Invest in Germany Summit: Deutschland wirbt mit KI, Energie und Rechenzentren um privates Kapital
Heute beginnt an der ESMT Berlin der zentrale Konferenztag des ersten „Invest in Germany Summit“. Rund 200 Vorstandschefs aus Deutschland und dem Ausland kommen am Montag und Dienstag in Berlin zusammen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat den Gipfel am Montagabend eröffnet; zu den Gästen zählt auch Nvidia-Chef Jensen Huang.
Der Auftakt fand in einem ehemaligen Heizkraftwerk in Berlin-Mitte statt, die Konferenz am Dienstag an der privaten Wirtschaftshochschule ESMT. Neben Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil wird ein großer Teil des Bundeskabinetts erwartet. Die Bundesregierung will internationales Vertrauen stärken, privates Kapital nach Deutschland holen und konkrete Investitionsprojekte anschieben.
KI, Energie und die Suche nach Tempo
Im Mittelpunkt stehen Künstliche Intelligenz und industrielle KI, Energie und Stromnetze, Halbleiter, Rechenzentren, Maschinen und Anlagen, Forschung, moderne Produktionsstätten, Software und digitale Anwendungen, Verkehrsinfrastruktur sowie Verteidigung. Der Staat plant in den kommenden Jahren Milliarden für Infrastruktur und den klimafreundlichen Umbau. Öffentliche Mittel allein reichen nach Einschätzung der Bundesregierung jedoch nicht aus, um den Modernisierungsbedarf zu decken und das Wachstum dauerhaft zu stärken.
Besonders eng soll die Zusammenarbeit mit Nvidia werden. Merz trifft in Berlin Jensen Huang; beide wollen eine Kooperation zur Förderung künstlicher Intelligenz in der deutschen Industrie ankündigen. Rund ein Dutzend deutsche Unternehmen sollen beteiligt sein, darunter Siemens, Audi – eine Tochtergesellschaft von Volkswagen – und das KI-Unternehmen Black Forest Labs. Geplant sind Fortschritte bei KI-Anwendungen für Robotik, industrielle Fertigung und autonomes Fahren. Deutschland verfügt zwar über umfangreiche Industriedaten, liegt bei der internationalen KI-Entwicklung aber zurück. Die Partnerschaft soll zusätzliche Rechenleistung, neue industrielle Geschäftsmodelle und praktische Anwendungen ermöglichen.
Unter den angekündigten Gipfelteilnehmern sind außerdem Vertreter von Mercedes-Benz, Bayer, Lufthansa und der Deutschen Telekom. Internationale Unternehmen wie Boeing und Anthropic nehmen ebenfalls teil, ebenso die Finanzkonzerne BlackRock und Goldman Sachs. Eine ziemlich volle Berliner Gästeliste also.
Der Blick auf die Zahlen dämpft die Aufbruchsstimmung. Laut Allianz Research gingen die Gesamtinvestitionen in Deutschland von 2019 bis 2025 um 6,4 Prozent zurück. Im übrigen Euroraum stiegen sie im selben Zeitraum um 6,7 Prozent, in den USA sogar um 20,2 Prozent. Als Gründe für die Zurückhaltung gelten hohe Energiekosten, die Steuer- und Abgabenlast sowie Bürokratie.
Standortfragen bleiben auf dem Tisch
Deutschland wirbt bei Investoren mit soliden Staatsfinanzen, einem stabilen Rechtsstaat, qualifizierten Fachkräften, guten Universitäten und dem Zugang zum EU-Binnenmarkt. Gleichzeitig kündigt die Bundesregierung Reformen der Sozialsysteme und des Arbeitsmarkts sowie kürzere Planungs- und Genehmigungsverfahren an. Dauerhafte Investitionsentscheidungen hängen in den begleitenden Einordnungen vor allem von verlässlichen Energiepreisen, schnelleren Verfahren, wettbewerbsfähigen Abgaben und ausreichend Fachkräften ab.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erklärte vor dem Gipfel, die Bundesregierung wolle die finanzielle Belastung der Pharmabranche senken. Der Schweizer Pharmakonzern Roche stellt wegen Sparvorgaben im Gesundheitswesen alle Investitionen in Deutschland auf den Prüfstand. Reiche kritisierte außerdem Pläne zur Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne in Berlin und warnte vor möglichen Folgen für den Wirtschaftsstandort.
Investoren sollen nicht nur bei KI und Energie einsteigen können. Im Gespräch sind auch Beteiligungen an der Autobahngesellschaft, der Kapitalrente und weiteren Infrastrukturprojekten. Damit verbindet der Gipfel öffentliche Ausgaben für Infrastruktur und den klimafreundlichen Umbau mit der Suche nach zusätzlichem privatem Kapital.
ZDFheute hebt neben Nvidia die Schwerpunkte Energie, KI, Infrastruktur und Verteidigung sowie strukturelle Investitionshindernisse hervor. Euronews konzentriert sich stärker auf den geplanten KI-Pakt mit Nvidia und Deutschlands internationalen Rückstand bei KI. Einig sind sich die Berichte bei der Bedeutung des Gipfels für die Mobilisierung privaten Kapitals und bei der zentralen Rolle künstlicher Intelligenz; Unterschiede gibt es vor allem bei der Gewichtung von Standortfragen und der Nvidia-Kooperation.
Rechenzentren mit europäischem Anspruch
Wie groß der KI-Ausbau gedacht ist, zeigt der internationale Wettbewerb um die Standorte der geplanten großen KI-Rechenzentren, der Ende Juli gestartet ist. Die Bundesregierung will, dass Deutschland Standort mindestens einer sogenannten AI Gigafactory wird, und fordert deutsche sowie europäische Unternehmen auf, sich mit Standorten in Deutschland zu bewerben. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär erklärte, die notwendigen Rahmenbedingungen seien geschaffen; sie erwarte schlagkräftige deutsche Bewerbungen.
Der Wettbewerbsstart gilt als Meilenstein bei der Umsetzung der „Hightech Agenda Deutschland“. Eigene europäische Rechenleistung soll Forschung und Unternehmen bei der Entwicklung leistungsfähiger europäischer KI-Anwendungen unterstützen. Zugleich soll Europa die Kontrolle über seine Daten und KI-Technologien behalten. Der Aufbau mindestens einer AI Gigafactory in Deutschland ist im Koalitionsvertrag und in der Hightech Agenda Deutschland festgeschrieben; künstliche Intelligenz zählt dort zu sechs Schlüsseltechnologien, mit denen Deutschland seine technologische Stärke sichern und ausbauen will.
Eine AI Gigafactory soll ein Rechenzentrum mit mehr als 100.000 KI-Prozessoren werden. Die Rechenleistung soll mindestens das Drei- bis Vierfache der derzeit schnellsten Supercomputer in Deutschland und Europa erreichen. Die EU plant derzeit bis zu sieben solcher KI-Fabriken und will dafür private Investitionen von insgesamt 20 Milliarden Euro mobilisieren.
Der Haken liegt, wie so oft, nicht nur im Geld. Der Betrieb dieser Anlagen wird große Energiemengen erfordern. Erneuerbare Energien und energieeffiziente Technologien sollen deshalb eine zentrale Rolle spielen. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt will nachhaltige Rechenzentren mit einer eigenen Förderbekanntmachung und gezielter Forschungsförderung unterstützen.
