In der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist ein Philosophie-Buch an Leo Samama und Emile Cantor Samama übergeben worden. Ihr Großvater hatte das Buch während der NS-Zeit verloren: Es war ihm gestohlen worden und befand sich über viele Jahrzehnte nicht im Besitz der rechtmäßigen Eigentümer.

Ermöglicht wurde die Rückgabe durch die Provenienzforschung an der ULB. Übergeben wurde der Band von der leitenden ULB-Direktorin Kathrin Kessen. Ein Buch, das lange nur als Bestandsexemplar geführt worden war, bekam damit wieder eine Familiengeschichte und konkrete Adressaten.

Auf den Spuren der Bestände

Die Rückgabe steht im Zusammenhang mit dem Projekt „Provenienzforschung in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf – Die Ära Dr. Hermann Reuter (1928–1950)“. Es untersucht die Bestände der ULB Düsseldorf auf NS-Raubgut. Im Mittelpunkt stehen Bücher, die zwischen 1933 und 1945 durch Kauf, Tausch, Schenkung oder als Teil einer Sammlung in die Bibliothek gelangten.

Die geprüften Bestände stammen aus der ehemaligen Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf, einer Vorgängereinrichtung der ULB. Geleitet wurde diese Bibliothek von 1928 bis 1950 durch den Germanisten Dr. Hermann Reuter (1880–1970). Zwischen 1933 und 1944 vergrößerte Reuter den Gesamtbestand von etwa 130.000 auf rund 250.000 Bände. 68 Prozent der Bände wurden als Geschenke oder durch Tausch aufgenommen.

Das Projekt will die institutionelle Geschichte und die Beziehungsnetzwerke der Bibliothek während der NS-Zeit aufklären. Zugleich werden die Provenienzen der zwischen 1933 und 1945 eingegangenen Bücher systematisch und objektbezogen überprüft. Werden Bücher als NS-Raubgut identifiziert, sollen mit den Eigentümerinnen und Eigentümern beziehungsweise deren Nachfahren faire und gerechte Lösungen gefunden werden.

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Provenienzmerkmale sollen im Bibliothekskatalog und in der Datenbank „Looted Cultural Assets“ erfasst werden. Fundmeldungen sollen außerdem in die „Lost Art“-Datenbank aufgenommen werden. Die Forschungsergebnisse erscheinen über eine Webseite sowie in einer virtuellen oder analogen Ausstellung. Das Projekt wird zudem auf der Seite des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste vorgestellt.

Eine Ausstellung im ULB-Foyer

Die Ergebnisse der ersten Projektjahre sind in der Ausstellung „(Un)sichtbare Kapitel. Provenienzforschung in der ULB Düsseldorf“ zu sehen. Sie findet vom 28. Oktober bis 23. Dezember 2026 im Foyer der ULB Düsseldorf statt. Für Studierende ist das vielleicht der nüchternste Ort überhaupt – Bücher, Kataloge, Arbeitslicht. Und doch hängen an manchen Einträgen Flucht, Enteignung und jahrelange Suche.

Wie kompliziert solche Wege sein können, zeigen Fälle aus der Provenienzforschung der Deutschen Nationalbibliothek und anderer Einrichtungen. Emil Baerwald wurde am 5. Februar 1869 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater Herman Baerwald war Direktor des jüdischen Philantropins. Emil emigrierte 1891 als Kaufmann nach New York und heiratete dort 1906 Jenny Dreyfus aus Basel, die am 28. März 1880 geboren wurde.

Das Paar zog 1925 nach Berlin, reiste aber weiterhin regelmäßig in die USA. Wegen der zunehmenden nationalsozialistischen Verfolgung kehrten die Baerwalds in die Vereinigten Staaten zurück. Emil erhielt als deutscher Staatsbürger über Kontakte im US-Konsulat ein Visum und reiste im August 1938 in die USA. Im Herbst 1938 kam er noch einmal nach Europa, betrat Deutschland jedoch nicht. Jenny, die US-Staatsbürgerin war, hielt sich im Herbst 1938 kurz in Berlin auf. Anfang März 1939 emigrierte das Paar endgültig nach New York.

Emil erhielt 1944 die US-Staatsbürgerschaft und starb 1948 in New York; Jenny starb 1965. Über das gemeinsame Exlibris wurde ein Buch aus ihrer Privatbibliothek im Deutschen Buch- und Schriftmuseum identifiziert. 1956 war es über die Deutsche Buchexport GmbH bei einer Auktion des Westberliner Antiquariats Gerd Rosen erworben worden. Die Herkunft aus der Auktion blieb ungeklärt. Vermutlich wurde das Buch nach der Emigration beschlagnahmt und später in den Berliner Antiquariatsbuchhandel gegeben.

