Unbequeme Gefühle haben keinen guten Ruf. Angst, Wut, Scham und Ekel werden gern weggeregelt, überspielt oder möglichst schnell aus dem Weg geschafft. Dr. Jan Kalbitzer sieht das anders: Am 28. Januar liest er bei Leuenhagen & Paris in Hannover aus seinem Buch „Unbequeme Gefühle“ und spricht darüber, welche Hinweise gerade die schmerzhaften Emotionen geben können.

Angst kann dabei helfen, Prioritäten zu setzen. Wut kann auf notwendigen Klärungsbedarf hinweisen, und Scham kann dazu mahnen, sich selbst und andere nicht zu verraten. Die Reibung, die solche Gefühle erzeugen, tut weh – kann aber auch Orientierung, Veränderung, Neuorientierung und persönliches Wachstum ermöglichen. Kalbitzer versteht sie nicht als Hindernisse, sondern als Wegweiser, die Zusammenhänge sichtbar machen und die Persönlichkeitsentwicklung fördern.

Lesung in Hannover

Statt Gefühle zu regulieren oder zu verdrängen, geht es darum, sie ernst zu nehmen, auszuhalten und ihre Kraft zu nutzen. Das klingt nicht nach einem schnellen Wohlfühlrezept. Eher nach einer Einladung, einmal sitzen zu bleiben, wenn es innerlich unangenehm wird.

Tickets können per E-Mail an kontakt@leuenhagen-paris.de oder telefonisch unter 0511 313055 bestellt werden. Die Veranstaltung findet bei Leuenhagen & Paris in Hannover statt.

Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er studierte Medizin in Freiburg, Hannover und Haifa und forschte an den Universitätskliniken in Kopenhagen und Oxford sowie an der Charité Berlin. 2024 gründete er in Braunschweig das Zentrum für seelische Gesundheit, das er als Chefarzt und Geschäftsführer leitet. In seinen Texten verbindet er klinische Psychiatrie und Psychotherapie mit kulturellen und ethischen Fragen psychischer Gesundheit. Mit seiner Familie lebt er in Berlin.

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Das Buch hinter der Lesung

Der Untertitel des Buches lautet „Das Fühlen neu denken!“. „Unbequeme Gefühle“ erscheint am 28. September 2026 im Dorling Kindersley Verlag GmbH, München. Die Ausgabe umfasst 224 Seiten, kommt als Paperback mit Klappen und hat das Format 135 × 215 mm. Die ISBN lautet 978-3-6932-7000-4.

Auch aus Sicht der Buchbeschreibung sind Angst, Wut und Scham belastende, aber potenziell hilfreiche Gefühle. Wut zeigt möglichen Klärungsbedarf an, Angst sortiert Prioritäten, Scham verweist auf die Frage, ob man sich selbst oder andere verrät. Ekel wird ebenfalls als Teil jener unbequemen Gefühlswelt genannt, deren Reibung neue Richtungen eröffnen kann.

Was Scham im Alltag auslösen kann

Scham ist ein stark unangenehmes Gefühl. Sie kann durch Handlungen, Gedanken, Situationen oder persönliche Merkmale entstehen – dann nämlich, wenn etwas als Verstoß gegen soziale Erwartungen oder eigene moralische Standards erlebt wird. Oft kommen Verlegenheit, Minderwertigkeitsgefühle, eine erhöhte Selbstwahrnehmung und der Eindruck hinzu, „falsch“ oder nicht gut genug zu sein.

Manchmal reicht ein vergessenes Detail bei einer Präsentation, verschütteter Kaffee in einer Besprechung, eine öffentliche Korrektur oder ein auffälliger Akzent. Auch Aussehen und Kleidung können zum Auslöser werden. Bei schamempfindlichen Menschen genügt mitunter ein kaum vorhandener Anlass. Ein Lachen, eine hochgezogene Augenbraue oder der Ausschluss aus einem Gespräch kann genauso treffen wie offene Kritik, Spott oder ein Urteil.

Dabei ist wichtig, zwischen dem tatsächlichen Ereignis und seiner subjektiven Interpretation zu unterscheiden. Erinnerungen und persönliche Schilderungen können unvollständig sein oder anders ausfallen als die Wahrnehmung anderer. Die erste Leitfrage lautet deshalb: Was ist tatsächlich passiert?

Scham wirkt als sozialer Regulator. Sie beeinflusst Beziehungen und den Status innerhalb einer Gruppe, kann Würde und Autonomie mit dem Wunsch nach Kontakt und Zugehörigkeit ausbalancieren und auf das Risiko sozialer Ablehnung hinweisen. Zugleich prägt sie Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl und Identität. Leichte Scham bleibt oft kurz, intensivere Formen können dagegen länger anhalten und Selbstbild, Beziehungen und Selbstwertgefühl belasten. Überwältigende oder ungelöste Scham kann sozialen Rückzug, starke Selbstkritik und anhaltende Wertlosigkeitsgefühle begünstigen.

