Berlin Global Dialogue: Wie sich Macht, Märkte und Technologie neu ordnen
Im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude in Berlin hat der vierte Berlin Global Dialogue (BGD) begonnen. Bis Donnerstag kommen rund 1.500 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft zur Konferenz der Wirtschaftshochschule ESMT zusammen. Der Veranstaltungsort wirkt dabei fast wie ein gebauter Kommentar zur Gegenwart: früher Staatsmacht, heute Schauplatz für Gespräche über Märkte, Technologie und neue Machtblöcke.
Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnete den ersten Tag mit einer Rede über China, Russland, Protektionismus und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Die Europäische Union wolle einen Handelskonflikt mit China vermeiden, sagte Merz. Gleichzeitig müsse sich Europa gegen chinesische Überkapazitäten und eine unterbewertete Währung schützen. „Wir suchen keinen Konflikt“, erklärte der Kanzler, die EU müsse aber bereit sein, „uns und unsere Industrie zu verteidigen“.
Zwischen China, Russland und KI
In der Vorwoche hatten die EU-Staats- und Regierungschefs neue Instrumente gegen wirtschaftliche Erpressung vereinbart. Im Extremfall könnten diese den Ausschluss von Ländern wie China vom europäischen Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Verbrauchern ermöglichen. Laut Merz müsse die EU diese Befugnisse möglicherweise gar nicht einsetzen.
Russland verübe hybride Angriffe, um Europa zu spalten, sagte der Kanzler. Der Krieg im Nahen Osten bringe zugleich das globale Energiesystem durcheinander. China und die USA befänden sich in einem „erbitterten Wettbewerb“ um wirtschaftliche und militärische Vorteile sowie um technologische Vorherrschaft – insbesondere bei künstlicher Intelligenz. Eine neue Welle des Protektionismus erschwere den globalen Freihandel, während einige Staaten wirtschaftliche Abhängigkeiten gezielt als Druckmittel nutzten.
Im anschließenden Gespräch bezeichnete Merz den russischen Einfluss auf die Gesellschaft als seine größte Sorge. Bei steigenden Preisen, hohen Wohnkosten und einer alternden Bevölkerung verwies er auf Rentenreformen, reguläre Arbeitsmigration und einen stärkeren Einsatz von KI. Die Bundesregierung müsse zeigen, dass die politische Mitte Probleme lösen könne: „Wir müssen liefern.“
Auch Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters BlackRock, sprach über künstliche Intelligenz – allerdings mit Blick auf Strom, Rechenzentren und Inflation. Ein langsamer Ausbau von Rechenzentren könne die Inflation verstärken, weil Rechenleistung derzeit teuer sei. Ein schneller Ausbau könne die Kosten senken; ein gebremster Ausbau gefährde laut Fink die Wirtschaft. Der Wettbewerb um Kapital sei so stark wie nie in seiner beruflichen Laufbahn.
Anleger sorgen sich laut Bloomberg zunehmend, dass sich hohe KI-Investitionen erst später als erwartet in Gewinnen niederschlagen. Fink wies Warnungen vor einer KI-Blase dennoch zurück und verwies auf Lieferengpässe sowie eine stärker als erwartete Nachfrage. Auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sieht keine KI-Blase. Die Unruhe an den Märkten führt er eher auf geopolitische Entwicklungen zurück. Damit widerspricht er Citadel-Gründer Ken Griffin, der von einer nahezu sicheren KI-Blase gesprochen hatte.
Fink warnte die US-Regierung außerdem vor den Folgen des US-Haushaltsdefizits, das bei fast zwei Billionen Dollar liegt. Die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen seien so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Ein Berliner Forum für die neue Weltlage
Gegründet wurde der Berlin Global Dialogue von Lars-Hendrik Röller. Er leitete von 2011 bis 2021 die Wirtschafts- und Finanzabteilung im deutschen Kanzleramt und war als G7- und G20-Sherpa von Angela Merkel tätig. Heute lehrt Röller an der ESMT, die den BGD ausrichtet. Die Konferenz gilt als Berliner Gegenstück zur Münchner Sicherheitskonferenz, setzt ihren Schwerpunkt aber auf internationale Wirtschafts- und Industriekooperation.
Der BGD ist keine Investorenkonferenz. Er soll Raum für Diskussionen und Netzwerke schaffen, in denen Politik und Wirtschaft über geopolitische Veränderungen und mögliche Kooperationen beraten. Das diesjährige Motto lautet „Advancing Alliances for the New Era“. Die Veranstalter verweisen auf eine veränderte internationale Ordnung, in der wirtschaftliche Verflechtungen enger mit Sicherheitsfragen verbunden sind. Auf dem Programm stehen geopolitische Verschiebungen, Klimawandel, technologischer Fortschritt und globale Ungleichheit.
