Wer dieser Tage über eine Wiese rund um die Uni Rostock geht, entdeckt ihn vielleicht erst auf den zweiten Blick: den Schopf-Tintling. Der heimische Pilz wächst an Wegrändern, in Gärten und Parks, auf Wiesen und auch mitten in Städten. Oft steht er in Gruppen da, zunächst wie eine schuppige, weißliche Kerze. Manchmal bildet er seine Fruchtkörper sogar über Nacht und drückt sie durch die Grasnarbe.

Von Mai bis November ist er häufig zu finden; in Mitteleuropa liegt der Schwerpunkt seiner Fruktifikation im September. Andere Beschreibungen nennen den Zeitraum von April bis November beziehungsweise vom späten Frühjahr bis in den Spätherbst. Je nach Nährstoffangebot wächst er einzeln, in kleinen Gruppen oder in Ansammlungen mit bis zu mehreren hundert Exemplaren. Auf gedüngten Rasenflächen in Wohngebieten kann es richtig voll werden.

Erst Spargelpilz, dann flüssig

Der Schopf-Tintling, wissenschaftlich Coprinus comatus, gehört zur Familie der Champignonverwandten. Bekannt ist er auch als Spargelpilz, Porzellantintling oder Tintenpilz. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie ernannte ihn zum „Pilz des Jahres 2024“.

Junge Hüte sind ei- bis walzenförmig und öffnen sich später glockenförmig. Die zunächst fast weiße Huthaut reißt während des Wachstums in Schuppen auf; am Rand kann sie beige bis rosa, an der Spitze rötlich bis bräunlich werden. Der Hut ist meist 5 bis 10 Zentimeter hoch und 3 bis 6 Zentimeter breit, kann aber bis zu 20 Zentimeter erreichen. Das Fruchtfleisch bleibt weiß und dünn. Der weiße Stiel ist lang, glatt beziehungsweise geschuppt und längsfaserig, 1 bis 2 Zentimeter dick, knollig und mit einem schmalen, häutigen, nicht angewachsenen Ring versehen. Bei älteren Exemplaren verschwindet dieser Ring oft.

Essbar ist der Pilz nur sehr jung und vollständig fest, solange der Hut nicht ausgebreitet ist und die Lamellen noch weiß sind. Dann gilt er als guter Speisepilz mit zarter Konsistenz und mildem, dezentem Spargelaroma. Die Stiele sind wegen ihrer meist zähen, holzigen Konsistenz weniger beliebt – daher der Name Spargelpilz. Nach dem Sammeln heißt es: schnell in die Küche. Sobald Fleisch oder Lamellen rosa werden, sollte man ihn nicht mehr essen.

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Denn nun beginnt die Autolyse, eine enzymatische Selbstverdauung. Die anfangs verdeckten Lamellen werden zunächst weiß, später rosa; im Alter lösen sie sich gemeinsam mit dem Hut von den Rändern her in eine tintenartige Flüssigkeit auf. Der Pilz „schmilzt“ förmlich. Das sieht ein wenig unwirklich aus, ist aber ein ausgeklügelter Weg zur Sporenverbreitung.

Schwarze Sporen, kleine Helfer

Die Flüssigkeit lockt Insekten an. Sie fressen Teile davon und tragen die Sporen an geeignete Stellen weiter. Regen transportiert die Tropfen ebenfalls ab, zusätzlich werden die Sporen durch Luftbewegungen wie Staub verbreitet. Sie sind elliptisch, schwarz und undurchsichtig, 10 bis 15 × 7 bis 8 Mikrometer groß und besitzen eine Keimspalte.

Der Schopf-Tintling lebt saprotroph von abgestorbenem organischem Material, etwa Grasresten. Unterirdisch kann er allerdings noch mehr: Sein Myzel ist nematophag und fängt Fadenwürmer. Es bildet winzige Schlaufen beziehungsweise kleine kugelige Fangorgane mit dornigen Auswüchsen. Bewegt sich ein Nematode hindurch, pumpt der Pilz Wasser in die Myzelfäden. Die Schlaufen dehnen sich aus, schnüren den Wurm ein und machen ihn bewegungsunfähig. Ein Toxin unterstützt diesen Vorgang; danach besiedeln Pilzhyphen den Fadenwurm, Enzyme verdauen ihn vor, und das Myzel nimmt die Nährstoffe über seine Zellwände auf. Eiweißreiche Kost, wenn man so will.

