In der Berliner Alten Münze bekam ein stummer Schwarzweißfilm eine Stimme – und zwar keine vorsichtige. Germaine Dulacs experimenteller Film „La Coquille et le Clergyman“ von 1928 erzählt eine Dreiecksgeschichte, springt in Traumsequenzen, setzt auf Großaufnahmen und lässt seine Figuren hastig durchs Bild laufen. Die von Iris ter Schiphorst komponierte Musik legt sich nicht bloß unter die Bilder. Sie treibt sie an, verschiebt ihre Bedeutung, macht aus dem alten Filmmaterial ein nervöses, dramatisches Gegenüber.

Das Screening gehörte zu einem eintägigen Festival des Zafraan-Ensembles in der Alten Münze. Anlass war ter Schiphorsts 70. Geburtstag im Mai. Auf dem Programm standen Konzerte, Gesprächsrunden, Filmvorführungen und Bilder. An einem Büchertisch lag außerdem eine von der Komponistin zusammengestellte „Taschenbibliothek“ mit Werken unter anderem von Ingeborg Bachmann, Don DeLillo und Unica Zürn. Ter Schiphorst nennt diese Bücher Teil ihrer „persönlichen Denk- und Arbeitslandschaft“ – ein schöner, ziemlich genauer Ausdruck für eine Kunst, die selten nur in einer Schublade bleibt.

Zwischen Klavier, Rockband und „3D-Oper“

Komposition hat Iris ter Schiphorst nie regulär studiert. Zunächst wollte sie Konzertpianistin werden, später spielte sie jahrelang Rockmusik, danach studierte sie Philosophie und Theaterwissenschaft. Ihre Biografie ist allerdings noch etwas verzweigter: Ter Schiphorst wurde am 22. Mai 1956 in Hamburg geboren, ist deutsch-niederländische Komponistin, Pianistin, Autorin, Bassistin, Schlagzeugerin und Keyboarderin. Als Kind wollte sie Tänzerin werden, doch eine Krankheit verhinderte diesen Weg. Ihre Mutter, selbst Pianistin, gab ihr den ersten Klavierunterricht.

Von 1973 bis 1978 studierte sie Klavier an der Bremer Musikhochschule. Es folgten 1978 bis 1980 Reisen durch Europa und Afrika sowie die Arbeit als Bassistin, Schlagzeugerin und Keyboarderin in verschiedenen Rockgruppen, darunter die Bremer Frauenband „Bruno und Paul“. Ab 1986 studierte sie Philosophie, Theaterwissenschaft und Kulturwissenschaft an der Freien Universität Berlin und später an der Humboldt-Universität. Parallel besuchte sie Kompositionskurse bei Dieter Schnebel und Luigi Nono sowie musikwissenschaftliche Seminare bei Helga de la Motte-Haber.

Bei einem Podiumsgespräch des Festivals beschrieb der Dirigent Peter Runde die performative Expressivität und die „Theatralik“ ihrer Musik. Mit dabei war die Journalistin Christine Daum-Farber. Sie hatte ter Schiphorst an der Freien Universität Berlin in einem Seminar über Marguerite Duras kennengelernt. Daraus entstand ein gemeinsames experimentelles Filmprojekt, das die beiden als „3D-Oper“ bezeichneten.

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Auch der Festivalname verwies auf Duras: „Eden Cinema“ von 1995 ist für präpariertes Klavier und Sampler geschrieben. Entfernte, gedämpfte Klaviertöne treffen dort auf repetitive Muster, unvermittelte klangliche Eruptionen und einzelne lyrische Klangfragmente. Am Anfang und am Ende ist Duras’ Stimme vom Tonband zu hören. Ter Schiphorst behandelt Sprache dabei nicht als herkömmlichen Text, der nachträglich vertont wird, sondern als eigenständigen Klang. Sie sampelt Sprache, lässt sie live entstehen und verbindet sie mit anderen Geräuschen und Instrumenten.

Wenn die Musik sprechen, rufen und atmen muss

Für die Musikerinnen und Musiker bedeutet das mitunter: während des Spiels singen, sprechen oder andere Laute erzeugen. In dem Schubert-inspirierten Stück „Sei gutes Muts!“ musste die Blockflötistin nach einem anspruchsvollen, atemintensiven Solopart den Titel ins Publikum rufen. Der Ausruf war verständlich. Andere Wortklänge gingen im musikalischen Gesamtgeschehen teilweise unter; ihren Sinn erschließt man sich bisweilen erst mit Hilfe des ausführlichen Programmhefts.