Der Berlin Global Dialogue 2025 stand unter dem Thema „Shifting Power, Shaping Prosperity“. Die Veranstaltung untersuchte, wie Multipolarität als Katalysator für globales Wachstum und Stabilität wirken kann. In einer multipolaren Welt beanspruchen zunehmend unterschiedliche Akteure wirtschaftliche, politische und militärische Macht. Technologische Fortschritte verändern dabei das Verständnis von Macht – und die Rolle von Unternehmen im geopolitischen Wettbewerb.
Neue Regeln für eine multipolare Welt werden derzeit entwickelt und sollen die kommenden Jahrzehnte prägen. Etablierte Akteure und aufstrebende Mächte stehen vor der Frage, wie sie einen Unterbietungswettlauf vermeiden und stattdessen Chancen, Gleichheit und Wohlstand fördern können. Die Machtverschiebungen erhöhen die gemeinsame Verantwortung, eine stabile und wohlhabende globale Ordnung zu gestalten. BGD 2025 soll Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft eine Plattform bieten, um gemeinsame Chancen zu identifizieren, neue Partnerschaften zu schließen und Vertrauen in einer multipolaren Welt zu schaffen.
Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, diskutierte, ob die Krise an der Straße von Hormus den Übergang zu einer breiter aufgestellten Energieversorgung beschleunigen könnte. Südafrikas Innenminister Leon Schreiber sprach über gesellschaftliche Folgen künstlicher Intelligenz. Lesothos Vize-Premierministerin Justice Nthomeng Majara thematisierte die Handlungsspielräume von Entwicklungsländern zwischen den großen Machtblöcken.
Weitere Diskussionen drehten sich um Europas wirtschaftliche Zukunft, neue Wachstumschancen und die Kosten größerer strategischer Unabhängigkeit. Daran beteiligten sich unter anderem Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, RWE-Chef Markus Krebber, Siemens-Healthineers-Chef Bernd Montag, EU-Kommissar Valdis Dombrovskis und Telekom-Chef Timotheus Höttges. 37 junge Menschen aus 21 Ländern gestalteten als „BGD Young Voices“ ein eigenes Panel.
Am Abend war Montenegros Präsident Jakov Milatović zu Gast. Für Donnerstag sind unter anderem Auftritte des indischen Handelsministers Piyush Goyal und des tschechischen Präsidenten Petr Pavel vorgesehen. Goyal spricht über wirtschaftliche Bündnisse, die Länder unabhängiger von den USA und China machen sollen. Pavel thematisiert die Sicherheitslage Europas seit Beginn des Ukraine-Krieges.
Die lange Verschiebung der Macht
Der Blick auf Berlin passt zu einer Theorie des hegemonialen Wandels: Globale Machtzentren steigen auf und verlieren später an Einfluss, wobei solche Übergänge von Spannungen und Konflikten begleitet sein können. Historisch verlagerte sich die wirtschaftliche und politische Vorherrschaft von den italienischen Seerepubliken über Spanien, die Niederlande und Großbritannien zu den Vereinigten Staaten. Der Aufstieg Großbritanniens war von den Napoleonischen Kriegen begleitet; der Aufstieg der USA stand mit den Weltkriegen und dem anschließenden Wettbewerb mit der Sowjetunion in Verbindung.
Nach Paul Kennedy beruht internationale Führungsmacht auf einem Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und militärischer Stärke. Sinkt die wirtschaftliche Basis, wird die Aufrechterhaltung globalen Einflusses kostspieliger. Nach dem Ende des Kalten Krieges entstand zunächst ein „unipolarer Moment“ mit nahezu konkurrenzloser Stellung der USA. Die Erwartung, das westliche Modell werde sich weltweit durchsetzen, erfüllte sich jedoch nicht vollständig.
In den vergangenen Jahrzehnten gewannen China, Indien, Russland und mehrere Regionalmächte wirtschaftlich, technologisch und politisch an Gewicht. Asien entwickelte sich innerhalb von rund 40 Jahren zum wichtigsten Produktionszentrum der Weltwirtschaft. China stieg von einer sehr armen Volkswirtschaft zu einer führenden Industrie-, Technologie- und Handelsmacht auf. Indien verzeichnet starkes wirtschaftliches und demografisches Wachstum, die ASEAN-Staaten zählen zu den dynamischsten Wirtschaftsregionen.
Der Anteil Asiens an der globalen Industrieproduktion nahm zu, während Europa und Nordamerika relativ an Bedeutung verloren. Neue Finanzinstitutionen, Infrastrukturprojekte und Kooperationsplattformen entstanden, darunter BRICS, die Shanghai Cooperation Organisation und Chinas Belt and Road Initiative. Das bedeutet nicht den vollständigen Bedeutungsverlust des Westens, wohl aber eine weniger unipolare internationale Ordnung.
Die USA behalten erhebliche Vorteile: starke militärische Fähigkeiten, weltweite Truppenpräsenz, die Rolle des US-Dollars als Leitwährung, führende Positionen in Hochtechnologien sowie ein umfangreiches Bündnisnetz. China erweitert kontinuierlich seinen wirtschaftlichen, technologischen und diplomatischen Einfluss. Auch Indien sowie Brasilien, die