Die Art ist in Europa heimisch, auf der gesamten nördlichen Hemisphäre weit verbreitet und nahezu überall in Bayern anzutreffen. Ein typischer Waldpilz ist sie aber nicht: Häufiger stehen die Fruchtkörper an Waldrändern, Straßen und Wegen, in Parkanlagen, Gärten und auf Wiesen. Kultivieren lässt sich der Pilz ebenfalls; im Handel wird unter anderem mit Pilzmyzel durchwachsene Körnerbrut angeboten.

Aus dem Pilz wird Schreibflüssigkeit

Dass der Schopf-Tintling nicht nur auf dem Teller, sondern auch am Schreibtisch landen kann, zeigte die Rostocker Pilzberaterin Ria Bütow bei der 48. Landespilzausstellung in Rostock. Sie stellte dort selbst hergestellte Tintling-Tinte vor. Früher wurde Pilztinte unter anderem für fälschungssichere Unterschriften verwendet, weil die Sporen unter dem Mikroskop nachweisbar sind.

Die Herstellung ist erstaunlich schlicht: Die Pilzhüte kommen mit etwas Wasser in einen Behälter und bleiben dort stehen, bis sie sich weitgehend aufgelöst haben. Nach einem bis zwei Tagen sind Hut und Lamellen zerfallen. Anschließend wird der Sud abgegossen; festes Pilzfleisch soll nicht in der Tinte bleiben. Ein wenig Nelkenöl sorgt dafür, dass sie angenehmer riecht und hilft bei der Haltbarkeit. Gummi Arabicum dient als Bindemittel, macht die Flüssigkeit dickflüssiger und verbessert ihre Haftung auf Papier.

Laut Bütow ist die fertige Tinte ergiebig, haltbar und lichtbeständig. Am besten funktioniert sie mit einer Feder oder alten Schreibfeder. In der schwarzen Flüssigkeit liegen die Sporen – gewissermaßen das letzte Kapitel des Pilzhutes.

Bütow ist leitende Pilzberaterin in Rostock, war früher Systemprogrammiererin an der Universität Rostock und bietet Pilzberatungen sowie Pilzwanderungen an. Gerade bei Tintlingen dürfte dabei ein Hinweis regelmäßig fallen: Nicht alles, was ähnlich aussieht, gehört in die Pfanne.

Verwechslung, Alkohol und angehobener Asphalt

Eine mögliche Verwechslung besteht mit dem ebenfalls essbaren Falten-Tintling, Coprinopsis atramentaria. Sein Hut ist jedoch vom Zentrum zum Rand gefaltet oder gerieft und erinnert an einen Faltenrock beziehungsweise einen eingeklappten Sonnenschirm. Der Schopf-Tintling trägt dagegen grobe, abstehende Schuppen auf einem glatten Hut.

Der Falten-Tintling kann zusammen mit Alkohol Vergiftungserscheinungen verursachen, weil er den Alkoholabbau im Körper hemmt. Schon kleine Mengen Alkohol können dann alkoholähnliche gesundheitliche Probleme auslösen. Auch der Schopf-Tintling enthält Coprin, mit etwa 26 Milligramm pro Kilogramm Frischgewicht allerdings rund ein Fünftel der Menge des Falten-Tintlings. Laut Artikel führt diese geringe Menge meist nicht zum Coprinus-Syndrom, selbst wenn gleichzeitig Alkohol getrunken wird. Beim Sammeln bleibt trotzdem Vorsicht angesagt.

Dass der Pilz Druck entwickeln kann, zeigte sich auf einer neu angelegten Sportanlage: Innerhalb eines Jahres entstanden unter einem Kunststoffbelag bis zu sechs Zentimeter hohe Beulen. Wegen der Unfallgefahr wurde der Sportplatz gesperrt. Als die etwa vier Zentimeter dicke Asphaltdecke geöffnet wurde, kamen darunter rund 100 dicht stehende Schopf-Tintling-Fruchtkörper zum Vorschein. Während des Wachstums pumpt der Pilz Wasser in seine Fruchtkörper und hob die Decke nach dem hydraulischen Prinzip an. Auch der sogenannte Stadtchampion, ein Vertreter der Champignons, kann vergleichbare Schäden an Teerdecken verursachen.

Auf der Wiese wirkt der Schopf-Tintling dagegen zunächst harmlos: weiß, schuppig, fast zerbrechlich. Dann verfärben sich die Lamellen, die Ränder werden weich, und aus dem Pilz läuft langsam schwarze Flüssigkeit. Ein kleiner Naturfilm – direkt neben dem Weg.