Seit dem Wochenende hängen im Beyer-Bau der TU Dresden rund 40 großformatige Schwarzweißfotografien von Cengiz Dicleli. Die Bilder zeigen Ingenieurbaukunst, vor allem Bauwerke von Ulrich Finsterwalder und weiteren Ingenieuren. Wer durch die Flure geht, sieht keine bloße Dokumentation: Sichtbeton wird hier zu Fläche, Kante, Schatten und manchmal fast zu Landschaft.

Dicleli ist selbst Bauingenieur und bezeichnet sich als Amateurfotografen mit künstlerischen Ambitionen. Geboren wurde er in Istanbul, wo er eine deutsche Schule besuchte. Anschließend kam er als Stipendiat nach Deutschland und studierte in Berlin Bauingenieurwesen. Dass Baugeschichte und die Geschichte des Ingenieurbaus an deutschen Hochschulen lange kaum vermittelt wurden, kritisiert er deutlich.

Beton, der Skepsis überstand

Im Mittelpunkt seines Interesses steht Ulrich Finsterwalder. Schon vor zehn Jahren nannte Dicleli ihn außergewöhnlich genial. Finsterwalder verband Theorie und Praxis, brachte Innovationskraft und Risikobereitschaft zusammen – Eigenschaften, die nach Diclelis Einschätzung seine internationale Bedeutung begründeten.

Der Ort der Ausstellung passt dazu. Der Beyer-Bau hieß bis 1953 „Bauingenieurgebäude“; seit 1913 wird hier zu Bauingenieurwesen geforscht und gelehrt. Entworfen wurde das Gebäude von Martin Dülfer. Außen wirkt es traditionell, innen kam die damals neue Eisenbetontechnik zum Einsatz. Manfred Curbach, Seniorprofessor und früherer Direktor des Instituts für Massivbau, sprach bei der Eröffnung über den Mut, neue Bautechnologien einzusetzen – und über die anfängliche Skepsis gegenüber Beton, der in Formen gegossen wurde und trotzdem große Lasten tragen sollte.

Curbach fördert an der TU Dresden die Beschäftigung mit Baugeschichte. Außerdem erläuterte er die Entwicklung des Carbonbetons, die maßgeblich in Dresden vorangetrieben wurde. Bei der Sanierung des Beyer-Baus verstärkten dünne, carbonfaserbewehrte Betonschichten die teils nur acht Zentimeter dicken Betondecken. Das Erscheinungsbild blieb nahezu unverändert, die Tragfähigkeit stieg dennoch.

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Auch die Ausstellung selbst musste sich den Regeln des frisch sanierten Hauses beugen. Nägel sind dort unter anderem nicht erlaubt. Trotzdem gelang eine dauerhafte Präsentation der Fotografien. Kuratoren sind Manfred Curbach und die Dekanin Birgit Beckmann.

Finsterwalder und die großen Spannweiten

Ulrich Finsterwalder wurde am 25. Dezember 1897 in München geboren und starb dort am 5. Dezember 1988. Er war der Sohn des Geodäten und Mathematikprofessors Sebastian Finsterwalder sowie Bruder des Architekten Eberhard Finsterwalder und des Geodäten Richard Finsterwalder.

1916 legte er das Abitur ab und nahm anschließend am Ersten Weltkrieg teil. Von 1918 bis 1920 war er in französischer Kriegsgefangenschaft. Danach studierte er bis 1923 Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule München. Nach seinem Diplom begann er als Tragwerksplaner und Konstrukteur bei Dyckerhoff & Widmann.

Zunächst arbeitete er gemeinsam mit Franz Dischinger vor allem an dünnen Kuppelschalen und Tonnendächern. Solche Konstruktionen kamen unter anderem bei den Zeisswerken in Jena und bei der Markthalle Basel mit 60 Metern Spannweite zum Einsatz. 1930 promovierte Finsterwalder bei Ludwig Föppl über die Verformungsberechnung von Kreissegmentschalen.

