Frankreichs Schulen brennen: Eine Jugendbewegung kämpft gegen Bildungsnotstand und Polizeigewalt
Seit drei Wochen gehen in Frankreich Hunderttausende Schüler:innen und Studierende auf die Straße. Sie protestieren gegen marode Schulgebäude, überfüllte Klassen und fehlende Lehrkräfte. Auch Gewerkschaften, Lehrkräfte und andere Beschäftigte haben sich angeschlossen. Für viele beginnt der Ärger ganz konkret: fehlende Tische und Stühle, kaputte Toiletten oder Unterricht, der monatelang ausfällt.
Am vergangenen Dienstag demonstrierten rund 450.000 Menschen, außerdem wurden Tausende Schulen blockiert. Bei einem landesweiten Aktionstag am Freitag gingen mehr als 70.000 Menschen auf die Straße. Für Dienstag ist bereits ein weiterer Aktionstag von Schüler:innen und Gewerkschaften angekündigt. Nach Angaben des ZDF protestierten zuletzt an fast 340 Schulen Schülerinnen und Schüler; mindestens 440 Menschen wurden festgenommen.
Frankreich: Lehrermangel, Parcoursup und Polizeigewalt
Vor dem Lycée Auguste Renoir in Asnières-sur-Seine versammelten sich rund 200 Schülerinnen und Schüler. Die 17-jährige Prunelle kritisierte den schlechten Zustand der Schulen sowie fehlende Tische und Stühle. Auch Eltern beteiligten sich aus Sorge um ihre Kinder. Am Vortag hatte die Polizei eine Schulblockade an der Schule aufgelöst und dabei laut der Schülerin Eden Tränengas eingesetzt. Eden berichtete außerdem von fehlenden Toiletten und Lehrermangel: Ein Jahr lang habe es keinen Mathematikunterricht gegeben, weil eine Lehrkraft nicht ersetzt worden sei.
Das Zentrum der Bewegung war Mitte September das Saint-Exupéry-Gymnasium in einem Pariser Vorort. Lehrkräfte streikten wegen akuten Personalmangels in Mathematik, Geschichte und Literatur, Schüler unterstützten den Streik und errichteten Barrikaden um das Schulgelände. Später weiteten sich die Proteste landesweit aus. Neben besseren Schulbedingungen kritisieren die Demonstrierenden das als undurchsichtig bezeichnete Hochschulzulassungssystem Parcoursup. Auch nach einer Krisensitzung mit Präsident Emmanuel Macron und Zusagen zur Erfüllung der Forderungen gingen die Unruhen weiter.
Bildungsminister Édouard Geffray kündigte 3.000 zusätzliche qualifizierte Lehrkräfte für besonders betroffene Schulen an. Die Protestierenden werten das als ersten Erfolg, sagen aber, dass Infrastruktur- und Finanzierungslücken bleiben. Lehrkräfte bezweifeln, dass die Maßnahme strukturelle Probleme lösen kann. Der Bildungshaushalt soll im kommenden Jahr um 1,2 Milliarden Euro steigen; Bildungsgewerkschaften fordern dagegen zehn Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben. Außerdem klagen Lehrkräfte über niedrige Löhne und die schlechte Ausstattung der Schulen.
Die Proteste überschnitten sich mit einer bereits geplanten landesweiten Großdemonstration. Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen gingen nach Angaben des ZDF auf die Straße, darunter Feuerwehrleute, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Gewerkschaften und viele Lehrkräfte. Die Führung der LFI und Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon nahmen an den Demonstrationen teil und riefen Jugendliche und Eltern zu weiteren Protesten auf.
Im Pariser Vorort Saint-Denis blockieren seit Ende der Vorwoche Hunderte Jugendliche das Lycée Paul Eluard. Bürgermeister Bally Bagayoko von der linkspopulistischen Partei LFI besuchte die Protestierenden wiederholt. Vor Schülern sagte er: „Gewalt kann legitim sein, aber wo man sie vermeiden kann, sollte man das tun.“ Seine Äußerung löste landesweit Kritik aus. Premierminister Sébastien Lecornu warf ihm vor, die Proteste politisch zu instrumentalisieren.
In sozialen Medien und Nachrichtensendern waren Bilder von Ausschreitungen, brennenden Müllcontainern, Auseinandersetzungen mit der Polizei und Angriffen auf Lehrkräfte zu sehen. Innenminister Laurent Nuñez bilanzierte mehr als 30 Verletzte, 440 Festnahmen und knapp 340 betroffene Schulen. Er bezeichnete die Lage als Gefahr für die innere Sicherheit und verteidigte die Polizeieinsätze.
Trotz der Gesprächsbereitschaft des Premierministers Sébastien Lecornu geht die Polizei weiterhin mit Tränengas, Schlagstöcken und anderen Waffen gegen Proteste vor. In drei Wochen wurden mehr als 6.800 Menschen festgenommen, 86 Prozent davon waren Minderjährige. Ein 15-Jähriger verlor durch eine Blendgranate eine Hand, ein anderer erlitt einen Kieferbruch. Neben der Bereitschaftspolizei CRS werden Einheiten zur Bekämpfung organisierter Kriminalität eingesetzt.
