Im Gummistiefel durch den Klimawandel: Biologiestudierende erforschen das Wattenmeer auf Sylt
Wenn andere noch schlafen, stehen Biologiestudierende der Freien Universität Berlin bereits im Gummistiefel im Watt. Acht Tage lang forschen 50 von ihnen jedes Jahr auf Sylt – mit kalten Händen, nassen Hosenbeinen und Fragen, die sich nicht im Hörsaal beantworten lassen. Die Exkursion gehört zum Modul „Evolution und Diversität der Tiere“ und ist laut dem FU-Onlinemagazin „campus.leben“ so beliebt, dass die 50 Plätze verlost werden.
Der Kurs dauert zwei Wochen: In der ersten Woche gibt es Vorlesungen und Referate in Berlin, danach geht es für acht Tage zur Freilandforschung nach Sylt. Untergebracht sind die Studierenden in der Jugendfreizeitstätte Mövenberg. Dort wird geplant, diskutiert und manchmal wohl auch ziemlich früh gefrühstückt, bevor die nächste Tide den Tagesablauf vorgibt.
Forschen, wenn das Wasser es erlaubt
Im Watt arbeiten die Studierenden in kleinen Gruppen, begleitet von den Biologen Jens Rolff und Dirk Mikolajewski sowie Tutorinnen und Tutoren. Ihre Fragen entwickeln sie selbst: Filtern Miesmuscheln je nach Position in der Gezeitenzone unterschiedlich? Hängt die Größe von Seepocken davon ab, wie dicht ihre Nachbarn sitzen? Und wie kommen Miesmuscheln und Austern mit wechselndem Salzgehalt zurecht?
Die Arbeitszeiten richten sich nach Ebbe und Flut. Einige Projekte beginnen deshalb am frühen Morgen, andere enden erst am späten Abend. Bei Bedarf bauen die Gruppen ihre Hilfsmittel selbst – etwa eine Halterung, mit der Kameraaufnahmen durch ein Binokular möglich werden. Statt einer Klausur schreiben sie am Ende einen Bericht im Stil einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Das klingt trocken, ist es im Watt aber selten.
Zum Programm gehört außerdem ein Besuch der Wattenmeerstation Sylt des Alfred-Wegener-Instituts in List. Dirk Mikolajewski zufolge ermöglicht die abgeschirmte Umgebung, sich vollständig auf die Projekte zu konzentrieren, und stärkt zugleich das Gemeinschaftsgefühl. Kein Seminarraum, der nach drei Stunden stickig wird. Dafür Wind, Salz in der Luft und der ständige Blick auf den Wasserstand.
Der Wannsee wäre für diese Untersuchungen kein Ersatz. Er ist ein Süßwassersee ohne Gezeiten. Salz, Seepocken, Austernbänke und Miesmuscheln fehlen dort; die vorkommende Dreikantmuschel ist ein Süßwasser-Zuwanderer. Wer Ebbe, Flut und den Einfluss wechselnder Salzgehalte untersuchen will, muss an die Nordsee.
Ein Kinderzimmer im Schlick
Miesmuscheln filtern Wasser. Muschelbänke sind außerdem für zahlreiche Arten Kinderstube und Nahrungsquelle. Das Wattenmeer ist als Weltnaturerbe geschützt und ökologisch für viele Fisch- und Vogelarten wichtig, darunter Hering, Austernfischer und Knutt. Sie nutzen das Gebiet in mindestens einer Lebensphase als Kinderstube, Futterplatz oder Schutzgebiet für Jungfische vor Räubern.
Gerade deshalb sind die scheinbar kleinen Fragen aus den studentischen Projekten nicht nebensächlich. Wie Wattbewohner mit Salzgehalt und Gezeiten umgehen, wird angesichts der Veränderungen von Meer und Klima für den Schutz des Ökosystems relevant. Die Exkursion vermittelt dabei Handwerk, das man nicht einfach auswendig lernen kann: genau beobachten, sauber messen, sachlich dokumentieren. Einige Teilnehmende könnten später selbst erforschen, wie sich das Wattenmeer verändert und wie es geschützt werden kann.
Der Klimawandel verschiebt bereits das zeitliche Auftreten vieler Arten. Fische wandern in Richtung der Pole ab, bodenbewohnende Arten ziehen sich in tiefere und kältere Gewässer zurück. Arten, die ihr Verbreitungsgebiet nicht verlagern können, müssen sich an die rasch steigenden Temperaturen im Wattenmeer anpassen.
Wenn der Kalender der Natur verrutscht
Dafür gibt es unterschiedliche Wege. Organismen mit kurzen Generationszeiten können sich genetisch schnell verändern. Als Beispiel nennt das Alfred-Wegener-Institut pathogene Vibrio-Bakterien in eingeschleppten Pazifischen Austern. Andere Lebewesen reagieren ohne genetische Veränderung: Bei der phänotypischen Plastizität verändern Individuen Eigenschaften und Erscheinungsbild als direkte Antwort auf Umweltreize. Das kann innerhalb einer Generation geschehen.
Mögliche Folgen reichen von einer früheren Phytoplanktonblüte im Frühjahr bis zu temperaturabhängigen Veränderungen der Wachstumsrate. Auch Fortpflanzungsstrategien können sich verschieben. Manche Organismen bilden beispielsweise mehr Eier, um Nachwuchsverluste durch Hitzestress auszugleichen.
Der Klimawandel zählt zu den größten Risiken für Ökosysteme. Das Wattenmeer spürt den steigenden Meeresspiegel und höhere Temperaturen bereits jetzt. Steigt das Meer weiter, gerät die Sicherheit der dort lebenden Menschen in Gefahr; Wattflächen, die derzeit zweimal täglich trockenfallen, könnten dauerhaft überflutet werden. Salzwiesen würden unter dem Meeresspiegel verschwinden.
Wärmeliebende Tier- und Pflanzenarten aus anderen Regionen können sich ausbreiten. Heimische Arten wandern möglicherweise in kältere Gebiete ab oder werden von den Neuankömmlingen verdrängt. Auch die Abläufe in den Lebenszyklen einzelner Arten können sich verschieben. Bei Zugvögeln sind die Wanderungen auf die Verfügbarkeit von Nahrung abgestimmt – und genau diese Synchronisierung kann reißen.
Der Knutt macht das greifbar. Der Watvogel nutzt das Wattenmeer als Zwischenstopp auf seinem Zugweg. Schlüpfen seine Küken in den arktischen Brutgebieten, ist der Lebenszyklus ihrer Nahrung, kleiner Insekten, möglicherweise schon abgeschlossen. Die Jungvögel sind dann schlecht ernährt und entwickeln kürzere Schnäbel. In den afrikanischen Winterquartieren ist das ein Nachteil, weil sie dort in Feuchtgebieten nach Bodenlebewesen suchen.
Klimawandel und ein deutlich steigender Meeresspiegel können so die Struktur, die ökologischen Wechselwirkungen und die charakteristische biologische Vielfalt des Wattenmeers erheblich verändern. Währenddessen waten die Studierenden weiter durch den Schlick, zählen, messen, bauen ihre kleinen Apparaturen um – und warten, bis das Wasser wieder weit genug zurückgeht.
