In Heidelberg richtet sich der Blick an diesem 27.09.2026 nach Würzburg. Die Julius-Maximilians-Universität (JMU) ist die einzige bayerische Universität, die in der Endrunde um den deutschen Exzellenztitel steht. Am 2. Oktober soll entschieden werden, welche Universitäten zusätzlich ausgezeichnet werden. Von elf Bewerbern werden höchstens fünf ausgewählt.

Baden-Württemberg hat derzeit mehr Exzellenzuniversitäten als Bayern – und verteilt sie über das Land: Heidelberg, Tübingen, Karlsruhe, Konstanz und Freiburg. In Bayern sitzen Exzellenzuniversitäten bislang ausschließlich in München: die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und die Technische Universität München (TUM). Sollte Freiburg erneut ausgezeichnet werden, während Würzburg leer ausgeht, läge Baden-Württemberg im Ländervergleich weiterhin mit vier Exzellenzuniversitäten vor Bayern mit zwei.

Zwei Cluster als Eintrittskarte

Für die Bewerbung als Gesamtuniversität sind mindestens zwei bewilligte Exzellenzcluster nötig, auch wenn diese gemeinsam mit anderen Universitäten betrieben werden. Würzburg bringt „ctd.qmat“ und „NUCLEATE“ mit. Die JMU hat am 3. September 2024 zwei Vollanträge für die finale Runde der Exzellenzstrategie eingereicht und strebt für beide Projekte ab 2026 eine Förderung im Exzellenzwettbewerb an.

„ctd.qmat“ ist der Fortsetzungsantrag des Würzburg-Dresdner Clusters „ctd.qmat – Complexity, Topology and Dynamics in Quantum Matter“. Gemeinsam mit der TU Dresden forscht die JMU seit 2019 an neuartigen topologischen Quantenmaterialien. Es ist bislang das einzige bundeslandübergreifende Exzellenzcluster Deutschlands. Mehr als 300 Forschende aus über 30 Ländern arbeiten daran; in der zweiten Förderperiode soll das Forschungsprofil um die Quantendynamik erweitert werden.

Die erste Förderperiode brachte dem Cluster nach eigenen Angaben mehr als 1.300 Publikationen und sechs Patente, darunter Entwicklungen für topologische Laser und Verfahren für ultrapräzise Messungen. Zu den bisher sechs Cluster-Professuren sollen sechs weitere hinzukommen, drei davon an der JMU. Materialforschung, sagt der Physiker Ralph Claessen, könnte in 30 bis 40 Jahren die Grundlage für verschiedene technische Geräte bilden. Ein weiter Horizont – aber einer, der in Würzburg ziemlich konkret bearbeitet wird.

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NUCLEATE ist ein Neuantrag der JMU gemeinsam mit LMU und TUM. Der Name steht für „Cluster für Nukleinsäureforschung und -technologien“. Der Verbund untersucht die Funktionen von Nukleinsäuren in biologischen Prozessen, will grundlegende Wirkmechanismen in Zellen und deren Bedeutung in verschiedenen Krankheitskontexten klären und darauf aufbauend biotechnologische sowie medizinische Anwendungen entwickeln. Die beteiligten Universitäten wollen ihre Nukleinsäure-Expertise bündeln und damit die biomedizinische Forschung in Bayern stärken.

Im Rudolf-Virchow-Zentrum in Würzburg sitzt die NUCLEATE-Forschung. JMU-Vizepräsidentin Caroline Kisker war maßgeblich am Antrag beteiligt; zuvor hatte sie in Kalifornien geforscht. Wie wichtig nukleinsäurebasierte Medizin werden kann, hat die Corona-Pandemie vielen Menschen schlagartig vor Augen geführt.

Vor etwa vier Jahren kam ein Hochleistungsmikroskop nach Würzburg, intern „dicke Berta“ genannt. Jochen Kuper berichtet, solche Geräte seien zuvor meist etablierten Forschungszentren und besonders gut ausgestatteten Universitäten vorbehalten gewesen. Der zweite wichtige JMU-Standort liegt auf dem Hubland: Das Gelände wurde ab 1965 als Universitätscampus ausgebaut und nach dem Abzug der US-Army durch angrenzende Flächen erweitert.

Physik mit langem Gedächtnis

Der Fachbereich Physik ist ein zentraler Bestandteil der Bewerbung. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte in Würzburg die später nach ihm benannten Strahlen. Sechs Nobelpreisträger lassen sich mit dem Fachbereich Physik der Universität in Verbindung bringen.