Nachdem Dischinger an die Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg berufen worden war, übernahm Finsterwalder 1933 die Leitung des Konstruktionsbüros von Dyckerhoff & Widmann. Ab 1941 gehörte er der Geschäftsleitung an, ab 1949 war er persönlich haftender Gesellschafter. Das Unternehmen überstand zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise und nahm über Jahrzehnte eine führende Position im konstruktiven Ingenieurbau ein.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Finsterwalder auf Antrag seines Arbeitgebers vom Kriegsdienst freigestellt. Er war maßgeblich an der Herstellung von Bootskörpern aus Leichtbeton in Schalenbauweise beteiligt. 1944 erhielt er von der Berliner Gauleitung die Silberne Nadel des Dr.-Fritz-Todt-Preises für die Entwicklung des Betonschiffbaus.

Nach dem Krieg und dem Umzug des Unternehmens nach München entwickelte er unter anderem die Dywidag-Spannverfahren für den Spannbetonbau weiter. Einen Ende der 1940er Jahre erhaltenen Ruf auf den Lehrstuhl für Massivbau an der TH München lehnte er ab. 1953 entwarf er das freitragende Spannbeton-Schalendach der Schwarzwaldhalle in Karlsruhe mit einer Ausdehnung von 46 × 73 Metern.

Im Brückenbau war Finsterwalder maßgeblich an der Entwicklung des Freivorbaus von Spannbetonbrücken beteiligt. Nach seinem Entwurf entstand 1951 die 62 Meter weit gespannte Lahnbrücke in Balduinstein als erste Spannbetonbrücke im freien Vorbau. 1953 entwarf er mit demselben Verfahren die Nibelungenbrücke bei Worms, die erste Spannbetonbrücke über den Rhein; ihre maximale Spannweite beträgt 114 Meter.

Zu seinen weiteren bekannten Bauwerken gehört die Mangfallbrücke, eine Spannbeton-Fachwerkkonstruktion und Plattenbalkenbrücke, die ebenfalls im Freivorbau errichtet wurde. 1965 wurde die Bendorfer Brücke über den Rhein fertiggestellt. Ihre Spannweite von 208 Metern war damals Rekord für Spannbetonbalkenbrücken. Nach 50 Jahren bei Dyckerhoff & Widmann schied Finsterwalder 1973 aus.

Grautöne statt Hochglanz

Dicleli wählte Schwarzweißfotografie, um Formen und Oberflächen von Sichtbetonbauwerken hervorzuheben. Auf einigen Bildern entfernte er störende Verkehrsschilder und teilweise auch Menschen. Die Aufnahmen wurden in hoher Qualität von Fachlaboren entwickelt und zeigen differenzierte Grautöne – keine schnelle Handyästhetik, sondern sorgfältig ausgearbeitete Bilder.

Ein Teil der Fotografien entstand im Berliner Adlerhof. Die Beschriftungen nennen jeweils Motiv, Ort, beteiligte Personen und Entstehungszeit. Bei einigen Bildern im zweiten Obergeschoss fehlen diese Angaben allerdings. Das ist ein kleiner Stolperstein, gerade wenn man nicht nur schauen, sondern auch nachlesen möchte.

Finsterwalders Lebenslauf liefert der Ausstellung dabei eine ungewöhnlich breite technische und historische Folie. 1950 erhielt er die Ehrendoktorwürde der TH Darmstadt, 1963 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und 1968 die Ehrendoktorwürde der TU München. Es folgten 1970 die Freyssinet-Medaille der Fédération Internationale de la Précontrainte sowie 1977 der Award of Merit in Structural Engineering der Internationalen Vereinigung für Brückenbau und Hochbau.

Der Verlag Ernst & Sohn vergibt alle zwei Jahre den Ulrich Finsterwalder Ingenieurbaupreis für herausragende Leistungen im konstruktiven Ingenieurbau an ein Projektteam. Der übermittelte Inhalt einer weiteren Quelle, einer PDF mit dem Titel „Ulrich Finsterwalder. Ein Leben für den Betonbau“, besteht hingegen aus binären PDF-/JPEG-Daten und enthält keinen auslesbaren Nachrichtenartikel.

Die Ausstellung „Brücken und mehr. Bauten von Finsterwalder & Co. Ingenieurbaukunst, fotografiert von Cengiz Dicleli“ ist im ersten und zweiten Obergeschoss des Beyer-Baus zu sehen: George-Bähr-Straße 1, 01069 Dresden.