Laub sammeln gegen die Rosskastanienminiermotte: Wie Berliner Bäume länger grün bleiben
Am Anhalter Bahnhof in Berlin raschelt es derzeit nicht nur unter den Schuhen: Freiwillige sammeln das Laub von 17 Kastanienbäumen ein. Die Aktion gehört zu einem BUND-Projekt und soll am kommenden Montag erneut stattfinden. Für die Helferinnen und Helfer heißt das: Laub zusammenrechen, Säcke füllen, wieder von vorn anfangen. Ein bisschen monoton, aber für die Bäume ziemlich wichtig.
Hinter der Sammelaktion steckt die Rosskastanienminiermotte. Sie befällt ausschließlich die weißblühende Gewöhnliche Rosskastanie. Ihre Larven fressen Gänge zwischen den Blatthäuten. Die Blätter vertrocknen dadurch früh und können keine Photosynthese mehr leisten – der Baum verliert also wichtige Blattfläche und wird bei starkem oder wiederkehrendem Befall erheblich geschwächt.
Warum das Laub nicht auf den Kompost gehört
Die Puppen der Motte überwintern hauptsächlich in den Blattminen des Falllaubs. Deshalb soll das eingesammelte Material nicht kompostiert werden: Im gewöhnlichen Gartenkompost können die Puppen überleben. Empfohlen werden je nach örtlicher Regelung der Hausmüll, BSR-Biotonnen oder Laubsäcke. Auch kommunale Biotonnen, zugelassene professionelle Kompostierungsanlagen, Wertstoffhöfe mit entsprechender Annahme und andere vom Entsorgungsbetrieb vorgesehene Wege kommen infrage. Die örtlichen Regeln zählen; in Bonn etwa darf befallenes Laub in die Biotonne, nicht aber in gewöhnliche Grüncontainer.
Bis zur Abholung sollte das Laub in einem verschlossenen Sack oder Behälter liegen. Offen herumliegende Haufen, unkontrollierte Eigenkompostierung, das Abladen in Wald und Natur sowie meist auch Verbrennen sind ungeeignet oder rechtlich eingeschränkt. Geräumt werden sollte nicht nur unter der Baumkrone: Auch Beete, Rasen, Hecken, Bereiche unter Sträuchern und geschützte Ecken müssen kontrolliert werden. Weil das Laub über Wochen anfällt und vom Wind verteilt wird, ist die Beseitigung bis zum Frühjahr wiederholt nötig. Auf Gemeinschaftsflächen kann eine Absprache mit Nachbarn oder der Grünflächenverwaltung helfen.
Ein Monitoring des Berliner Pflanzenschutzamtes ergab, dass sich der Befall im Folgejahr durch vollständiges Entfernen des Laubs um etwa zwei Drittel reduzieren lässt. Langjährige Untersuchungen des Pflanzenschutzamts Berlin kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sorgfältig geräumte Flächen im Frühjahr durchschnittlich etwa zwei Drittel weniger Falter aufwiesen als nicht geräumte Flächen. Eine dauerhafte Beseitigung der Motte ist damit nicht garantiert: Falter können zufliegen, außerdem bildet der Schädling mehrere Generationen. Der Gewinn liegt eher darin, dass die Bäume im nächsten Jahr länger grün bleiben und spätere Schäden besser verkraften.
Nach Angaben des BUND sahen die Kastanien am Anhalter Bahnhof im vergangenen Jahr deutlich besser aus als im Vorjahr. Die Organisation ruft deshalb dazu auf, auch in anderen Berliner Stadtteilen Sammelaktionen zu organisieren. Gerade bei Gemeinschaftsflächen ist das eine Aufgabe, bei der eine einzelne Harke schnell verloren wirkt.
So sieht der Befall aus
Die Rosskastanienminiermotte, wissenschaftlich Cameraria ohridella, ist ein etwa fünf Millimeter langer, kupfer- bis rötlichbrauner Kleinschmetterling mit weißen, schwarz eingefassten Querstreifen. Die ersten braunen Flecken, vertrockneten Blätter und vorzeitigen Laubfälle treten oft ab Juni oder Juli auf. Zunächst erscheinen helle bis gelbliche, teilweise durchscheinende Fraßstellen. Später werden daraus hell- bis rotbraune Flecken zwischen den Blattadern; bei starkem Befall wachsen die Minen zusammen, die Blattfiedern werden braun und trocken. Häufig ist die Blattoberseite stärker verfärbt.
Wer ein Blatt gegen das Licht hält, kann manchmal Hohlräume, Larven, Puppen oder dunkle Kotkrümel erkennen. Auch eine leicht abhebbare obere Blatthaut über einer ausgefressenen Mine spricht für den Schädling. Gespinste und offene Fraßlöcher deuten dagegen eher auf andere Schmetterlingsarten hin. Und nicht jeder Blattminierer ist eine Miniermotte: Auch Minierfliegen können solche Gänge verursachen.
