Hamburg schaut seit März 2024 ins Abwasser – genauer gesagt auf Abbauprodukte von Drogen, die über den Urin ausgeschieden werden. Eine Anfrage der CDU-Fraktion zeigt nun ein auffälliges Muster: Kokain wird weiterhin am häufigsten nachgewiesen, Cannabis folgt auf Platz zwei. Beide Werte bleiben weitgehend stabil. Deutlich nach oben geht es dagegen bei Ketamin: Die Rückstände sind seit 2024 um 150 Prozent gestiegen.

Bei Amphetamin zeigt die Kurve in die andere Richtung. Die Rückstände sind im selben Zeitraum um 35 Prozent gesunken. Das Hamburger Landeslabor entnimmt seit zwei Jahren regelmäßig Proben am Klärwerk Köhlbrandhöft und untersucht sie auf Drogenrückstände. Grundlage der aktuellen Einordnung sind Daten des Instituts für Hygiene und Umwelt sowie Vergleichsdaten der EU-Drogenagentur.

Ketamin nimmt zu – aber was genau heißt das?

Ketamin ist ein Narkosemittel aus der Notfallmedizin, wird aber auch als Partydroge verwendet. Es wirkt dissoziativ: Konsumenten können abwesend wirken, Euphorie erleben oder Halluzinationen haben. Dass die Substanz in Hamburg vorkommt, zeigt sich laut Prof. Ingo Schäfer, Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg, in den Beratungen der Suchtambulanz und bei Ketamin-Entzügen auf der Entgiftungsstation.

Einen Anstieg in den vergangenen zwei Jahren habe er dort allerdings nicht beobachtet. Möglich sei, dass sich ein solcher Trend zeitverzögert zeigt. Aus den Abwasserwerten lässt sich außerdem nicht feststellen, ob inzwischen mehr Menschen Ketamin konsumieren oder ob bereits konsumierende Personen häufiger beziehungsweise größere Mengen einnehmen. Der Anstieg entspricht zugleich einem europaweiten Trend.

Auch bei der Einordnung der einzelnen Stoffe ist Vorsicht angesagt. Die Werte verschiedener Drogen sind nur eingeschränkt vergleichbar, weil der Körper sie unterschiedlich verarbeitet. Bei Cannabis wird nur ein kleiner Teil des aufgenommenen THC über den Urin ausgeschieden. Kokain wird dagegen zu einem erheblichen Teil als Benzoylecgonin ausgeschieden – genau dieses Abbauprodukt kann im Abwasser nachgewiesen werden.

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Der Nachweis von THC, dem berauschenden Wirkstoff der Cannabispflanze, bleibt in Hamburg stabil. Im Abwasser-Monitoring liegt THC hinter Kokain und dessen Abbauprodukt auf Platz drei. In anderen europäischen Großstädten ist bei Kokain hingegen ein steigender Trend zu beobachten.

Messwerte sind keine Strichliste der Konsumenten

Der Hamburger Senat verweist auf weitere Einflussfaktoren, etwa die temperaturabhängige Abbaugeschwindigkeit der Substanzen im Abwasser. Für belastbare Aussagen brauche es ausreichend viele Messungen und deren Auswertung. Entsprechende Vorarbeiten und Überlegungen laufen noch. Die Analysen erlauben also keine direkten Rückschlüsse auf das tatsächliche Konsumverhalten – ein Wert im Kanal ist nicht automatisch eine Zahl von Menschen.

Christin Christ, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, bezeichnete den Anstieg bei Ketamin als Warnsignal. Sie kritisierte, dass der rot-grüne Senat nach mehr als zweieinhalb Jahren Abwassermonitoring noch keine konkreten Konsequenzen für Prävention und Suchthilfe benannt habe.

Europaweit mehr Ketamin und Kokain

Wie stark sich die Lage außerhalb Hamburgs bewegt, zeigt eine Abwasseranalyse der Europäischen Drogenagentur Euda. Für das Jahr 2025 wurden 115 Städte in 25 Ländern untersucht, darunter 23 EU-Mitgliedstaaten, Norwegen und die Türkei. In Deutschland nahmen unter anderem Berlin und Frankfurt teil. In nahezu allen beteiligten Städten fanden sich Spuren illegaler Drogen.

Zwischen 2024 und 2025 stiegen die Ketaminspuren im Abwasser insgesamt um 41 Prozent. Die Kokainspuren nahmen innerhalb eines Jahres um gut 20 Prozent zu, besonders in Belgien, den Niederlanden und Spanien. MDMA, bekannt als Ecstasy, ging dagegen um etwa 16 Prozent zurück; besonders deutlich war der Rückgang in Deutschland, Österreich und Slowenien.

Für die Studie wurden 2025 jeweils eine Woche lang täglich Abwasserproben gesammelt. Die Proben repräsentierten rund 72 Millionen Menschen und wurden auf Spuren missbrauchter Substanzen untersucht. Die meisten Drogenwerte lagen am Wochenende besonders hoch. Cannabis bildete eine Ausnahme und verteilte sich gleichmäßiger über die Woche.

Deutsche Städte gehörten zu den Orten mit den höchsten Abwasserspuren von Amphetamin, also „Speed“, und Methamphetamin. Die Euda beschreibt den Drogenkonsum als weitverbreitet, vielfältig und fortlaufend veränderlich. Cannabis war laut Euda 2025 die am häufigsten konsumierte, häufig als illegal eingestufte Droge Europas. Die Zahl der Konsumenten wird für dieses Jahr auf 24 Millionen geschätzt; rund 8 Prozent der 14- bis 64-Jährigen in Europa konsumierten im vergangenen Jahr Cannabis.

Im Umfeld der Uni Hamburg bleibt damit vor allem eine Frage offen: Was folgt auf die Messung? Das Abwasser liefert Hinweise, aber noch keinen fertigen Fahrplan für Prävention und Suchthilfe.