Mittelmeerkost steht mit gesünderem alterndem Gehirn in Verbindung
Med Berlin, 30. September 2026 – Demenz ist längst keine seltene Alterserscheinung mehr. Ihre zunehmende Verbreitung wird mit der steigenden Lebenserwartung und einem modernen Lebensstil in Verbindung gebracht, der oft wenig Bewegung und eine eher ungünstige Ernährung mit sich bringt. Gleichzeitig sind die Behandlungsmöglichkeiten trotz jahrzehntelanger Forschung begrenzt – anders als bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder rheumatischen Erkrankungen, bei denen es deutliche Fortschritte gegeben hat.
Vorbeugung bekommt dadurch Gewicht. Der Beitrag von Andreas Michalsen fragt, ob bestimmte Lebensmittel das Demenzrisiko senken können. Im Blick stehen dabei Beeren, Kaffee und Nüsse – also Dinge, die im Alltag schnell auf dem Tisch landen können. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Nicht alle Hoffnungen auf einzelne Lebensmittel oder bestimmte Ernährungsempfehlungen haben sich wissenschaftlich bestätigt.
Beeren, Kaffee und Nüsse unter der Lupe
Die Forschung zu den sogenannten Brain-Foods klingt zunächst verlockend. Beeren, Kaffee und Nüsse werden mit möglichen günstigen Effekten auf das Gehirn in Verbindung gebracht. Doch aus einzelnen Beobachtungen lässt sich nicht automatisch ableiten, dass ein bestimmtes Lebensmittel Demenz verhindert. Ein paar Nüsse zum Frühstück sind eben kein Schutzschild, und auch der Kaffee am Morgen löst dieses Versprechen nicht einfach ein.
Der entscheidende Punkt liegt eher im Gesamtbild der Ernährung. Genau dort setzt eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen an, die am 5. Mai 2021 in Bonn vorgestellt wurde. Sie untersuchte, wie eine mediterrane Ernährungsweise mit Risikomerkmalen der Alzheimer-Krankheit zusammenhängt.
Was im Gehirn passiert
Alzheimer ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass sich Beta-Amyloid-Proteine zwischen den Nervenzellen zu Plaques ablagern. Tau-Proteine verklumpen im Inneren der Nervenzellen. Gleichzeitig nimmt das Gehirnvolumen durch fortschreitende Atrophie ab. Mögliche Folgen sind Gedächtnisverlust, Orientierungslosigkeit, Unruhe und herausforderndes Verhalten. Warum diese Eiweißablagerungen entstehen, ist bislang nicht geklärt.
Die mediterrane Kost könnte laut der Studie vor solchen Ablagerungen und vor Gehirnatrophie schützen. Auf dem Teller liegen dabei viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Getreide und Fisch sowie einfach ungesättigte Fettsäuren, etwa aus Olivenöl. Milchprodukte, rotes Fleisch und gesättigte Fettsäuren werden dagegen nur in geringem Umfang verzehrt. Kein spektakulärer Trick, eher eine Küche, in der Gemüse nicht bloß die Dekoration neben dem Fleisch ist.
Für die bundesweite Untersuchung wurden 512 Personen mit einem Durchschnittsalter von etwa 70 Jahren einbezogen. Davon waren 169 kognitiv gesund, während 343 ein erhöhtes Alzheimer-Risiko hatten – etwa wegen subjektiver Gedächtnisstörungen, leichter kognitiver Beeinträchtigungen oder einer erstgradigen familiären Vorbelastung. Die Untersuchung fand im Rahmen der DZNE-DELCODE-Studie zur frühen Phase der Alzheimer-Erkrankung statt und wurde vom BMBF-Kompetenzcluster Diet-Body-Brain gefördert.
Ein Fragebogen, MRT-Bilder und Nervenwasser
Die Teilnehmenden dokumentierten per Fragebogen, welche von 148 Lebensmitteln sie in den vergangenen Monaten gegessen hatten. Wer häufig typische Bestandteile der Mittelmeerkost wie Fisch, Gemüse und Obst verzehrte und selten rotes Fleisch aß, erhielt eine hohe Punktzahl.
Danach wurde es medizinisch genauer: Alle Teilnehmenden wurden per MRT untersucht, um das Hirnvolumen zu bestimmen. Dazu kamen neuropsychologische Tests, unter anderem zur Gedächtnisleistung. Bei 226 Personen analysierten die Forschenden außerdem das Nervenwasser auf Amyloid-Beta- und Tau-Biomarker.
Das Ergebnis fiel auffällig aus. Menschen mit einer weniger gesunden Ernährung wiesen im Nervenwasser höhere pathologische Werte dieser Biomarker auf als Personen, die regelmäßig mediterran aßen. Teilnehmer mit einer geringeren Übereinstimmung mit der mediterranen Ernährungsweise erzielten zudem schlechtere Ergebnisse bei Gedächtnistests.
Eine hohe Punktzahl für mediterrane Ernährung war außerdem signifikant mit einem größeren Volumen des Hippocampus verbunden. Dieses Hirnareal ist für das Gedächtnis wichtig und schrumpft bei Alzheimer früh und stark. Die Forschenden wollen dieselben Teilnehmenden nach vier bis fünf Jahren erneut untersuchen, um den langfristigen Einfluss der Ernährungsweise auf die Alterung des Gehirns zu analysieren.
Das DZNE erforscht neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und ALS und arbeitet an Ansätzen für Prävention, Therapie und Patientenversorgung. Für den Alltag bleibt der Befund trotzdem angenehm unaufgeregt: Zwischen Beeren, Kaffee und Nüssen zählt offenbar weniger der einzelne Star auf dem Teller als das Muster dahinter – Gemüse, Bohnen, Obst, Fisch, Getreide und Olivenöl, immer wieder, nicht nur dann, wenn gerade eine neue Studie Schlagzeilen macht.
