Im Audimax der Freien Universität Berlin begann der zweite Tag des Entrepreneurship Summit 2026 an diesem Sonntag, dem 18. Oktober, mit einer Frage, die sich nicht bequem wegmoderieren ließ: Was tun Menschen noch selbst, wenn Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen? Veranstaltet wurde das Treffen von der Stiftung Entrepreneurship unter der Leitung von Günter Faltin.

Bevor über künstliche Intelligenz, Kreislaufwirtschaft und neue Geschäftsmodelle gesprochen wurde, gab es Bewegung. Awai Cheung und Moderatorin Dörte Roloff führten das Publikum durch Übungen zu Gesundheit, Harmonie, Achtsamkeit, Lebensfreude und Dankbarkeit. Ein Muntermacher-Punkt am Bein gehörte dazu, ebenso eine Rückenmassage mitten im Saal. Ein etwas ungewöhnlicher Start für einen Unternehmertag – aber nach dem langen Sitzen waren viele vermutlich dankbar dafür.

Was der Mensch der Maschine voraus hat

Der Neurobiologe Gerald Hüther beschrieb Entrepreneurship als den Versuch, den Möglichkeitsraum des Menschen ständig zu erweitern. Seine entscheidende Frage: Dienen technische Entwicklungen der menschlichen Entfaltung – oder führen sie in Sackgassen?

Menschen nähmen häufig den Weg mit dem geringsten Energieaufwand, sagte Hüther. Begeisterung könne solche Entscheidungen zusätzlich verfestigen. Sein Bild dafür war eine Affenfalle: Ein Affe hält an einem Leckerbissen fest und bekommt deshalb seine Hand nicht mehr aus einer Öffnung. Loslassen wäre die Lösung, doch genau das gelingt nicht.

Fähigkeiten des Stirnhirns, also Impulse zu bremsen, Folgen abzuschätzen und sich in andere hineinzuversetzen, müssten Menschen selbst erfahren. KI könne Texte logisch überarbeiten, ihnen aus Hüthers Sicht aber den persönlichen Antrieb und die Lebendigkeit nehmen. Seine Empfehlung war entsprechend nüchtern: KI als Werkzeug nutzen, eigenes Denken und eigene Fähigkeiten aber weiterhin selbst einsetzen. Menschen sollten sich gegenseitig stärken, damit sie sich nicht so leicht durch KI verführen ließen.

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Anna Alex, die 2012 Outfittery mitgründete, danach Planetly und später Nala Earth aufbaute, sprach über Nachhaltigkeit nach dem Hype. Nala Earth warnt Unternehmen wie Mars oder BASF vor Naturrisiken, etwa vor drohenden Ernteausfällen durch Dürre.

Alex ordnete Nachhaltigkeit in den Hype Cycle ein: auf einen Auslöser folgen der Gipfel der Erwartungen, das Tal der Enttäuschung und schließlich das Plateau. Den Aufstieg des Themas verortete sie in den Jahren 2018 und 2019 – unter anderem wegen des Weltklimaberichts, Fridays for Future und des EU-Green-Deals. Damals hatten nach ihren Angaben 430 der 500 S&P-500-Unternehmen einen ESG-Ausschuss im Verwaltungsrat.

Heute stecke Nachhaltigkeit im „Tal der Enttäuschung“ und sei dadurch „erwachsen geworden“. Unternehmen würden nicht dauerhaft freiwillig auf Gewinne verzichten, um nachhaltiger zu handeln. Die nächste Phase werde von Geld, Margen und Kapital bestimmt. Für Gründerinnen und Gründer hatte Alex deshalb einen praktischen Rat: Nachhaltigkeit in wirtschaftliche Begriffe übersetzen. Recycling könne Rückgewinnung von Materialkosten bedeuten, Rücknahmeprogramme Kundenbindung und Kreislaufwirtschaft einen Beitrag zu Marge und Widerstandsfähigkeit.

Planetly gründete Alex 2019 und verkaufte es 2021 in die USA. Das richtige Timing sei für Unternehmensgründungen entscheidend.

Was bleibt, wenn das Produkt zurückkommt?

Der Chemiker Michael Braungart, Gründer des Hamburger Umweltinstituts EPEA und Miterfinder des Cradle-to-Cradle-Konzepts, wollte sich mit weniger Schaden nicht zufriedengeben. Produkte sollten so gestaltet sein, dass ihre Materialien nach der Nutzung vollständig in biologische oder technische Kreisläufe zurückkehren. Auch der Begriff „klimaneutral“ sei ihm zu wenig.

Unternehmen optimierten oft bestehende Produkte, ohne zuerst zu prüfen, ob diese überhaupt die richtige Lösung seien. Braungarts Waschmaschinenbeispiel machte das greifbar: Beim klassischen Verkauf erhält der Hersteller die Maschine nicht zurück und verwendet laut Braungart etwa 85 Kunststoffsorten. Verkauft er stattdessen 3.000 Waschgänge über neun Jahre und nimmt das Gerät anschließend zurück, reichen laut Braungart vier Kunststoffsorten. Die Materialien könnten wiederverwendet werden.