Sieben Seiten eines schambesetzten Moments

Die Darstellung der sieben Komponenten bezieht sich hauptsächlich auf Arbeiten von Paul Gilbert; die Komponenten „Kontext, Auslöser und Reaktionen“ sowie „Funktion“ wurden ergänzend hinzugefügt. Eine Schamsituation besteht demnach nicht nur aus einem peinlichen Augenblick.

  1. Kontext, Auslöser und tatsächliche Reaktionen: Scham entsteht meist in sozialen Situationen. Qualität der Beziehung, sozialer Status und die Position innerhalb einer Gruppe oder Hierarchie spielen mit hinein. Entscheidend ist außerdem, wie andere tatsächlich reagieren – offen oder indirekt – und wie diese Reaktion wahrgenommen wird.

  2. Funktion der Scham: Sie kann Verhalten an soziale Normen anpassen, Reflexion und Veränderung anregen und Zugehörigkeit sichern. Die Leitfrage lautet: Wie beeinflusst Scham die Interaktionen mit anderen und das Selbstwertgefühl?

  3. Vorgestellte soziale Beurteilung: Auch ohne Publikum kann sich jemand gesehen und beurteilt fühlen. Innere „Filme“ zeigen dann vermeintliche Reaktionen anderer – Ablehnung, Bestrafung oder Abwertung. Entscheidend ist oft nicht, was wirklich geschieht, sondern was erwartet oder befürchtet wird: Wie wird erwartet, dass andere in der Situation reagieren?

  4. Selbstbewertung und Selbstverurteilung: Eigene Normen, Ideale und Werte werden zum Maßstab. Ein negativer innerer Dialog kann aus „Ich hätte anders handeln sollen“ schnell „Ich bin falsch“ machen. Situationsbezogene Selbstbewertung kann Verlegenheit auslösen; regelmäßige negative Selbstbeurteilung wird als Bestandteil toxischer Scham beschrieben und kann Unzulänglichkeit, Inkompetenz und Wertlosigkeit verstärken.

  5. Körperliche Reaktion: Scham aktiviert Körper und Nervensystem. Bei leichterer Scham können Erröten, Hitzegefühl und Schwitzen auftreten – die sogenannte „rote Scham“. Bei intensiverer Scham kann eine parasympathische Reaktion überwiegen, mit Blässe und einem Gefühl des Zusammenbruchs, der „weißen Scham“. Die passende Frage: Wie reagiert der Körper beim Denken an die Situation?

  6. Weitere Emotionen: Angst vor Bloßstellung, Verurteilung oder Demütigung kann Vermeidung und Wachsamkeit fördern. Angst vor erneuter Zurückweisung spielt besonders bei früheren problematischen Bindungserfahrungen eine Rolle; sicherer Kontakt wird als wichtig für die Überwindung von Scham beschrieben. Wut und Groll können sich gegen die eigene Person oder gegen vermeintlich beschämende Menschen richten. Selbstbezogener Ekel und Verachtung können Selbstabneigung auslösen, Niedergeschlagenheit Rückzug und depressive Zustände begünstigen.

    Auch Schuldgefühle können beteiligt sein. Schuld bezieht sich eher auf eine konkrete Handlung – „Ich habe etwas Schlimmes getan“ –, Scham dagegen auf das ganze Selbst: „Ich bin schlecht.“ Schuld wird vor allem mit Wiedergutmachung verbunden, Scham mit der Wiederherstellung sicheren Kontakts. Zudem kann Scham nach einem Wutausbruch, beim Zeigen von Traurigkeit oder Verletzlichkeit entstehen – sogar Scham über die eigene Scham, etwa wegen des Errötens. Die Frage dazu: Sind weitere Emotionen beteiligt?

  7. Verhalten: Verstecken, Herabschauen, Blickkontakt vermeiden, eine Situation verlassen, nicht zu einem Kontakt erscheinen, sich unterordnen, sich entschuldigen oder beschwichtigen: Scham löst häufig automatische, defensive und unterwürfige Reaktionen aus. Sie kann aber auch Ärger und Gegenwehr anfachen. Wut wird dann nach innen gerichtet, unterdrückt oder nach außen gegen vermeintlich beschämende Personen gelenkt. Manchmal wird ein Verhalten trotz äußerer Kritik fortgesetzt – als konstruktive Selbstbehauptung, wenn es als richtig gilt, oder als trotziges und schädliches Verhalten. Die Leitfrage: Wie wird anderen gegenüber reagiert, wenn Scham empfunden wird?