Claessen initiierte gemeinsam mit der TU Dresden den ersten länderübergreifenden Exzellenzcluster-Antrag der JMU. Das Physikcluster erhielt 2019 und erneut 2025 den Exzellenzstatus. Im Alltag klingt das weniger spektakulär als ein Nobelpreis, bedeutet aber jahrelange Arbeit an Anträgen, Gutachten, Laboren und Personal – und vermutlich ziemlich viel Kaffee.

Würzburg ist außerdem eine Stadt mit hoher Studierendendichte. Bei den Studierenden pro Einwohner lag sie zuletzt in Süddeutschland vor Erlangen und Heidelberg beziehungsweise knapp mit ihnen gleichauf. Trotzdem genießt die Universität überregional weniger Bekanntheit als etwa Heidelberg, Tübingen, Konstanz oder Freiburg. Ein möglicher historischer Grund: Würzburg wird bis heute als katholische, von Fürstbischöfen geprägte Universitätsgründung wahrgenommen.

Die JMU bietet 287 Studiengänge an. Neben großen Fächern gehören auch kleine Disziplinen wie Altorientalistik und Ägyptologie dazu. Gerade diese Mischung gehört zum Bild der Universität – und passt nicht ganz zu einer Stadt, die außerhalb Bayerns oft unter ihrem tatsächlichen Gewicht gehandelt wird.

Der Münchner Sog

Historiker Martin Stadler führt die Konzentration bayerischer Spitzenuniversitäten in München teilweise auf den historisch gewachsenen Zentralismus des Freistaats zurück. JMU-Präsident Paul Pauli nennt die bisherige Verteilung der Exzellenzuniversitäten im Vergleich zu Baden-Württemberg unangemessen. Die bayerische Staatsregierung habe die Bedeutung einer stärkeren regionalen Verteilung vor einigen Jahren erkannt und Würzburg seither stärker unterstützt.

Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) sagt, er habe versucht, den Abgang umworbener Würzburger Forscher zu verhindern. Er betont die Bedeutung Würzburgs für Bayerns Wissenschaftslandschaft und spricht von verbesserten Forschungsbedingungen. Für 2027 ist der Start eines Max-Planck-Instituts in Würzburg vorgesehen.

Neben Würzburg bewerben sich unter anderem die Universitäten Köln, Jena, Hannover und Freiburg. Freiburg hatte den Exzellenztitel bereits, verlor ihn später jedoch; auch Konstanz verlor seinen früheren Titel. Pauli bleibt für Würzburg bei einem „guten Bauchgefühl“.

Wer über die Millionen entscheidet

Die Exzellenzstrategie ist ein Förderprogramm von Bund und Ländern zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Universitäten. Derzeit werden 57 Exzellenzcluster mit jährlich 385 Millionen Euro gefördert. Ab 2026 können bis zu 70 Cluster mit jährlich 539 Millionen Euro gefördert werden.

Bis zum 31. Mai 2023 gingen 143 Antragsskizzen von 59 Universitäten ein. Ein internationales Expertengremium wählte im Februar 2024 insgesamt 41 Skizzen für die Ausarbeitung vollständiger Anträge aus, darunter NUCLEATE. Die Vollanträge wurden von Oktober 2024 bis Mitte Februar 2025 durch ein weiteres internationales Gutachtergremium geprüft; die Entscheidung über die geförderten Vorhaben sollte Ende Mai 2025 fallen.

Über Antragsskizzen und Anträge entscheiden das Committee of Experts und die Exzellenzkommission. Das Committee besteht aus 39 ausgewiesenen Forschenden aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten und bildet das gesamte Fächerspektrum ab. Seine Mitglieder bringen außerdem langjährige Erfahrungen im Ausland, im Hochschulmanagement, in der Lehre oder in der Wirtschaft mit.

Der oder die Vorsitzende des Wissenschaftsrats sowie der Präsident oder die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft gehören dem Committee of Experts ohne Stimmrecht an und führen gemeinsam den Vorsitz. Das Gremium legt Förderbedingungen fest, bewertet Skizzen und Anträge auf Grundlage fachwissenschaftlicher Begutachtungen, spricht Förderempfehlungen an die Exzellenzkommission aus und entscheidet, welche Skizzen zur Antragstellung berechtigen. Außerdem bewertet es die Ergebnisse der Evaluation der Exzellenzuniversitäten.

Die Exzellenzkommission besteht aus dem Committee of Experts sowie den für Wissenschaft zuständigen Ministerinnen und Ministern des Bundes und der Länder. Sie entscheidet auf Grundlage der Empfehlungen des Committee of Experts über die Förderung von Exzellenzclustern und Exzellenzuniversitäten. In Würzburg wartet man also nicht bloß auf einen Titel, sondern auf eine Entscheidung, die Labore, Professuren und die wissenschaftliche Landkarte Bayerns mitverschieben könnte.