Am 20. Oktober 2026 beginnt an der ESMT Berlin der vierte Berlin Global Dialogue. Bis zum 22. Oktober treffen dort Politiker, Wirtschaftsvertreter und weitere Entscheidungsträger zusammen. Bundeskanzler Friedrich Merz wird teilnehmen; weitere hochrangige Gäste sollen später bekannt gegeben werden. Heute, am 2. Oktober 2026, laufen die letzten Vorbereitungen also bereits auf Hochtouren.

Organisiert wird der Gipfel von Carolin Albrecht, der Gründungsgeschäftsführerin des Berlin Global Dialogue. Mehr als 50 Sessions und über 120 Sprecher sind vorgesehen. Ganz fix ist das Programm trotzdem nie: Kurzfristige Zusagen hochrangiger Gäste bringen weiterhin Bewegung in die Planung. Zuletzt sagte der Premierminister von Lesotho zu. Feste „Wildcard-Plätze“ gibt es nicht. Wenn jemand nachträglich dazukommt, werden Zeiten und Programmpunkte angepasst.

Direkter Dialog statt bekannter Positionen

Die Konferenz wurde 2023 erstmals an der ESMT Berlin veranstaltet. Gründer ist Lars-Hendrik Röller, früher Wirtschaftsberater von Angela Merkel sowie deutscher G7- und G20-Sherpa. Der Berlin Global Dialogue soll eine Plattform für den Austausch über die sich verändernde internationale Ordnung, die Globalisierung und das Verhältnis von Politik und Wirtschaft sein.

Das diesjährige Leitthema lautet „Advancing Alliances for the New Era“. Im Mittelpunkt stehen neue staatliche Partnerschaften, darunter das Abkommen zwischen Europa und Indien sowie das Mercosur-Abkommen. Es geht aber nicht nur um Papier, Unterschriften und Fototermine, sondern um die praktischen Folgen: Was bedeuten solche Vereinbarungen für Unternehmen, Investitionen und Kooperationen?

Die internationale Ordnung ist zunehmend von Brüchen geprägt. Wirtschaftliche Integration wird von Großmächten immer stärker als geopolitisches Instrument eingesetzt; Märkte, Lieferketten und Technologien werden zu Schauplätzen von Konflikten. Die Veranstaltungsankündigung fragt deshalb, welche neuen Rollen Staat und Wirtschaft übernehmen sollen, wie Risiken und Verantwortlichkeiten verteilt werden und ob sich nationale Prioritäten mit den Zielen multinationaler Unternehmen vereinbaren lassen.

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Auch die Neuverteilung von Verantwortung zwischen Politik und Wirtschaft steht auf der Tagesordnung. Laut Albrecht wächst das Verständnis dafür, dass beide Seiten stärker zusammenarbeiten müssen, statt Verantwortung gegenseitig zuzuschieben. Regierungen sollen neue Allianzen bilden und das Verhältnis zwischen nationaler Sicherheit und wirtschaftlicher Stärke neu definieren. Unternehmen wiederum müssen ihre Widerstandsfähigkeit stärken, kritische Fähigkeiten absichern und ihre Geschäftsmodelle anpassen.

Marktzugang und Technologieführerschaft werden dabei nicht bloß als Wirtschaftsfragen behandelt, sondern auch als Fragen der Macht. Neben Europa und den USA sollen Entscheidungsträger aus Asien, Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten vertreten sein. Gerade diese Mischung verändert die Gespräche, sagt Albrecht. Der indische Wirtschaftsminister etwa frage stärker danach, was Europa für den Zugang zu seinem Markt anbiete.

Die meisten Sessions finden unter der Chatham House Rule statt. Medien dürfen über Aussagen berichten, sie aber nicht einzelnen Personen zuordnen. Der Anspruch lautet: nicht die üblichen bekannten Positionen wiederholen, sondern tatsächlich miteinander reden. Das klingt weniger spektakulär als ein Schlagwort, ist in einem Raum voller Minister und Vorstandsvorsitzender aber vermutlich die schwierigere Übung.

Wer kommt – und wie viel Platz bleibt für Currywurst?

Die Auswahl der Teilnehmer beginnt mit der Zielgruppe und den geografischen Regionen. Der Berlin Global Dialogue verbindet Wirtschafts- und Politikvertreter. Ein Summit gilt unter anderem dann als gelungen, wenn CEOs zwei Tage bleiben und jene Gesprächspartner und Themen vorfinden, die für sie relevant sind.

Dafür braucht es eine kritische Masse an Zusagen. Netzwerke spielen eine zentrale Rolle, insbesondere das von Lars-Hendrik Röller. Welche Gäste besonders gefragt sind, hängt auch von den aktuellen politischen Themen ab. Nach der Veröffentlichung seines Berichts war etwa Mario Draghi stark nachgefragt. Unternehmen wählen ihre Teilnahme häufig nach eigenen Branchenthemen oder nach übergeordneten wirtschaftspolitischen Fragen aus.

Veranstaltungsort ist die ESMT Berlin im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR. Große Räume bieten Platz für die Sessions, kleinere Räume für bilaterale Gespräche. Berlin sei wegen seiner historischen Bedeutung und seiner Fähigkeit, Menschen aus unterschiedlichen Regionen zusammenzubringen, ein entscheidender Standort.