Verwechslungen sind schnell passiert. Die Kastanien-Blattbräune bildet unregelmäßige Flecken, oft mit gelblichem Rand; diese können Blattadern überschreiten. Schwarze Pilzfruchtkörper sind möglich, Fraßminen aber nicht. Verursacht wird die Blattbräune durch Guignardia aesculi beziehungsweise Phyllosticta paviae, begünstigt durch regenreiche Witterung während der Blattentwicklung. Trockenheit oder Streusalz führen vor allem zu braunen Blattspitzen und -rändern, nicht zu Larvenminen. Beide Ursachen können allerdings gleichzeitig mit einem Mottenbefall auftreten – der Baum macht es einem also nicht immer leicht.
Vom Frühling bis zum Falllaub
In Deutschland entstehen gewöhnlich zwei bis drei Generationen pro Jahr, bei günstiger Witterung können es mehr sein. Im April und Mai schlüpfen überwinterte Falter und legen ihre Eier auf der Blattoberseite ab. Nach etwa zwei bis drei Wochen kommen die Larven heraus, fressen mehrere Wochen im Blattinneren und verpuppen sich anschließend in der Mine. Im Mai und Juni sind die ersten Larven aktiv, im Juli und August folgen weitere Generationen mit zunehmendem Fraß. Im September und Oktober können späte Generationen und starke Blattverbräunung auftreten. Von November bis März überwintern die Puppen im Falllaub. Warme Frühjahre beschleunigen den Falterflug, kühle Witterung kann ihn verzögern.
Noch grüne oder nur teilweise geschädigte Blätter sollten nicht massenhaft vom Baum gerissen werden. Sie betreiben weiterhin Photosynthese. Bereits braune Blätter werden durch Bekämpfungsmaßnahmen ohnehin nicht wieder grün. Beobachten lässt sich der Erfolg eher im nächsten Frühjahr und Sommer: Wann erscheinen die ersten Minen? Wann beginnen größere Verbräunungen, wie stark ist der Befall im Juli, wann setzt der vorzeitige Blattfall ein, und wie entwickelt sich die Krone im Folgejahr? Vergleichbare Fotos desselben Kronenbereichs können dabei erstaunlich hilfreich sein. Später auftretende Minen und länger grüne Blattflächen sprechen für eine Wirkung der Laubbeseitigung.
Pheromonfallen fangen hauptsächlich männliche Falter und eignen sich vor allem zur Kontrolle des Falterflugs; eine zuverlässige Bekämpfung allein ist nicht gesichert. Gelbtafeln erreichen die im Blatt lebenden Larven nicht zuverlässig. Meisen und Schlupfwespen können Larven und Puppen fressen, ein naturnaher Garten fördert solche Gegenspieler – ihre Wirkung bleibt aber begrenzt. Die gezielte Freisetzung der Schlupfwespe Pnigalio agraules führte laut Untersuchungen zeitweise zu höheren Parasitierungsraten, reichte jedoch nicht für eine nachhaltige Regulierung aus.
Seifenwasser, Knoblauchsud oder Brennnesseljauche erreichen die geschützten Larven ebenfalls nicht zuverlässig. Neem-Präparate dürfen nur entsprechend ihrer aktuellen Zulassung, der Baumart, des Anwendungsgebiets und der jeweiligen Vorgaben eingesetzt werden. Spritzungen an großen Rosskastanien sind wegen möglicher Abdrift auf Menschen, Tiere und Nachbarflächen problematisch; eine eigenständige chemische Behandlung gilt nicht als Standardmaßnahme.
Was der Baum verkraftet – und wann Hilfe nötig ist
Eine gesunde, ausgewachsene Rosskastanie stirbt durch Miniermottenbefall normalerweise nicht unmittelbar. Die verlorene Blattfläche reduziert aber die Photosynthese. Mögliche Folgen sind geringerer jährlicher Holzzuwachs, kleinere oder weniger Kastanienfrüchte, nachlassende Vitalität bei wiederholtem starkem Befall, vorzeitiger Blattfall sowie gelegentlicher Neuaustrieb oder eine ungewöhnliche Herbstblüte. Mehrjährige starke Befälle in Verbindung mit Trockenheit belasten den Baum stärker.
Bei trockenem Boden helfen ausreichende Wasserversorgung, ein geschützter Wurzelraum, möglichst wenig Bodenverdichtung, Schutz vor Verletzungen und eine bedarfsgerechte Düngung. Junge Bäume brauchen während Trockenperioden besonders oft durchdringendes Gießen. Bei großen Altbäumen hängen Wassermenge und Gießhäufigkeit vom Standort, vom Boden und vom erreichbaren Wurzelraum ab.
Eine Untersuchung durch Baumpfleger ist sinnvoll, wenn größere Kronenteile dauerhaft absterben, Risse oder auffällige Stammverletzungen auftreten, dunkle Flüssigkeit aus der Rinde austritt, ungewöhnlich viele Äste verloren gehen oder