Selbst die Instrumentalparts wirken bei ter Schiphorst stark performativ und dadurch sprachähnlich. Die zentrale Eigenschaft ihrer Musik nennt sie „Lebendigkeit“. Das klingt schlicht, ist aber körperlich gemeint: Atem, Bewegung, Reibung, plötzliches Abbrechen. Man hört nicht nur, was gespielt wird, sondern manchmal geradezu, wie jemand darum ringt, es hervorzubringen.

Diese Haltung passt zu einem Arbeitsfeld, das ter Schiphorst als „Dazwischen“ beschreibt – zwischen Medien, Stilen, Schrift und Klang, Hören und Sehen sowie Wissenschaft und Kunst. Ende der 1980er Jahre gründete sie mit Mayako Kubo, Frank Hilberg, Franz Martin Olbrisch und anderen den Verein zeit-Musik. 1990 folgte die Gründung des auf live-elektronische Musik spezialisierten Ensembles Intrors. Von 1996 bis 2001 arbeitete sie mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem Berliner Komponisten Helmut Oehring, zusammen; insgesamt entstanden in Kooperation mit anderen Komponisten mehr als 30 Werke, vor allem mit Oehring und Uroš Rojko.

Musiktheater für offene Ohren

Ihre Stücke entstehen häufig aus Literatur, Philosophie und gesellschaftspolitischen Fragen, unter anderem aus Texten von Jacques Derrida, Hélène Cixous, Eva Meyer und Luce Irigaray. Mit Helmut Oehring schuf ter Schiphorst etwa 15 Werke mit gehörlosen Darstellerinnen, darunter „Mischwesen“ (1998), „Bernarda Albas Haus“ (1999), „Effi Briest“ (2000) und „Rummgammeln und warten“ (2001). Durch Gebärdensprache verbindet sie Sprache mit deren grafischen Ursprüngen.

In der Kammeroper „Euridice“ (2002) wird der antike Mythos aus Eurydikes Perspektive erzählt. „… meine keine Lieder“ (2015) für Stimme, Bassklarinette und Klavier/Sampler verwendet Texte von Hannah Arendt und Inge Müller und thematisiert den Rechtsruck in Deutschland. Das dokumentarische Musiktheater „Volk unter Verdacht“ (2017) nimmt die Arbeitsweise der Staatssicherheit in der DDR in den Blick. „Das Imaginäre nach Lacan“ (2017) untersucht, wie Vorurteile die Wahrnehmung beeinflussen; eine Sängerin in arabischer und westlicher Kleidung rezitiert darin Auszüge klassischer arabischer Poesie. „Assange – Fragmente einer Unzeit“ (2019) kreist um die Bedrohung des Individuums und die Pressefreiheit.

Manchmal verwendet ter Schiphorst eigene Texte: „Silence Moves I“ (1997, mit Helmut Oehring) ist ein Soundtrack zu einem imaginären Film, „Le tremblement persistant du moi-fantôme … pour Adrian Piper“ (2020) für sechs Frauenstimmen a cappella. Auch Kinder und Jugendliche kommen vor. „Die Gänsemagd“ (2009), eine Kinderoper nach den Brüdern Grimm, wurde 2010 im Dschungel Wien uraufgeführt und 2025 an der Staatsoper Hamburg von Tobias Kratzer neu inszeniert. „Grüffelo“ (2011) ist für Erzähler und Ensemble nach dem Kinderbuch von Julia Donaldson geschrieben. „S.O.S. Odysseus“ (2012–2013, mit Uroš Rojko) verbindet Orchester, zwei Schauspieler und inszenierte Kinderchöre; uraufgeführt wurde das Stück an der Kölner Philharmonie. „Gravitational Waves“ (2016, ebenfalls mit Uroš Rojko) für Orchester und Elektronik erklang erstmals durch das National Youth Orchestra of Great Britain unter Edward Gardner.

Zum musiktheatralischen und szenischen Werk zählen außerdem „Anna’s Wake“ (1993), „Effi Briest“ (2001), „Aung“ (2011) und „Vergiss Salome“ (2012). Bei den vokalen und kammermusikalischen Arbeiten finden sich „Terrible“ (1985), „Liebesgeschwüre“ (1991), „Anna’s Song“ (1993), „Nightdances“ und „Eiszeit“ (1994), „Silence Moves“ (1997), „Requiem“ (1998), „Gestures“ (2001), „Studien zu Figuren“ (2011), „S.O.S. Odysseus“ (2012–2013), „… meine-keine lieder“ (2014) und „Was wird hier eigentlich gespielt?“ (2022–2023), uraufgeführt bei den Donaueschinger Musiktagen 2023.

Die Orchesterliste reicht von „Hundert Komma Null“ (2000), der Orchesterballade, mit der ihr 1999