Im Berliner Bode-Museum steht Angela Merkel derzeit wieder im Mittelpunkt – obwohl sie seit fast fünf Jahren nicht mehr Bundeskanzlerin ist. Das von Jérémie Queyras gemalte Porträt der Altkanzlerin bleibt wegen des großen Besucherinteresses bis zum 3. Januar zu sehen. Eigentlich war eine kürzere Laufzeit vorgesehen. Merkel will dort außerdem Postkarten mit dem Porträtmotiv signieren.

Rund fünf Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt ist sie ohnehin wieder auffällig präsent: Im Februar besuchte sie einen CDU-Parteitag und wurde mit großem Empfang begrüßt, sie trat bei einer Digitalmesse, mit Jugendlichen und auf TikTok auf. Eine mögliche Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin oder eine Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg wurden dementiert. Dazu kommt die Lesetour zu ihrer Autobiografie Freiheit. Das 736 Seiten starke Buch wurde laut Verlag weltweit mehr als eine Million Mal verkauft; zu Lesungen und Signierstunden kommen weiterhin Hunderte Menschen.

Warum Merkel vielen fehlt

Bei einer Lesung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde sprach Merkel 90 Minuten lang über ihr Leben – von der Kindheit bis ins Kanzleramt. Es ging um „Wir schaffen das“, die AfD, die Annexion der Krim durch Russland und die Corona-Pandemie. Den stärksten Applaus bekam sie für den Aufruf, sich für die Demokratie einzusetzen, und für ihren Satz an demokratische Parteien: „Maß und Mitte, das ist Basis und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.“ Das klingt auch wie ein Ratschlag an ihren Nachnachfolger Friedrich Merz.

Viele Besucherinnen nennen als Grund für ihre anhaltende Wertschätzung Merkels ruhige, unaufgeregte Art. Während ihrer Amtszeit habe sie ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit vermittelt. Krisen – den Umgang mit Wladimir Putin, die Pandemie oder die Flüchtlingsbewegung – habe sie aus Sicht vieler Menschen sicher bewältigt. Nicht mit großem Getöse, eher mit dem Eindruck: Das lässt sich irgendwie regeln.

Auch in der Union wird die Merkel-Nostalgie mit ihrem politischen Stil und ihrem Auftreten erklärt: glaubwürdig bescheiden, bodenständig, unprätentiös, verbindend und wenig polemisch. Für viele wirkte die Welt damals übersichtlicher. Gerade jüngere Menschen, die mit Merkel als Kanzlerin aufgewachsen sind, könnten sich nach dieser wahrgenommenen Sicherheit zurücksehnen.

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Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte beschreibt ihren Stil als Verzicht auf Empörung, als überparteiliche Nähe zu den Menschen und als ungewöhnliche Unpathetik. Selbst nach ihrem Abschied spreche Merkel keine technokratische Sprache; ihre Aussagen seien für viele verständlich. Das ist vielleicht der Kern des Phänomens: Sie musste nicht laut werden, um im Raum zu bleiben.

Merz, die Umfragen und ein politischer Kontrast

Friedrich Merz hatte einen politischen Kurswechsel und eine stärker konservative Linie angekündigt. Nach gut einem Jahr im Amt sind seine Zustimmungswerte laut dem Artikel historisch niedrig. Im ARD-„Deutschlandtrend“ sagen neun von zehn Befragten, sie seien mit Merz eher oder sehr unzufrieden. Die AfD liegt in bundesweiten Umfragen vor der CDU, zugleich kämpft Merz mit Autoritätsproblemen und Spannungen mit dem Koalitionspartner SPD.

Forsa-Geschäftsführer Peter Matuschek zufolge hält eine Mehrheit Merz’ Regierungsleistung nicht für besser als die seines von ihm häufig kritisierten Vorgängers Olaf Scholz. Merkel wird deutlich positiver bewertet – wobei Nostalgie eine Rolle spielen könne. Ihre hohen Zustimmungswerte waren allerdings schon während ihrer aktiven Amtszeit auffällig. Matuschek nennt Merz’ Anspruch auf „CDU pur“ und die Rückkehr zu einer profilierteren konservativen Linie einen politischen Grundirrtum.

Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 kamen CDU/CSU auf 28,6 Prozent. Unter Merkel hatte die Union bei ihrer letzten Bundestagswahl knapp 33 Prozent erreicht. In aktuellen Umfragen liegt sie laut Artikel nur noch bei 18 bis 20 Prozent.

Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der dpa unter gut 2.000 Befragten liefert dazu ein ziemlich klares Stimmungsbild: 48 Prozent halten Merkel für besser geeignet als Merz, die aktuellen Probleme und Herausforderungen Deutschlands zu lösen. 29 Prozent beurteilen beide als gleich gut oder schlecht geeignet. Nur 8 Prozent halten Merkel für schlechter geeignet als Merz.

