Heute, am 30. September 2026, richtet sich der Blick an der Uni Potsdam auf eine Berliner Wissenschaftsserie, die ziemlich tief in den Alltag hineinreicht: den Einfluss von Werten und Normen auf das Funktionieren der Gesellschaft. Im dritten Teil der Reihe „100 Köpfe der Berliner Wissenschaft“ werden zehn Personen vorgestellt, deren Forschung Wirtschaft, Reformen und Gesetze prägt.

Es geht um die eher unsichtbaren Gerüste des Zusammenlebens. Welche Mechanismen halten Staat und Wirtschaft stabil? Wo müssen Regeln nachjustiert werden? Regelwerke und Wirtschaftsdaten bilden laut dem Artikel eine Grundlage gesellschaftlichen Zusammenlebens – sie sollen für gerechte Verhältnisse im sozialen Bereich und im Handel sorgen. Die Wissenschaftler überprüfen dieses Versprechen und entwickeln Regelungen weiter. Verfasst wurde der Beitrag von Tilmann Warnecke, Jan Kixmüller, Miray Caliskan und Richard Friebe; der Stand ist heute, 05:00 Uhr.

Wissenschaft zwischen Regeln und Gesellschaft

Ein passender institutioneller Hintergrund ist die Berliner Wissenschaftliche Gesellschaft (BWG), eine deutsche Gelehrtengesellschaft für Wissenschaftler aller wissenschaftlichen Einrichtungen in Berlin. Sie fördert den fachübergreifenden Austausch von Gedanken und Forschungsergebnissen und will der zunehmenden Spezialisierung in den Wissenschaften entgegenwirken.

Gegründet wurde die BWG am 18. Dezember 1973 von Wissenschaftlern aus Hochschulen und Bildungseinrichtungen des damaligen West-Berlin, insbesondere von Hochschullehrern der Freien Universität Berlin. Im Hintergrund stand die Umgestaltung der Ordinarien-Universität zur Gruppenuniversität durch das Berliner Universitätsgesetz von 1969: Fakultäten wurden durch Fachbereiche ersetzt, der Rektor durch einen auf sieben Jahre gewählten Präsidenten. In den Selbstverwaltungsgremien der FU waren Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, sonstige Mitarbeiter und Studierende paritätisch vertreten. Das Gesetz wurde 1974 novelliert und 1978 durch ein neues Landeshochschulgesetz ersetzt.

Damit solche Verbindungen nicht nur auf dem Papier stehen, organisiert die BWG Vorträge – meist mittags im Harnack-Haus oder abends im Kaiserin-Friedrich-Haus –, außerdem Seminare und Tagungen, Führungen durch wissenschaftliche Einrichtungen sowie interdisziplinäre Arbeitskreise zu wissenschaftlichen Themen von breiterem Interesse. Dazu kommen die Initiierung und Förderung von Forschungsprojekten, Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen in Jahrbüchern und im Internet sowie Stellungnahmen zu hochschulpolitischen Fragen.

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Fördern, auswählen, weitergeben

Auch der Nachwuchs bekommt Raum: Die BWG vergibt jährlich einen Promotionspreis für herausragende Forschungsarbeiten. Hinzu kommt der aus Mitteln der Erhard-Höpfner-Stiftung finanzierte Erhard-Höpfner-Studienpreis für hervorragende Abschlussarbeiten an Universitäten und Fachhochschulen.

Anfang 2009 hatte die Gesellschaft rund 250 ordentliche Mitglieder. Dazu gehörten die Präsidenten und Vizepräsidenten aller Berliner Universitäten sowie Angehörige der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und anderer wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen in Berlin. Ordentliches Mitglied kann auf schriftlichen Vorschlag von mindestens fünf Mitgliedern werden, wer durch herausragende Veröffentlichungen oder vergleichbare Leistungen zum wissenschaftlichen Fortschritt beiträgt, aktiv wissenschaftlich forscht und sich zur Freiheit von Forschung und Lehre bekennt.

Daneben gibt es assoziierte Mitglieder – wissenschaftliche Nachwuchskräfte, bei denen erwartet wird, dass sie die Voraussetzungen für eine ordentliche Mitgliedschaft bald erfüllen –, korrespondierende Mitglieder, Anfang 2009 rund 80, überwiegend früher in Berlin tätige und später weggezogene Wissenschaftler, sowie fördernde Mitglieder. Von ihnen gab es Anfang 2009 rund 50; meist handelte es sich um Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft ohne aktive wissenschaftliche Forschung. Ehrenmitglieder gehören ebenfalls zur Gesellschaft.