Ein Vergleichsexemplar aus derselben Bibliothek fand sich in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und wurde 2018 restituiert. Über deren Provenienzforschung wurden die Rechtsnachfolger ermittelt. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum gab das Buch im Sommer 2022 zurück und fertigte zuvor ein Digitalisat an, das weiterhin öffentlich zugänglich ist.

Bibliotheken als Stationen der Enteignung

Auch die Geschichte von Gottfried und Brigitte Bermann Fischer führt durch mehrere Länder. Gottfried Bermann wurde am 31. März 1897 in Gleiwitz geboren und studierte Medizin. Zunächst arbeitete er als Assistenzarzt. 1925 heiratete er Brigitte Fischer, geboren am 5. April 1905 in Berlin, Tochter des Verlegers Samuel Fischer.

Auf Wunsch seines Schwiegervaters trat Bermann in den S.-Fischer-Verlag ein und änderte seinen Namen in Gottfried Bermann Fischer. Nach Samuel Fischers Tod 1934 übernahm er gemeinsam mit seiner Frau die Leitung des Verlags. Wegen ihrer jüdischen Herkunft übersiedelte die Familie 1935 nach Wien.

Mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda vereinbarte Bermann Fischer die Aufteilung des S.-Fischer-Verlags: Ein Teil blieb unter Peter Suhrkamp im Deutschen Reich, während Bermann Fischer in Wien die „Bermann-Fischer Verlags GmbH“ gründete. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 floh die Familie über die Schweiz nach Schweden, wo er den Verlag erneut gründete.

Seinen privaten Besitz und das Wiener Bücherlager musste Bermann Fischer zurücklassen. Nach einer Verhaftung wurde er 1940 aus Schweden ausgewiesen und emigrierte mit seiner Familie in die USA. Nach dem Krieg gründete er den S.-Fischer-Verlag in Berlin und Frankfurt neu und leitete ihn bis 1962. Bermann Fischer starb 1995 in Italien.

In der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig wurden 20 Publikationen aus seinem früheren Besitz identifiziert. Der Großteil gelangte 1938/39 über die Bücherverwertungsstelle Wien in die Deutsche Bücherei Leipzig. Albert Paust, der ab September 1938 an die Bücherverwertungsstelle abgeordnet war, beaufsichtigte offenbar persönlich den Abtransport der Privatbibliothek aus Bermann Fischers Wohnung im Wiener Stadtteil Hietzing. In einem Bericht erwähnte Paust seltene Privatdrucke aus der Bibliothek.

Weitere Bücher aus Bermann Fischers Besitz kamen in die Österreichische Nationalbibliothek und nach Kriegsende in die „Sammlung Tanzenberg“, ein Depot des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg. Zwei der 20 identifizierten Schriften wurden erst in den 1960er Jahren als antiquarische Ankäufe in die Deutsche Nationalbibliothek aufgenommen. Die Nationalbibliothek ermittelte die Erben und vereinbarte im Frühjahr 2023 eine Rückgabe mit anschließendem Rückkauf. Die 20 Exemplare können dadurch im Bestand bleiben und weiterhin öffentlich zugänglich sein.

Wilhelm Ellenbogen, geboren am 9. Juli 1863 in Lundenberg, heute Břeclav in Tschechien, wuchs in Wien auf, studierte Medizin und arbeitete als Arzt. Politisch engagierte er sich in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und war ab 1918 Delegierter im österreichischen Nationalrat. Im Zuge der Zerschlagung der sozialdemokratischen und marxistischen Arbeiterbewegung unter Engelbert Dollfuss wurde er im Februar 1934 verhaftet und im Mai unter einem politischen Betätigungsverbot entlassen.

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 wurde Ellenbogen erneut kurzzeitig verhaftet. Am 1. Mai 1939 emigrierte er zunächst nach Paris. Im Oktober 1940 gelangte er mit seinen Geschwistern über Lissabon nach New York. Dort arbeitete er mit Friedrich Adler im Austrian Labor Committee und war ab 1946 Ehrenpräsident der American Friends of Austrian Labor. Ellenbogen starb am 25. Februar 1951 in New York.

Die Gestapo hatte bereits im Oktober 1938 einen Teil seiner Privatbibliothek beschlagnahmt. Den restlichen Bestand schenkte Ellenbogen vor seiner Auswanderung der Stadtbibliothek Stockholm. Die Bücher wurden zunächst der Österreichischen Nationalbibliothek