieden sich für Förder- und Inklusionspädagogik, Internationale Beziehungen oder Staatswissenschaften – Sozialwissenschaften. Bei den Masterstudiengängen standen Psychologie, Globale Kommunikation sowie Kinder- und Jugendmedien hoch im Kurs.

Neue Wege ins Studium und in die Schule

Zum ersten Mal wurden außerdem Studierende im Bachelorstudiengang Bautechnik aufgenommen. Das Studium bietet die Universität Erfurt gemeinsam mit der Fachhochschule Erfurt an. Die Universität verweist bei der Begrüßung der neuen Jahrgänge auf ihr breites Studienangebot, die Betreuung zu Studienbeginn und vergleichsweise kurze Studienzeiten.

Gemeinsam mit den Schulämtern stellt die Universität erneut 78 Plätze für Studienanfängerinnen im dualen Studium für das Regelschullehramt bereit. Das Modell soll neben der regulären Lehramtsausbildung helfen, den Lehrkräftemangel an Thüringer Regelschulen zu bewältigen. Für manche ist das ein ziemlich konkreter Einstieg in den Beruf: Von Beginn an erhalten die Studierenden eine Vergütung. Dafür verpflichten sie sich, nach Studium und Referendariat mehrere Jahre an einer Thüringer Regelschule zu arbeiten.

Gedacht ist das duale Studium vor allem für Studieninteressierte, die finanzielle und berufliche Sicherheit suchen, Praxisnähe schätzen und pädagogisch motiviert sind. Es passt allerdings nicht automatisch zu allen, die Lehrerin oder Lehrer werden möchten. Das Studienmodell richtet sich an eine bestimmte Gruppe.

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Was hinter dem dualen Lehramtsstudium steckt

Wie dieses Modell weiterentwickelt werden kann, diskutierten am 1. und 2. Juni 2026 rund 80 Teilnehmende in Erfurt. Die Bertelsmann Stiftung und das CHE Centrum für Hochschulentwicklung veranstalteten dort die dritte Vernetzungstagung zum dualen Lehramtsstudium. Vertreter*innen aus Hochschulen, Ministerien, Schulen, Einrichtungen der Lehrkräftebildung und Gewerkschaften sprachen über die Gestaltung dualer Studiengänge, deren Beitrag zur Lehrkräftegewinnung und das Nebeneinander dualer und grundständiger Studiengänge.

Im Mittelpunkt stand der duale Lehramtsstudiengang für Regelschulen an der Universität Erfurt. Entwickelt wurde er vor dem Hintergrund sinkender Absolvierendenzahlen im regulären Lehramtsstudium: Von 75 Absolvent:innen im Studienjahr 2014/15 sank die Zahl auf 30 im Jahr 2024/25. In den ersten beiden Jahrgängen des dualen Studiengangs wurden 120 Studierende gewonnen.

Die enge Verbindung von Hochschule und Schule beginnt früh. Ein Onboardingpraktikum, die Einbindung in Kollegium und Schulalltag, Mentoring und Unterstützung an den Schulen gehören zu den genannten Erfolgsbedingungen. An der Universität kommen Supervision und fachdidaktische Kleingruppenangebote hinzu. Vor dem Studienbeginn soll eine intensive Beratung stehen; außerdem braucht es abgestimmte Auswahlkriterien – auch dann, wenn das Schulamt allein für die Auswahl verantwortlich ist.

Ohne regelmäßige Kommunikation wird es schnell hakelig. Deshalb wurden institutionalisierte Gesprächsformate zwischen allen beteiligten Einrichtungen als wichtig beschrieben. Intensive Betreuung und enge Zusammenarbeit gelten als zentrale Voraussetzungen. Zwischen dem ersten Konzeptpapier und dem Studienstart lagen 23 Monate. Möglich wurde die rasche Umsetzung durch die Kooperation von Ministerium, Universität, Schulämtern und Schulen. Die Beteiligten wollten die Herausforderungen der Lehrkräftebildung aktiv gestalten, statt ihnen bloß hinterherzulaufen.

Die Erfahrungen aus der Theorie-Praxis-Verzahnung können auch grundständige Lehramtsstudiengänge nutzen. Bei der Tagung ging es außerdem um die Begleitforschung zum dualen lehramtsbezogenen Masterstudium in Baden-Württemberg. Dort wurden Widerspruchskonstellationen zwischen Institutionen sichtbar, etwa durch die unterschiedlichen Logiken von Schule und Hochschule. Nicht jede Spannung lässt sich auflösen. Sie soll aber sichtbar gemacht, gemeinsam reflektiert und produktiv bearbeitet werden. Für Studierende kann eine solche Begleitung die Entwicklung von Ambiguitätstoleranz fördern – eine Fähigkeit, die im späteren Lehrberuf durchaus gebraucht wird.

