Franz Walters Fest-Biografie führt die Sachbuch-Bestenlisten im November 2026 an
Heute, am 2.11.2026, liegt an der Uni Mannheim eine Bestenliste auf dem Tisch, die ziemlich weit ausholt: von Joachim Fest über toxische Familien und das Ende des Russischen Reiches bis zu Tränenkunde, China und dem Mauerfall. Die monatliche Sachbuch-Bestenliste wird von „Die Literarische Welt“, WDR 5, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und Ö1 veröffentlicht. Redaktion: Andreas Wang.
Ermittelt wird sie von einem unabhängigen Gremium aus Fachjournalisten und Publizisten. Zu den Mitgliedern zählen auch Wissenschaftler wie Herfried Münkler und Jochen Hörisch. Ab Januar soll die Runde erweitert werden. Nach dem bei Ö1 beschriebenen Punktesystem kann jedes Jurymitglied vier Büchern jeweils 8, 6, 4 oder 2 Punkte geben; bei Punktgleichheit entscheidet die Zahl der Nominierungen. Die ZDF-Bestenliste nennt dagegen ein Verfahren, bei dem jedes Jury-Mitglied monatlich 15, 10, 6 und 3 Punkte an vier Sachbücher vergibt.
Die Novemberliste von Ö1 und „Literarischer Welt“
Auf Platz eins steht Franz Walter mit „Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert“ (dtv, 720 Seiten). Svenja Flaßpöhler folgt mit „Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen“ (Klett-Cotta, 304 Seiten), dahinter Roger de Weck: „Glanz und Elend der Konservativen“ (Suhrkamp, 184 Seiten).
- Franz Walter: „Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert“, dtv, 720 Seiten.
- Svenja Flaßpöhler: „Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen“, Klett-Cotta, 304 Seiten.
- Roger de Weck: „Glanz und Elend der Konservativen“, Suhrkamp, 184 Seiten.
- Otto-Hans Thomashoff: „Du bist nicht deine Eltern. Wie wir toxische Familien überwinden und in Freiheit leben“, Ariston, 224 Seiten.
- Antony Beevor: „Der letzte Akt. Rasputin und das Ende des Russischen Reiches“, aus dem Englischen übersetzt von Jens Hagestedt, Reclam, 412 Seiten.
- Martin Doerry und Hauke Janssen: „Augstein. Ein deutsches Leben“, C. H. Beck, 533 Seiten.
- Teresa Präauer: „Nie mehr weinen. Tränenkunde für Fortgeschrittene“, Residenz, 96 Seiten.
- Susanne Weigelin-Schwiedrzik: „China und die Neuordnung der Welt“, Brandstätter, 208 Seiten.
- Wolf Biermann: „Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall“, Penguin, 416 Seiten.
- Alexander Smoltczyk: „Lissabon 1941. Stadt der Spione, Hafen der Hoffnung“, dtv, 346 Seiten.
Die Plätze 6 teilen sich Martin Doerry und Hauke Janssen, Teresa Präauer sowie Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wolf Biermann landet auf Rang 9, Alexander Smoltczyk auf Rang 10.
Eine zweite Top Ten mit anderem Zuschnitt
Die ZDF-Sachbuch-Bestenliste „Top Ten“ für November 2026 setzt Franz Walters Fest-Biografie ebenfalls auf Platz eins – mit 125 Punkten, zuvor stand das Buch auf Platz 5. Sie zeichnet das Leben des 2006 verstorbenen Publizisten, Hitler-Biografen und FAZ-Herausgebers nach, rekonstruiert anhand seines Nachlasses den Weg vom Nonkonformisten zum Gegner der 68er-Bewegung und liest sich zugleich als Porträt der Bundesrepublik Deutschland.
Auf Platz 2 stehen Naomi Klein und Astra Taylor mit „Endzeitfaschismus. Und der Kampf um unsere Welt“ (S. Fischer, 65 Punkte). Das Buch untersucht Endzeitdenken in unterschiedlichen rechten Gruppierungen und fragt, wie Tech-Oligarchen, Nationalisten und Fundamentalisten apokalyptische Vorstellungen zur Rechtfertigung autoritärer Politik einsetzen – einschließlich weltzerstörender KI und der Theorie des „großen Austauschs“.
- Niklas Maak: „Die letzten Tage der Schönheit. Die Plünderung Roms 1527 und das Ende der Renaissance“ (Suhrkamp, 54 Punkte). Im Mittelpunkt steht der „Sacco di Roma“, bei dem Söldner Karls V. Rom verwüsteten. Maak besucht historische Schlachtfelder, Ateliers und Adelspaläste und beschreibt das Ereignis als Ende der Renaissance.