Gründungsvorsitzender war bis 1981 der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Wolfram Fischer. Seit 2007 steht der Lasermediziner Hans-Peter Berlien dem Vorstandsgremium vor. Die Geschäftsstelle befindet sich in der Abteilung Lasermedizin der Evangelischen Elisabeth Klinik in Berlin-Mitte.

Von Berliner Institutionen zu globalen Wissensgeschichten

Wie weit Wissenschaftsgeschichte heute ausgreifen kann, zeigt das 1994 gegründete Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG) in Berlin. Es ist eines von mehr als 80 Forschungsinstituten der Max-Planck-Gesellschaft. Das Institut arbeitet an der Weiterentwicklung der Wissenschaftsgeschichte, indem es sich kritisch mit grundlegenden Konzepten auseinandersetzt, den interdisziplinären Dialog fördert und innovative Forschungsmethoden entwickelt.

Am MPIWG gibt es offene Stellen in Forschung, Verwaltung und technischem Support. In den Institutsnachrichten steht außerdem, dass Jacob Schmidt-Madsen den „2026 Chess Journalists of America Book of the Year Award“ erhielt. Adrija Roychowdhury schrieb in The Indian Express über weltweite Versuche, die „Indus-Schrift“ zu entschlüsseln.

Für den 30. September 2026 ist der Workshop „Academia, Redacted: Working with Fraught Archives and Difficult Materials“ im Department „Knowledge Systems and Collective Life“ angekündigt. Am 6. Oktober 2026 folgt der Buchvortrag „The Nationalization of Knowledge“ der Lise-Meitner-Forschungsgruppe zu China. Am 7. Oktober 2026 stehen gleich zwei Veranstaltungen auf dem Programm: „Sensing into Rewilding: An Embodied History“ sowie die Filmvorführung „Overburden“, beide im Department „Knowledge Systems and Collective Life“.

Auch die Publikationsliste von 2026 macht aus dem Berliner Institut keinen stillen Elfenbeinturm. Katja Krause und Tracy Wietecha veröffentlichten „Albert the Great on Negative-Mystical Theology as the Epitome of Science“ im The Oxford Handbook of Apophatic Theology, S. 228–242, bei Oxford University Press. Chanelle Adams schrieb „The Making of a Medicinal Plant: Ravintsara (Cinnamomum camphora) in Madagascar, from Colonial Introduction to Export Remedy“ in Histoire, médecine et santé 29, S. 123–144.

Erik Baark untersuchte in „How Did Shenzhen-Hong Kong-Guangzhou Become the World’s Number One Tech Hub?“ für ThinkChina vom 25. August 2026 den Aufstieg dieser Technologieregion. Matteo Valleriani veröffentlichte „Time-Reckoning, University Education, Knowledge Diffusion and Cultural Identity: A Multi-Layered Network as a Constellation“ in Konstellationen, S. 19–38, bei De Gruyter. Vojtěch Kaše und Sarah A. Lang legten „Contextual Word Embeddings for Paracelsian Lexicography: Tangled Terminologies and their Origins in Ruland’s Alchemical Dictionary“ in Ambix 73 (2–3), S. 205–238, vor.

Hinzu kommen Huangwei Li und Han Cheng mit „China’s Scientific Cooperation with Africa“ in Megatrends Africa 83. Wer lieber zuhört oder zusieht, findet die Video-Reihe „Research Reels: Biomedical Visions“ mit Elizabeth Hughes und „Research Reels: Bilder einer Gesellschaft (Images of a Society)“ mit Birgit Kolboske. Das „Laboratory for Multimodal History: An Inclusive Space for Audiovisual Experimentation and Collaborative Research“ widmet sich audiovisuellen Experimenten und gemeinsamer Forschung.

In weiteren Podcasts spricht Alexander Blum über die Weltformel, Zsuzsanna Ihar über militärische Infrastruktur und lokale Gemeinschaften, Eleonora Andriani in einem französischen Podcast über die Wissenschaft des Niesens und Jeffrey Kotyk über Tierkreiszeichen in Asien. Dazu kommen die Website zum interdisziplinären Kooperationsprojekt „China’s Science Silk Road“ und ein Video mit Tilman Musch zum Saharagärten-Projekt.

Zwischen Gesetzesreformen, Wirtschaftsdaten und der Frage, wie Wissen überhaupt weitergegeben wird, liegt an diesem Mittwoch also einiges auf dem Tisch. Die Berliner Wissenschaft klingt dabei nicht nach einem einzigen großen Fach – eher nach vielen Türen, die offenstehen, manche nur einen Spalt. Und dahinter wird weiter gearbeitet.