Laufboom in Deutschland: Warum junge Menschen ihre Ziele auf die Strecke bringen
Auf dem Tempelhofer Feld werden die Morgen voller: Immer mehr Joggerinnen und Jogger drehen dort ihre Runden, während in anderen Städten Laufgruppen, Apps und geteilte Trainingsfortschritte Menschen in Bewegung bringen. Auch gemeinsames Joggen und Marathontraining werden unter jungen Menschen beliebter. Ein Ziel vor Augen zu haben, hilft offenbar – selbst wenn der Wecker dafür ziemlich unchristlich klingelt.
Bei den meisten am Morgen Befragten stand das Erreichen eines Wettkampf- oder Trainingsziels im Vordergrund. Alexis aus Florida bereitet sich auf einen Marathon im Herbst vor, läuft dafür zwei Stunden und sagt, ein konkretes Ziel helfe ihr beim regelmäßigen Training. Felix begann als Polizist mit dem Laufen, um sich auf eine Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Heute nutzt er die Bewegung zum Abschalten und Abnehmen. Julia trainiert seit April intensiver für den Halbmarathon auf dem Tempelhofer Feld im Oktober.
Mehr Läufe, mehr Ziele
Ein anonym bleibender Langstreckenläufer erzählt, er sei 2007 der schnellste Berliner beim Berlin-Marathon gewesen und habe 20 Marathons beendet. Solche Geschichten passen zum aktuellen Bild: Laut Daten der Fitnessplattform Strava nennen Angehörige der Generation Z Rennen und Events 75 Prozent häufiger als Hauptmotivation für Bewegung als Angehörige der Generation X, also der Jahrgänge 1965 bis 1980.
Auch die Teilnehmerzahlen bei Laufveranstaltungen in der Region steigen seit der Corona-Zeit. Der Berliner Halbmarathon verzeichnete in diesem Jahr mehr als 42.000 Starter und übertraf damit den Vor-Pandemie-Rekord von 35.500. Beim Potsdamer Schlösserlauf sind 5.000 Startplätze verfügbar. 2024 waren sie erstmals vier Wochen vor dem Lauf ausgebucht, 2025 bereits ein halbes Jahr vorher.
Nicht jede Kurve zeigt allerdings nach oben. Beim Berliner Volkslauf S25 sank die Zahl der Finisher erstmals nach den Anstiegen der Post-Corona-Jahre von 9.953 auf 9.320. Als möglicher Grund gilt die wegen Bauarbeiten an Ringbahnbrücken erneut veränderte und weniger attraktive Strecke.
Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse beobachtet ebenfalls einen Laufboom. An der Alster seien etwa ein Drittel der Menschen Jogger gewesen. Viele suchten körperlichen Ausgleich zu mentaler Belastung und langen Sitzzeiten, sagt Froböse. Walken und Joggen seien niedrigschwellig: Man brauche lediglich geeignete Schuhe und könne allein oder in Gruppen trainieren. Für Anfänger könne ein konkretes Ziel zusätzliche Motivation schaffen.
Der Haken liegt dort, wo aus dem nächsten Ziel immer gleich die nächste größere Prüfung wird. Froböse warnt davor, nach mehreren Marathons auf 100-Kilometer-Läufe umzusteigen oder zwei Marathons pro Monat anzustreben. Die zunächst äußerlich motivierte Wettkampfteilnahme solle langfristig in eine innere Motivation übergehen: Bewegung müsse als persönlich wertvoll, gesundheitsfördernd und lebensqualitätssteigernd empfunden werden.
Locker laufen, länger profitieren
Für gesundheitliche Effekte sind laut Sportmedizin weder lange Distanzen noch besonders intensives Training nötig. Empfohlen werden regelmäßige, lockere Läufe mit kontinuierlicher Steigerung. Das klingt weniger spektakulär als ein Marathonziel, ist im Alltag aber vermutlich leichter unterzubringen – und für den Körper angenehmer.
Laufen kann das Herz stärken, die kognitive Leistungsfähigkeit unterstützen, Stress abbauen und zur inneren Ruhe beitragen. Außerdem kann es Krankheiten vorbeugen. Zwischen nassem Asphalt, müden Beinen und dem ersten tiefen Atemzug steckt also mehr als bloß Kilometer sammeln.
Der Beitrag „Richtig laufen: Wie der Ausdauersport Körper und Psyche stärkt“ wurde von Klara Laue verfasst und am 20. September 2026 um 8:30 Uhr veröffentlicht. Für die Sendung „Das Wissen“ auf SWR Kultur ist das Thema am 25. September 2026 um 8:30 Uhr angekündigt. Zum Beitrag bei SWR Kultur.
Der Marathonboom in Zahlen
Wie breit die Entwicklung inzwischen ist, zeigen die Zahlen aus Deutschland. Der Laufboom setzte sich 2024 fort: Bei 14 der 15 größten deutschen Marathons stiegen die Teilnehmerzahlen gegenüber dem Vorjahr, zwölf Veranstaltungen verzeichneten Zuwächse von mindestens 20 Prozent. Laut einer Erhebung der Online-Plattform „HD Sports“ nahmen nicht nur mehr Menschen teil, auch die Leistungen verbesserten sich.
Die 15 größten Marathons überschritten erstmals seit 15 Jahren wieder die Marke von 100.000 Finishern. Genau waren es 102.181. Der Frauenanteil lag bei 29 Prozent – ein historischer Höchstwert.
Der Berlin-Marathon stellte mit 54.164 Finishern einen Weltrekord auf und übertraf die bisherige Bestmarke von 2019 um mehr als 10.000 Teilnehmer. Hamburg belegte mit 11.265 Finishern wieder den zweiten Platz; dort stieg die Teilnehmerzahl um 30 Prozent. Frankfurt kam auf 10.273 Finisher, ein Plus von 6 Prozent, und überschritt erstmals seit fünf Jahren wieder die Marke von 10.000.
In Köln wuchs die Finisherzahl um 50 Prozent auf 5.619 – damit überholte der Lauf den München-Marathon. In München stieg die Teilnehmerzahl um 21 Prozent. Hannover verzeichnete einen Zuwachs von 59 Prozent auf 2.669 Finisher, einen historischen Bestwert.
Den höchsten Frauenanteil unter den großen deutschen Marathons hatte der Rennsteiglauf mit 35 Prozent, beim Berlin-Marathon lag er bei 34 Prozent. Deutschlandweit erhöhte sich der Frauenanteil bei Marathonveranstaltungen innerhalb von zehn Jahren von 20 auf 29 Prozent. Große US-Marathons liegen weiterhin höher: New York, Chicago und Boston erreichen jeweils nahezu 45 Prozent.
Am 24.09.2026 an der TUM München wirkt das alles vielleicht noch ein Stück weit weg von der eigenen Laufrunde über den Campus. Aber irgendwo beginnt es immer: bei einem lockeren Schritt, einer Gruppe, einer App – oder bei der Entscheidung, nach der langen Sitzung nicht direkt sitzen zu bleiben.