- Jill Lepore: „Die Regierung der Maschinen. Aufstieg und Fall des Künstlichen Staates“ (C. H. Beck, 46 Punkte). Die historische Untersuchung reicht von Descartes’ Vorstellung eines körperlosen Verstands über Science-Fiction bis zur datengetriebenen Politik und behandelt die Auslagerung staatlicher Entscheidungen an KI-Systeme, etwa in Strafverfolgung und Migration.
- Natalie Amiri, Minu Barati, Shila Behjat und Düzen Tekkal: „Unsere Väter“ (Hanser, 42 Punkte). Die vier Autorinnen und Filmemacherinnen erzählen von Vätern, die den Iran oder die Türkei verließen und in Deutschland neu anfingen. Es geht um Zugehörigkeit, Leistungsdruck und familiäre Beziehungen.
- Anke Bär: „Du Tier, ich Mensch? Was uns trennt und was wir teilen“ (Fischer Sauerländer, 38 Punkte). Behandelt werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mensch und Tier, Bewusstseinsforschung und Mikrobiom – ebenso wie die Frage, warum Tiere je nach Beziehung geliebt oder gegessen werden.
- Isabella M. Weber: „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ (edition Suhrkamp, 31 Punkte). Entstanden ist das Buch aus einem Beitrag der Ökonomin nach Donald Trumps zweitem Wahlsieg. Weber schlägt unter anderem Mietendeckel, stabile Lebensmittelpreise und eine stärkere Kontrolle von Konzernmacht vor; soziale Sicherheit steht im Zentrum des Kampfes gegen rechte Politik.
- Narges Mohammadi: „Eine Frau hört niemals auf zu kämpfen“ (btb, 25 Punkte). Die iranische Friedensnobelpreisträgerin berichtet erstmals über ihr Leben, über 14 Verhaftungen, mehr als ein Jahrzehnt Haft und elf Jahre ohne ihre Kinder. Staatliche Repression, Einzelhaft, Solidarität und Freiheit gehören zu den weiteren Themen.
- Nele Pollatschek: „Wie ich so glücklich wurde“ (Galiani, 22 Punkte). Die Autorin fragt, warum sie trotz fehlender natürlicher Frohnatur glücklich wurde, und befragt dafür unter anderem Psychoanalytiker, Selbstoptimierer und Hinduisten. Resilienz, negative Gedanken und die Suche nach einem guten Leben ziehen sich durch das Buch.
- Roger de Weck: „Glanz und Elend der Konservativen“ (edition Suhrkamp, 19 Punkte). De Weck betrachtet konservative Erfolge wie die europäische Einigung und die soziale Marktwirtschaft, beschreibt den Druck auf Mitte-rechts-Parteien durch rechte Kräfte und deren Kulturkämpfe und plädiert für einen gemäßigten Konservatismus. Zuvor stand der Titel auf Platz 2.
Die Empfehlung von Lisz Hirn
Als besondere Empfehlung des Monats nennt Lisz Hirn Simone Weils „Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt“ (Matthes & Seitz Berlin, 102 Seiten). Weil analysierte in den 1930er-Jahren Homers „Ilias“ vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen ihrer Zeit.
Im Zentrum steht ihrer Interpretation zufolge nicht Achilles und auch nicht Hektor, sondern die Gewalt. Sie verwandle Menschen in Dinge und unterwerfe sowohl jene, die sie ausüben, als auch jene, die von ihr getroffen werden. Griechen und Trojaner, Sieger und Besiegte: gleichermaßen Opfer.
Weil nennt Achilles’ Tod für seinen Ruhm und Agamemnons Ermordung durch seine Frau Klytaimnestra als Beispiele. Ihre Schlussfolgerung fällt knapp aus: Gewalt solle man niemals bewundern, Feinde nicht hassen und Unglückliche nicht verachten.
Gerade nebeneinander gelesen, wirken die beiden Novemberlisten wie zwei Tische in derselben Bibliothek: Auf dem einen liegen Biografien, Familienfragen, politische Ordnungen und historische Umbrüche; auf dem anderen KI, Migration, Vätergeschichten, Glück und der Umgang mit Tieren. Der Blick reicht vom Nachlass eines deutschen Publizisten bis zu iranischer Haft, vom Rom des Jahres 1527 bis zur Frage, wie viel Staat Maschinen künftig übernehmen dürfen. Ein bisschen viel auf einmal – aber für einen Sachbuchmonat ist das keine schlechte Un