Von Templin nach Berlin

Angela Kasner wurde 1954 im Hamburger Elim-Krankenhaus als erstes Kind des evangelischen Theologen Horst Kasner und der Lehrerin Herlind Kasner geboren. Noch im selben Jahr siedelte die Familie in die DDR über. Der Vater wurde Pfarrer in Quitzow und wechselte 1957 dauerhaft nach Templin, wo er am Aufbau einer kirchlichen Weiterbildungsstelle mitwirkte. Angela wuchs im Haus Fichtengrund auf. Ihre Mutter durfte wegen des Pfarrberufs ihres Mannes nicht im DDR-Schuldienst arbeiten. Der Bruder Marcus wurde 1957 geboren, die Schwester Irene 1964. Merkels Großvater Ludwig Kasner stammte aus Posen und hatte polnische Wurzeln; seine Biografie im Ersten Weltkrieg wurde 2013 öffentlich thematisiert.

1961 wurde Angela Kasner an der Polytechnischen Oberschule in Templin eingeschult. In Russisch und Mathematik war sie besonders gut, gewann Russisch-Olympiaden bis auf DDR-Ebene und war FDJ-Mitglied. 1973 legte sie an der Erweiterten Oberschule in Templin ihr Abitur mit der Note 1,0 ab und erhielt die Lessing-Medaille. Danach begann sie an der Karl-Marx-Universität Leipzig ein Physikstudium. Nach eigenen Angaben arbeitete sie zur Finanzierung an zwei Abenden pro Woche in Diskotheken als Bardame.

Mit der DDR-Opposition hatte sie nichts zu tun, Mitglied der SED oder einer Blockpartei war sie ebenfalls nicht. 1977 heiratete sie den Physikstudenten Ulrich Merkel; die kinderlose Ehe wurde 1982 geschieden. Ihre Diplomarbeit zur Reaktionsgeschwindigkeit bimolekularer Reaktionen in dichten Medien wurde im Juni 1978 mit „sehr gut“ bewertet.

Nach einer erfolglosen Bewerbung an der Technischen Hochschule Ilmenau wechselte Merkel 1978 nach Ost-Berlin. Am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof arbeitete sie zunächst in der Abteilung Theoretische Chemie. Für Berechnungen ihrer Dissertation nutzte sie einen leistungsfähigen IBM-Großrechner an der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften in Prag.

1986 reichte sie ihre Dissertation über Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch ein; auch sie wurde mit „sehr gut“ bewertet. Für die vorgeschriebene Vertiefung im Marxismus-Leninismus verfasste sie zusätzlich die Arbeit „Was ist sozialistische Lebensweise?“, die mit „genügend“ bewertet wurde. Nach der Promotion zur Dr. rer. nat. wechselte sie in den Bereich Analytische Chemie.

In einer FDJ-Gruppe engagierte sie sich nach eigenen Angaben als Kulturreferentin. Zeitzeugen berichteten hingegen von einer Tätigkeit für „Agitation und Propaganda“. Weder in der zivilen noch in der kirchlichen Opposition war sie aktiv.

Der lange Weg ins Kanzleramt

Während der politischen Wende 1989 wollte Merkel zunächst der SPD beitreten. Im Dezember 1989 begann sie dann beim Demokratischen Aufbruch, zuerst unentgeltlich als provisorische Systemadministratorin, ab Februar 1990 hauptberuflich als Sachbearbeiterin im Umfeld des DA-Vorsitzenden Wolfgang Schnur. Sie entwarf Flugblätter, wurde Pressesprecherin und Mitglied im DA-Vorstand. Der DA wandelte sich von einer zunächst linksorientierten Bürgerbewegung zu einer klar sozialismuskritischen Organisation und wurde Anfang 1990 Teil des Wahlbündnisses Allianz für Deutschland.

Kurz vor der Volkskammerwahl kam heraus, dass Wolfgang Schnur von 1965 bis 1989 für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hatte. Merkel leitete die Pressekonferenz, bei der der DA-Vorstand seine Betroffenheit erklärte. Bei der freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 erhielt der DA nur 0,9 Prozent. Die Allianz für Deutschland wurde durch das Ergebnis der Ost-CDU dennoch faktischer Wahlsieger.

In der Regierung Lothar de Maizières wurde Merkel stellvertretende Regierungssprecherin. Sie begleitete Verhandlungen zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sowie zur deutschen Wiedervereinigung, war bei der Unterzeichnung des Einigungsvertrags und beim Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrags anwesend. Im August