Lehrkräftemangel bleibt regional scharf

Der Mangel an Lehrkräften ist zwar in einigen Bereichen rückläufig, bleibt aber in bestimmten Regionen, Schulformen und Fächern groß oder verschärft sich. Duale Studiengänge können neue Zielgruppen für den Lehrerberuf gewinnen und Theorie und Praxis enger verbinden. Die Erfahrungen aus Erfurt sollen weitergegeben werden; erfolgreiche Elemente könnten auch in anderen Lehramtsstudiengängen zum Einsatz kommen.

Wie ernst die Lage bundesweit ist, zeigt der OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2026“. In Deutschland besuchen 55 Prozent der 15-Jährigen Schulen, deren Leitung angibt, dass die Abwesenheit von Lehrkräften das Lernen beeinträchtigt. Das ist der zweithöchste Wert im OECD-Raum; der OECD-Durchschnitt liegt bei 27 Prozent.

16,2 Prozent der Lehrkräfte an öffentlichen Schulen im Sekundarbereich gelten hierzulande als nicht voll qualifiziert. Im OECD-Durchschnitt sind es 8,4 Prozent. Als voll qualifiziert gilt in Deutschland, wer einen Master oder das Erste Staatsexamen sowie ein Referendariat abgeschlossen hat. Die OECD nennt als mögliche Gründe die vergleichsweise lange Ausbildung und den anhaltenden Einsatz alternativer Zugangswege. Der Deutsche Philologenverband führt zusätzlich an, dass Quer- und Seiteneinstieg ohne vollständige Nachqualifizierung den Anteil dauerhaft hoch hält.

Eine Entspannung beim Lehrkräftebedarf ist laut den Befunden nicht zu erwarten. Zwar soll die Zahl der Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren im OECD-Durchschnitt bis 2033 um 9 Prozent sinken. Für Deutschland wird dagegen ein Anstieg um 3 Prozent prognostiziert, bei den 10- bis 14-Jährigen sogar um 8 Prozent. Fast jede vierte Lehrkraft im Sekundarbereich ist mindestens 55 Jahre alt.

Arbeitsbedingungen, Ausbildung und Geld

Der DPhV fordert deshalb eine spürbare Entlastung der derzeit beschäftigten Lehrkräfte, damit sie bis zum regulären Ruhestand im Dienst bleiben können. Weitere Kürzungen in der Lehrkräfteausbildung lehnt der Verband ab und verlangt ein vollwertiges 24-monatiges Referendariat. Hohe Anforderungen an den Hochschulabschluss seien nach Ländervergleichen nicht die Hauptursache des Lehrkräftemangels. Entscheidend seien vielmehr die Arbeitsbedingungen: zu hohe Unterrichtsdeputate, mehr unterrichtsferne Aufgaben, Erkrankungen und Frühpensionierungen.

Deutschland bleibt im MINT-Bereich OECD-Spitzenreiter: 34 Prozent der inländischen Absolventinnen und Absolventen im Tertiärbereich erwerben einen MINT-Abschluss. Kein anderes OECD-Land erreicht einen höheren Anteil. Nach Angaben des DPhV hängt diese Stärke wesentlich von gut ausgebildeten Fachlehrkräften ab.

Die Lehrkräftegehälter gehören weiterhin zu den höchsten im OECD-Raum, haben sich real aber ungünstig entwickelt. Die gesetzlichen beziehungsweise vertraglich vereinbarten Gehälter von Lehrkräften im Sekundarbereich I mit 15 Jahren Berufserfahrung sanken innerhalb von zehn Jahren inflationsbereinigt um 1 Prozent. Im OECD-Durchschnitt stiegen sie um 6 Prozent. Die tatsächlich gezahlten Gehälter gingen in Deutschland auf allen Schulstufen, für die Daten vorliegen, real zurück.

Auch beim Anteil der Bildungsausgaben zeigt sich Abstand: 2023 entfielen in Deutschland 8,5 Prozent der öffentlichen Gesamtausgaben auf Bildung, gegenüber 9,8 Prozent im OECD-Durchschnitt. Der DPhV fordert deshalb weniger überflüssige Bürokratie und zusätzliches Unterstützungspersonal, niedrigere Unterrichtsdeputate, attraktive Altersteilzeitmodelle sowie die Anrechnung von Fortbildungszeit als reguläre Arbeitszeit.

Hinzu kommen die Forderungen nach einer real wertstabilen, amtsangemessenen Besoldung, Quer- und Seiteneinstieg nur als Ausnahme und nur mit vollständiger Nachqualifizierung, ausreichenden Reserven bei der Unterrichtsversorgung und keiner Vergrößerung von Klassen und Kursen. Die Lehrkräftebildung solle nicht weiter verkürzt werden; verlangt wird ein anspruchsvolles 24-monatiges Referendariat. Die Bildungspolitik der Länder müsse Bildung in den Landeshaushalten stärker priorisieren – während in Erfurt schon die nächsten 78 dual Studierenden auf ihren ersten Schultag zugehen.