Faltin folgerte, dass für solche Geschäftsmodelle neue Unternehmen nötig seien, weil bestehende Anlagen und Geschäftsmodelle entwertet würden. Nach Braungarts Angaben gibt es bereits 70.000 Cradle-to-Cradle-zertifizierte Produkte.

Sein Pilotversuch klang fast wie ein Tarifmodell für den Haushalt: 300 Waschmaschinen, gekauft bei einem bestehenden Hersteller und mit einem Zähler versehen. Die Kosten dafür lägen bei höchstens 25 Euro pro Gerät. Kundinnen und Kunden kauften dann nicht die Waschmaschine, sondern 5.000 Nutzungspunkte. Eine 90-Grad-Wäsche kostet drei Punkte, eine 60-Grad-Wäsche zwei, eine 30-Grad-Wäsche einen Punkt.

Spätestens nach neun Jahren würde die Maschine zurückgenommen, überholt und erneut eingesetzt. Das Prinzip lasse sich übertragen: Bei einer Kaffeemaschine würden 5.000 Tassen Kaffee verkauft, nicht das Gerät; bei Fenstern 30 Jahre Durchblick und Wärmedämmung statt des Fensters. Braungart zeigte außerdem biologisch abbaubares Reifenmaterial und forderte das Publikum auf, ein bis drei konkrete Vorhaben umzusetzen.

High Tech, viel Verantwortung – und ein Roboter aus dem Drucker

Um 12:34 Uhr begann das Panel „High Tech, High Responsibility“. Auf der Bühne saßen unter anderem Tobias Bily von enna, Marcus Pfeil von Vertical52, Mira Jago von Cuckoo Coding, Nils Söder von Zahln und TJ Graebe. Dazu kam „pib“, ein humanoider Roboter aus dem 3D-Drucker.

Enna ermöglicht älteren Menschen Videotelefonie über Karten: Karte auflegen, Videoanruf startet; Karte abnehmen, Anruf endet. Rund 7.000 bis 8.000 Menschen mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren in Deutschland und Österreich nutzen das System laut Bily. Vertrauen sei ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Regeln und Zertifizierungen könnten dabei Vorteile bringen.

Vertical52 verkauft Redaktionen Satellitendaten und persönliche Ansprechpartner und prüfte einen europäischen Recherchesatelliten. Mira Jago brachte sich das Programmieren selbst bei und entwickelte mit ihrer Agentur nach eigenen Angaben in neun Jahren mehr als 100 Apps. Nils Söder warb dafür, Technologie in Europa zu entwickeln und zu skalieren: Der europäische Binnenmarkt habe 450 Millionen Menschen.

TJ Graebe sprach offen darüber, dass bestimmte Arbeitsplätze durch Roboter und KI verschwinden werden. Für Gründer wurde eine Frage als Orientierung genannt: Wem gibt das Produkt Zeit zurück? Vertrauen sollte dabei nicht bloß Werbeversprechen sein, sondern Teil des Produkts.

Der NFTE-Preis zeichnete Schülerteams aus, die an Schulen unternehmerische Ideen entwickeln. In der Kategorie „Beste Idee“ gewann „Renti“, ein soziales Netzwerk für ältere Menschen. Bei der Marktreife siegte ein Team mit einem bereits verkaufsfertig verpackten Produkt gegen Menstruationsbeschwerden. Marktreife bezeichnete der Summit als den Entwicklungsstand, in dem ein Produkt in den Markt gebracht werden kann.

Der Social-Entrepreneurship-Preis ging an „Women Safe“, eine App, die auf dem Heimweg Vertrauenspersonen informiert. Den Publikumspreis mit 130 abgegebenen Stimmen gewann „Tracky“, ein Hundespielzeug mit GPS-Tracker.

Kreislaufwirtschaft, gebrauchte Dinge und sieben Teams im Verkauf

Bennet Görlitz sammelt mit ToysReloved gebrauchtes Spielzeug von Familien, sortiert es, beschreibt die Produkte und verkauft sie weiter. Mehr als 5.000 Familien beteiligen sich laut Görlitz bereits. Abholung und Versand übernehmen Partner, verkauft wird über bestehende Marktplätze. Die Handzeichen-Abfrage im Saal zeigte: Fast alle Anwesenden haben ungenutzte Gegenstände zu Hause, aber nur eine Person plante, sie kurzfristig zu verkaufen. Görlitz nannte diese Lücke eine Marktchance für ToysReloved.

Mandy Geddert von CHARLE premium haberdashery produziert Bänder und Gummis aus Naturfasern für Modemarken. Ein Prototyp eines Gummibands zersetzte sich laut Geddert nach 371 Tagen in einer Wurmkiste. Carsten Waldeck von SHIFT präsentierte das inzwischen achte modulare Smartphone-Modell. SHIFT bietet eine Rückkaufgarantie, finanzierte sich nach Waldecks Angaben über Crowdfunding und schützt seine Technik nicht, damit andere die Idee übernehmen und verbreiten können.

Seit Samstag verkauften sieben Teams live an die Summit-Gäste: VAYRA, SHOTSU, lino &