Hinter den Kulissen wird es kleinteilig. Das Protokoll legt genau fest, wie groß Delegationen sein dürfen – je nachdem, ob ein Staats- oder Regierungschef oder ein Minister anreist. Normalerweise sind die Delegationen kleiner als eine Fußballmannschaft, eher mit einer Basketballmannschaft vergleichbar. In Einzelfällen können sie allerdings die Größe eines erweiterten Fußballkaders erreichen. Zusätzlich wird geregelt, wie viele Delegationsmitglieder im Hauptraum an den Sessions teilnehmen dürfen.

Sicherheitsvorkehrungen bleiben jedes Jahr auf demselben hohen Niveau. BKA und LKA ergänzen sie je nach Gast. Dazu kommen scheinbar profanere, aber entscheidende Dinge: Wegeleitung, eine Veranstaltungs-App und kurzfristige Benachrichtigungen. Catering und Kaffee sind ebenfalls wichtige organisatorische Faktoren. Für das Essen wird ein zusätzlicher Pavillon aufgebaut. Berliner Currywurst wurde bereits mehrfach serviert, unter anderem dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Lieferketten zwischen China, Vietnam und Washington

Der wirtschaftspolitische Hintergrund des Treffens reicht weit über die Räume der ESMT hinaus. Seit den 1980er-Jahren haben deutsche und europäische Unternehmen aus Kostengründen einen großen Teil ihrer Produktion nach Asien verlagert, besonders nach China. Von dort kommen Vor- und Fertigprodukte nach Europa; zugleich beliefern Firmen von dort Kunden in anderen Weltregionen.

Nun entstehen konkurrierende Machtblöcke. Laut Deloitte-Experte Jürgen Sandau ist der Höhepunkt der wirtschaftlichen Globalisierung überschritten: Die Weltwirtschaft entwickelt sich weniger zu einem einheitlichen, offenen Markt. Die USA ziehen sich teilweise aus ihrer Rolle als globale liberale Führungsmacht zurück, während China zur politischen und wirtschaftlichen Rivalen- und Machtposition aufgestiegen ist.

Die deutsche Außenhandelskammer in China berät Unternehmen deshalb zur „Diversifikation“ und nennt mögliche Ausweichländer. Ein vollständiger Rückzug aus China ist für viele Firmen wegen der Bedeutung des dortigen Marktes keine Option. 43 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in China wollten die Risiken ihres China-Geschäfts reduzieren, gleichzeitig plante die Hälfte, ihre Investitionen in China zu erhöhen. 2020 hatte dieser Anteil noch bei rund drei Vierteln gelegen.

„Derisking“ kann vieles bedeuten: „China plus Eins“, Lokalisierung, Regionalisierung oder „China für China“. Beim Modell „China plus Eins“ entstehen neben chinesischen Produktionsstätten weitere Standorte, sodass die Fertigung auf mehrere Länder verteilt wird. Möglich wären etwa Lieferungen aus Vietnam nach Europa, falls Lieferungen aus China nicht mehr möglich wären. Bei „China für China“ wird in China für den chinesischen Markt produziert, während andere Standorte – etwa in Vietnam – den Weltmarkt beliefern. Auch eine Trennung der Dateninfrastruktur zwischen europäischen Zentralen und chinesischen Niederlassungen kann zur Entkopplung beitragen und Sanktionen gegen China leichter umgehen helfen.

Ein konkretes Beispiel liefert RRC Power Solutions aus Homburg. Das Unternehmen betreibt seit 2023 ein Werk in Vietnam und produziert unter anderem Stromspeicher für Roboter, Drohnen sowie Medizin- und Verteidigungstechnik. Vietnam soll die Lieferanten- und Produktionsbasis neben China und Taiwan diversifizieren, Lieferkettenstörungen abfedern und zugleich niedrige Arbeits- und Produktionskosten nutzen.

Die deutsche Außenhandelskammer in Vietnam registrierte 2024 insgesamt 470 Investitionsprojekte deutscher Unternehmen mit rund 50.000 Arbeitsplätzen. Aktiv sind dort unter anderem Beratungsunternehmen sowie Firmen aus Maschinenbau, Textil, Chemie und Elektronik. Ein wichtiges Motiv sind „China-plus-Eins-Strategien“.

Ganz so einfach ist die Rechnung aber nicht. BASF will neben China verstärkt Indien, Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand und Vietnam berücksichtigen. Gleichzeitig investierte der Konzern bis zu zehn Milliarden Euro in einen großen Verbundstandort in der chinesischen Provinz Guangdong. Die Anlage sollte 2025 die volle Produktion aufnehmen; sie ist BASFs größte Einzelinvestition und die drittgrößte Anlage weltweit. BASF bezeichnet das als Bekenntnis zu China, um am dortigen Markt für chemische Grundstoffe teilzunehmen. China steht laut BASF für 50 Prozent des weltweiten Chemieumsatzes, bisher entfallen jedoch weniger als 15 Prozent des BASF-Umsatzes auf China.

Unternehmen müssen neben wirtschaftlichen Risiken wieder stärker Krieg und geopolitische Konflikte berücksichtigen. Der russische Angriff auf die Ukraine veränderte durch den Rückgang russischer Energielieferungen europäische Lieferketten. Eine mögliche Eskalation zwischen China und Taiwan könnte Lieferanten, Kunden und Standorte beeinträchtigen. Als mögliche neue oder zusätzliche Partner und Märkte werden in Asien unter anderem