Auf Kassels Hauptverkehrsstraßen wird langsamer gefahren: Auf mehreren Abschnitten gilt bereits Tempo 30. Was dahintersteckt, welche Wirkung die Regelungen haben und wo die Stadt noch nachsteuern könnte, wird heute, am 24. September 2026, beim HNA-Lesertreff diskutiert.

Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr im Hörsaal 2 des Campus-Centers der Universität Kassel. Veranstalter sind die HNA und die Deutsche Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft (DVWG). Auf dem Podium sitzen Carsten Sommer, Vorsitzender der DVWG in Nordhessen, Jens Peters vom Fachbereich Polizei der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit, Antje Janssen vom Planungsbüro LK Argus sowie Stadtklimarätin Simone Fedderke.

Warum Kassel das Tempo senkt

Die Einführung erfolgte schrittweise und aus unterschiedlichen Gründen. Vor sieben Jahren begann die Stadt, an Hauptverkehrsstraßen vor weiteren Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Seniorenheimen Tempo 30 einzurichten. Vorher galt die Regelung bereits vor fünf Kitas. Möglich wurde das auch durch eine Änderung der Straßenverkehrsordnung, die streckenbezogene Tempolimits auf Hauptstraßen erleichterte.

Ab Oktober 2024 ordnete Kassel auf elf Streckenabschnitten außerdem nächtliches Tempo 30 an. Die Beschränkung gilt jeweils von 22 bis 6 Uhr. Begonnen wurde an der Frankfurter Straße in Höhe des früheren Kinderkrankenhauses Park Schönfeld. Welche Abschnitte ausgewählt wurden, richtete sich nach einer gutachterlich ermittelten Lärmbelastung und der Lärmaktionsplanung der Stadt gemeinsam mit dem Regierungspräsidium.

Verkehr ist die wichtigste Lärmquelle im Kasseler Stadtgebiet. An vielen Straßen werden Pegel erreicht, die Anwohnerinnen und Anwohner vor allem nachts erheblich belasten; laut Stadt ist von möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen auszugehen. Eine Auswertung von Daten des Umweltbundesamts durch „Zeit Online“ führte Kassel als eine der besonders stark von Lärm betroffenen Städte auf. An den betroffenen Straßenabschnitten leben schätzungsweise mehr als 6.000 Menschen.

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„Mein Ziel ist, dass alle Menschen in Kassel nachts gut und gesund schlafen können“, erklärte Simone Fedderke. Sie ist für Stadtentwicklung, Bauen, Klimaschutz, Umwelt und Verkehr zuständig. Klingt nach einem kleinen Verkehrsschild, dahinter steckt aber ein ziemlich großer Alltag: Fenster offen oder zu, Durchschlafen oder wieder wach liegen.

Weitere Abschnitte, weitere Begründungen

Nach den nächtlichen Tempolimits führte die Stadt zusätzliche dauerhafte Tempo-30-Regelungen ein. Grundlage ist eine Novelle der Straßenverkehrsordnung vom Oktober 2024. Sie erleichtert Geschwindigkeitsbeschränkungen unter anderem an Spielplätzen, stark genutzten Schulwegen, Fußgängerüberwegen und sozialen Einrichtungen.

Seit dem Sommer gilt auf der Frankfurter Straße dauerhaft Tempo 30 zwischen Tischbeinstraße und Bosestraße sowie zwischen Tischbeinstraße und Mozartstraße. Als Gründe für weitere Abschnitte nannte die Stadt neben dem Lärmschutz einen stark genutzten Schulweg und eine Unfallhäufungsstelle an der Kreuzung Heinrich-Heine-Straße.

Wie weit solche Regelungen reichen sollen, ist nicht nur eine Kasseler Frage. Die Deutsche Umwelthilfe fordert Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften in Deutschland. Auf deutschen Hauptverkehrsstraßen gibt es derzeit meist nur vereinzelte Anordnungen – auf kurzen Strecken oder zu bestimmten Zeiten. Nach Einschätzung der Organisation reichen diese Einzelregelungen nicht aus, um mögliche Effekte auf Verkehrsfluss, Mobilitätsverhalten, Umweltbelastung und Unfallzahlen vollständig zu erreichen.

Was andere Städte berichten

Spanien setzt seit 2021 in Städten überwiegend auf Tempo 30. Vergleichbare Regelungen gelten auch in Brüssel und in rund 200 französischen Städten. In Frankreich wurden laut dem genannten Artikel seit der Einführung von Tempo 30 im Jahr 2020 70 Prozent weniger tödliche Verkehrsunfälle verzeichnet.

Für Brüssel werden seit dem Start der Regelung Anfang 2021 22 Prozent weniger Schwerverletzte und 55 Prozent weniger Verkehrstote genannt. Gleichzeitig gab es dort 20 Prozent mehr Radfahrende. Die Weltgesundheitsorganisation spricht sich für Tempo 30 in Städten und Dörfern weltweit aus.

Auch beim Lärm kann die niedrigere Geschwindigkeit einen Unterschied machen. Tempo 30 wirkt gegenüber Tempo 50 für das menschliche Ohr ungefähr wie eine Halbierung des Verkehrsaufkommens. Die erwartete Lärmminderung liegt bei etwa 2 bis 3 dB(A); in Brüssel wurden örtlich Rückgänge von bis zu 4,8 dB(A) gemessen.

In Berlin wurde an fünf Hauptstraßen untersucht, was die Absenkung von 50 auf 30 km/h bewirkt. Dabei sanken die Jahresmittelwerte für gesundheitsschädliches Stickstoffdioxid um bis zu 8 Prozent. Tempo 30 wird außerdem als Maßnahme für Verkehrswende und Klimaschutz dargestellt, weil Fuß- und Radverkehr gegenüber dem Autoverkehr gestärkt werden sollen.

Rechtlicher Spielraum und Kasseler Abend

Ein Rechtsgutachten kommt laut Deutscher Umwelthilfe zu dem Ergebnis, dass Städte insbesondere zum Schutz vor Lärm weitreichende Tempo-30-Anordnungen rechtssicher umsetzen können. Die 2024 novellierte Straßenverkehrsordnung eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, unter anderem an Fußgängerüberwegen und hochfrequentierten Schulwegen. Ein weiteres Rechtsgutachten soll diese neuen Spielräume praxisnah erläutern.

Die Organisation ruft dazu auf, Stadtverwaltungen konkrete Orte für Tempo 30 zu benennen und eine entsprechende politische Sofortmaßnahme zu fordern. In Kassel liegen einige dieser Orte längst auf dem Tisch: die Frankfurter Straße, die Abschnitte mit nächtlichem Lärmschutz, der stark genutzte Schulweg und die Unfallhäufungsstelle an der Heinrich-Heine-Straße.

Beim HNA-Lesertreff können Besucherinnen und Besucher heute Abend mit den Fachleuten über die Geschwindigkeitsbeschränkungen sprechen – im Campus-Center der Universität Kassel, Hörsaal 2, ab 20 Uhr.