Poetry Slam in Chemnitz: Ayse Irem gewinnt mit Texten über Rassismus und Alltagsdiskriminierung den Meistertitel
Bisan Badawi ist 21, Poetry-Slammerin und mehrfache sächsische Vize-Landesmeisterin. In ihren Texten erzählt sie von Erfahrungen, die sie als Muslimin mit syrischen Wurzeln in Ostdeutschland gemacht hat. Leicht ist das nicht immer. Und trotzdem spricht sie über diese Region nicht von oben herab, sondern mit einer Verbundenheit, die man ihr anmerkt.
Bis vor wenigen Wochen lebte Badawi in Chemnitz, inzwischen wohnt sie in Leipzig. Als Gründe für ihren Wegzug nennt der zugrunde liegende Bericht unter anderem Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung. Mitte Oktober 2026 kam sie für einen Nachmittag nach Chemnitz zurück. Anlass war ihre bevorstehende Bachelorarbeit im Psychologiestudium an der TU Chemnitz; das Gespräch fand im Stadthallenpark statt.
Zwischen Chemnitz, Leipzig und der Bühne
Badawi betont, dass sie niemandem Angst machen wolle, wenn sie über Ostdeutschland rede. Ihre Texte sollen nicht pauschal verurteilen. Sie handeln von Ausgrenzung, aber auch von Nähe, Erinnerungen und der Frage, wie beides gleichzeitig möglich ist. Irgendwie passt genau diese Spannung zum Poetry Slam: persönliche Erfahrungen, direkt ausgesprochen, ohne großes Bühnengewitter.
Dass Chemnitz eine wichtige Adresse für diese Szene ist, zeigte bereits die Eröffnungsshow von SLAM25. Die Veranstaltung wurde drei Jahre lang geplant und eröffnete die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam. Einen Wettbewerb gab es an diesem Abend nicht; angekündigt waren ausschließlich Textbeiträge der eingeladenen Slam-Poetinnen und -Poeten.
Auf der Bühne standen Hannah Abelius, Gewinnerin des Grand Slam of Saxony 2024, Bisan Badawi als Mitglied des Spektakel Kollektivs Chemnitz und von i,Slam, Marc Bobzin als Nachwuchs-Poet der sächsischen Szene, Marcus Engelmann als Chemnitzer Teilnehmer bei SLAM25, Boris Flekler, Gewinner des Grand Slam of Saxony 2015, sowie Friedrich Herrmann, deutschsprachiger Meister von 2019. Dazu kamen Paula, die amtierende sächsische U20-Meisterin aus Chemnitz, und Yannik Sellmann, zweifacher bayerischer Meister und mehrfacher Finalist deutschsprachiger Meisterschaften.
Moderiert wurde die Show von Inke Sommerlang vom Spektakel Kollektiv, sächsische Landesmeisterin im Poetry Slam 2023. Der Eintritt war frei. Für den Einlass musste allerdings ein kostenloses Ticket vorgezeigt werden.
Vier Tage Slam in der Kulturhauptstadt
Vier Tage lang war Chemnitz, Europas Kulturhauptstadt 2025, Treffpunkt der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. Neben dem Einzelwettbewerb gab es einen Team-Wettbewerb. Das Berliner Duo Wortwin & Slamson gewann am Freitagabend seinen dritten Team-Titel. Die Veranstalter hoben bei diesem Auftritt sprachliche Originalität, präzises Timing und Bühnenpräsenz hervor.
Beim Poetry Slam tragen Autorinnen und Autoren selbst verfasste Texte vor, das Publikum entscheidet über den Ausgang. Mal sind die Beiträge kritisch oder politisch, mal traurig, humorvoll oder sehr persönlich. Für ihre Auftritte hatten die Teilnehmer maximal sechs Minuten Zeit. Kostüme und Requisiten waren nicht erlaubt, Mimik, Gestik und Rap dagegen schon.
Die Meisterschaft wurde zum 29. Mal ausgetragen. Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Belgien, Liechtenstein und Luxemburg. Im Einzelwettbewerb belegte Julius Althoetmar aus Bayern den zweiten Platz, Lia Hartl aus Österreich wurde Dritte. Der Wettbewerb findet im kommenden September in Hannover statt.
Ayse Irem: „Wenn niemand darüber redet, dann tue ich es“
Den Titel der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft gewann Ayse Irem aus Nordrhein-Westfalen. Die türkischstämmige Muslima setzte sich am vergangenen Wochenende in Chemnitz gegen rund 80 Konkurrenten durch. Im Finale erhielt sie von etwa 1.800 Zuschauern Standing Ovations. Irem trat für „I,Slam“ an, eine Gemeinschaft für muslimischen Poetry Slam.
Nach ihrem Sieg sagte sie, es sei ihr wichtig, über ernste Themen zu sprechen: Wenn niemand anderes darüber rede, tue sie es. Besonders freute sie sich darüber, den Titel als türkischstämmige Muslima in Chemnitz gewonnen zu haben. Die Stadt war 2018 durch rechtsextreme Ausschreitungen bundesweit bekannt geworden. Irem berichtete dennoch, sie habe in Chemnitz viele freundliche Menschen getroffen und Spaß gehabt. Überall gebe es gute und böse Menschen, entscheidend sei der Zusammenhalt.
In ihrem Auftritt sprach sie über Rassismus und Alltagsdiskriminierung in Deutschland, über das Kopftuch und den Neuanfang ihrer Großeltern in einem fremden Land. Auch das angebliche Verbot, dass Kinder von Zuwanderern auf dem Schulhof Türkisch sprechen, kam vor. Dazu schilderte sie Benachteiligungen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und Wohnungen aufgrund von Namen, rassistische Anschläge in Mölln, Solingen und Hanau sowie den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in Polizeigewahrsam in Sachsen-Anhalt.
Eine Frage blieb dabei unangenehm im Raum stehen: Ob sie sich im Ernstfall auf die Polizei in Deutschland verlassen könne. In einem fiktiven Dialog sprach Irem außerdem über Auswanderung und die Möglichkeit, schöne, bisher unbekannte Orte zu sehen. In der Türkei, erzählte sie, versuche sie ihren deutschen Akzent zu verbergen. In Deutschland werde sie trotz fließender Sprache wegen ihres Kopftuchs als anders wahrgenommen.
Irem wurde in Osnabrück geboren und lebt derzeit in Bielefeld. Laut WDR ist sie die erste Person aus Ostwestfalen, die die deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaft gewonnen hat. Glückwünsche erhielt sie unter anderem von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Lamya Kaddor. Kaddor schrieb, Irems Texte zeigten die Verbreitung von Islamfeindlichkeit und Alltagsrassismus, insbesondere gegenüber muslimischen Frauen mit Kopftuch. Zudem seien Muslime witzig, kreativ und geistreich.
Im Einzelfinale ging es außerdem um sexuelle Gewalt gegen Frauen, Pollenallergie, die Ideologie von Bundeskanzler Friedrich Merz und die Bedeutung von Steinen. Kein Kostüm, keine Requisite, nur Stimme, Mimik, Gestik und manchmal Rap. Im Stadthallenpark dürfte Bisan Badawi an diesem Nachmittag trotzdem genug Material für ihre nächste Zeile gefunden haben.