Kritisiert werden der Einsatz von Fahrzeugen und Gummigeschossen sowie eine unzureichende Polizeiausbildung. Seit 2000 wurden bei Protesten mehr als 120 Menschen schwer verletzt oder verstümmelt; auch Fälle sexualisierter Polizeigewalt werden berichtet. Eltern und Lehrkräfte organisieren sich gegen die Polizeigewalt und stellen sich mit weißen Armbinden und Helmen zwischen Polizei und Demonstrierende. Eine Petition gegen Gummigeschosse erhielt mehr als 100.000 Unterschriften. Die französische Regierung untersagte der Polizei inzwischen den Einsatz von Blendgranaten, doch die Unruhen dauern an.
Am Lycée Auguste Renoir wollen die Schülerinnen und Schüler weiter demonstrieren. Für Donnerstag wurde zu einem weiteren landesweiten Aktionstag aufgerufen.
Der Funke springt nach Belgien und Italien
Anfang Oktober erreichte die Protestbewegung den französischsprachigen Teil Belgiens. Auslöser sind Bildungsreformen und Sparpläne des Parlaments der Föderation Wallonie-Brüssel. Proteste gab es unter anderem in Lüttich, Hannut, Mons und Charleroi. In Lüttich demonstrierten Hunderte Schüler:innen; nach Polizeiausschreitungen wurden mehr als 100 festgenommen. Hunderte Studierende blockierten Bildungseinrichtungen, Busse wurden angezündet, bei Zusammenstößen setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas ein.
Die Studiengebühren sollen von 835 auf 1.194 Euro steigen, während das Bildungsbudget gekürzt wird. Die belgischen Demonstrierenden bezeichnen ihre Bewegung als unabhängig, räumen aber einen starken Einfluss der französischen Proteste ein. Belgisch-französische Schüler:innen stehen nach eigenen Angaben miteinander in Kontakt und unterstützen sich.
Auch in Italien besetzten Jugendliche mehrere Schulen unter dem Motto „Machen wir es wie Frankreich!“. In Turin wurden unter anderem das Liceo Regina Margherita und das Istituto Carlo Ignazio Giulio besetzt. Die Schüler:innen kritisierten kaputte Heizungen, undichte Dächer und mangelnde Investitionen. In Rom, Neapel und Mailand kam es ebenfalls zu Besetzungen oder Demonstrationen.
Am Liceo Cavour in Rom forderten Jugendliche bessere Bildungsbedingungen und „Geld für Schulen statt für Kriege“. In Neapel richteten sich Proteste zusätzlich gegen ein geplantes Abschiebezentrum und mögliche Obergrenzen für Schüler:innen ohne italienische Staatsangehörigkeit. In Mailand demonstrierten Tausende Antifaschist:innen nach dem Angriff auf einen Schüler.
Solidarität bis nach Berlin
In Berlin-Mitte blockierten rund 150 Schüler:innen mit Mülltonnen und Europaletten die Eingänge eines französischen Gymnasiums. Sie forderten unter anderem Solidarität mit den Protesten in Frankreich. Die Polizei räumte die Blockade; es kam zu Polizeigewalt, kurzzeitigen Festnahmen und Ermittlungen wegen möglicher Verstöße gegen das Versammlungsgesetz. Anschließend zogen rund 120 Schüler:innen zur französischen Botschaft am Pariser Platz.
Neben der Solidarität mit Frankreich wurden dort Probleme an der eigenen Schule und die mangelhafte Infrastruktur in Deutschland thematisiert. An den Rand gedrängt? Eher nicht. Die Themen lagen sichtbar auf dem Tisch, zusammen mit den Europaletten.
Die Initiative „Gen Z regelt“ vernetzt Jugendliche über soziale Medien und baut lokale Gruppen auf. Sie bezeichnet sich als friedliche, demokratische und selbstbewusste Bewegung. Unter dem Motto „Frankreich macht es vor, Deutschland macht es nach“ ruft sie zu Protesten auf. Es gibt mehr als ein Dutzend Gruppen in deutschen Städten sowie weitere in Österreich. Für den 31. Oktober ist ein kostümierter Protesttag angekündigt. Genannt werden eine mögliche Wehrpflicht, Kürzungen im sozialen Bereich und der Bildungssektor.
Österreich, Griechenland und Irland
Schüler- und Studentenproteste, die in Frankreich begannen, haben sich auf Belgien und Österreich ausgeweitet. In Österreich protestieren Studierende und Universitätsleitungen gegen mögliche Kürzungen der Hochschulfinanzierung für 2028 bis 2030. Das mögliche Kürzungsvolumen wird mit rund einer Milliarde Euro angegeben. Eine Kundgebung in Wien richtete sich außerdem gegen das gesetzliche Verbot von Kopftüchern für Schülerinnen unter 14 Jahren; unterstützt wurde sie von linken und kommunistischen Jugendorganisationen.
Das Bildungsbudget in Österreich soll in den kommenden drei Jahren um rund eine Milliarde Euro gekürzt werden, erste Demonstr
