Jüdischer Friedhof in Neumarkt: Warum Schulklassen leichter Zugang brauchen
Am Rand von Neumarkt steht ein Ort, der leise von jüdischem Leben in der Stadt erzählt: der Jüdische Friedhof. Für Beate Meckler ist er mehr als ein historischer Platz. Ihre Vorfahren sind hier bestattet. Umso weniger versteht sie, warum der Friedhof bislang so wenig Beachtung findet.
Meckler setzt sich dafür ein, dass vor allem Schülerinnen und Schüler leichter Zugang bekommen. Ihre Frage klingt schlicht, bleibt aber hängen: Warum dürfen Schulklassen den Friedhof nur gegen Gebühren besuchen? Bei einem Treffen vor Ort sprach sie darüber mit Prof. Heide Inhetveen, die intensiv zum jüdischen Leben in der Region forscht. Beide halten eine bessere Zugänglichkeit für wichtig.
Ein Friedhof mit sichtbaren Spuren
Der Friedhof liegt an der Gießereistraße 3–5 in 92318 Neumarkt in der Oberpfalz. Eingerichtet wurde er 1879/80. Zuvor waren jüdische Verstorbene in Sulzbürg beigesetzt worden. Das 940 Quadratmeter große Gelände ist von einer stabilen Steinmauer umgeben; durch ein schmiedeeisernes Tor gelangt man hinein.
Zwei Grabfelder mit etwa 100 Gräbern teilen das Areal. Vom Tahara-Haus führt ein Weg durch die Mitte des Friedhofs bis zur gegenüberliegenden Mauer. In den beiden hinteren Reihen auf der linken Seite liegen Kindergräber. Entlang des Mittelgangs stehen zahlreiche Grabsteine aus schwarzem Marmor. Viele davon sind seitenverkehrt aufgestellt – ein Detail, das beim Rundgang irritiert und zugleich neugierig macht.
Rechts neben dem Tor stehen das Tahara- und das bewohnte Friedhofswärterhaus. Am Gebäude erinnert eine Gedenktafel an die Entstehung des Ortes. Ihre Inschrift lautet: „FRIEDHOF der ehemaligen israelitischen Kultusgemeinde angelegt 1879/80“.
1933 waren in der Gemeinde Neumarkt noch zwei Chewrot Kaddischot tätig. Die letzte Beisetzung fand im September 1950 statt: Emilie Hacker, die Witwe eines Justizrats.
Gegen das Vergessen braucht es Zugang
Wie sich ein solcher Ort vermitteln lässt, zeigen auch andere bayerische Projekte. Im Februar 2017 wurde im Keller des Landratsamtes Lichtenfels ein brauner Umschlag mit 13 Führerscheinen jüdischer Bürgerinnen und Bürger des Landkreises gefunden.
Schülerinnen und Schüler des P-Seminars am Meranier-Gymnasium Lichtenfels recherchierten anschließend die Biografien und Lebenswege der Führerscheinbesitzer – anhand zahlreicher Quellen und mit langem Atem. In Israel, Argentinien und den USA fanden sie Nachkommen von elf der 13 Personen. Zwei der betroffenen Familien wurden während der NS-Zeit ermordet.
Aus den Recherchen entstand die Ausstellung „13 Führerscheine. Dreizehn jüdische Schicksale“. Sie verbindet die bürokratischen Fundstücke mit persönlichen Lebensgeschichten und Biografien. Auf 19 Tafeln werden Einblicke in die Lebenswege jüdischer Bürgerinnen und Bürger gegeben. International wurde die Ausstellung rezipiert und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen P-Seminar-Preis 2019.
Kostenlos ausgeliehen werden kann die Ausstellung ebenfalls. Zur Ausstattung gehören 19 farbige Roll-up-Tafeln auf Ständern, jeweils 85 × 200 cm groß. Die Tafeln sind beleuchtet und lassen sich ohne zusätzliche Aufhängungen auf- und abbauen. Für die Ausleihe ist StD a. D. Manfred Brösamle-Lambrecht Ansprechpartner; Kontakt: 13fs[at]meranier-gymnasium.de.
Auf der Homepage des Meranier-Gymnasiums stehen die Ausstellungstafeln und das Begleitbuch als PDF zum Download bereit. Zusätzlich gibt es einen etwa 30-minütigen Film über die Schicksale hinter der Ausstellung. Begleitende Lernmaterialien enthalten Informationen zum Erwerb der Filmlizenz.
Dokumente gegen das Verblassen
Auch für den Neumarkter Friedhof sind erhaltene Dokumente wichtig. Israel Schwierz stellte Originalfotografien aus seiner 1988 veröffentlichten Dokumentation „Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern“ zur Verfügung. Die Bilder halten den Zustand der Grabsteine fest und sind angesichts ihrer fortschreitenden Verwitterung eine wichtige Quelle.
Die Dokumentation ist in der zweiten Auflage von 1992 erschienen: Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, München 1992, S. 289. Außerdem wird der Friedhof in Michael Trügers Beitrag „Jüdische Friedhöfe in Bayern (20)“ behandelt, erschienen in Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern 13, Nr. 77, September 1998, S. 29–31, hier S. 29.
Von Göttingen aus wirkt der Neumarkter Streit um Gebühren und Zugang zunächst weit weg. Aber genau dort, zwischen Mauer, schwarzem Marmor und verwitternden Inschriften, entscheidet sich, ob Geschichte nur auf Tafeln steht – oder ob Schulklassen sie tatsächlich betreten können.
