Frankfurts medizinhistorisches Institut zwischen Sparzwang und NS-Erbe
In Frankfurt wird seit Monaten um die Zukunft des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin gerungen. Im März berichtete die „FAZ“ erstmals über eine mögliche Schließung aus Spargründen. Heute, am 22.10.2026, ist die Lage weiterhin offen – und an der Universität Mainz schaut man genau hin, weil eine Kooperation in der Medizingeschichte und Medizinethik möglich bleibt.
Es geht nicht nur um Räume und Stellen. Das Institut besitzt mehr als 75.000 Bände und nennt seine Bibliothek die größte medizinhistorische Büchersammlung Deutschlands. Aneinandergereiht ergeben die Bücher etwa 1,1 Regal-Kilometer. Im Keller liegen besonders wertvolle und alte Werke; das älteste vorhandene Buch erschien 1491 in Straßburg. Auf den Regalen klebten nach Angaben des kommissarischen Leiters Michael Sachs Aufkleber der Universitätsbibliothek, die auf einen möglichen Abtransport hindeuteten. Eine Erklärung dafür habe es nicht gegeben.
Ein Haus mit knappen Mitteln und großer Sammlung
Sachs leitet das Institut seit 2021 kommissarisch, sein Vertrag läuft bis Ende 2027. Die Professur ist seit fünf Jahren unbesetzt. Neun Doktorandinnen und Doktoranden betreut er trotzdem und setzt sich dafür ein, Institut und Bibliothek an einem gemeinsamen Standort zu erhalten. Die Goethe-Universität betont, es sei noch keine Entscheidung gefallen. Institut und wichtige Dokumente sollten jedoch bewahrt werden.
Als mögliche Lösung wird ein Umzug in das Gebäude der Dr. Senckenbergischen Anatomie geprüft. In den kommenden Monaten soll geklärt werden, wie der Umzug und die Besetzung der Professur finanziert werden können. Die Dr. Senckenbergische Stiftung hat finanzielle Unterstützung zugesagt, sofern das Institut in Frankfurt bleibt.
Der derzeitige Standort liegt in einem denkmalgeschützten Gebäude an der Ecke Paul-Ehrlich-Straße/Vogelweidstraße nahe der Uniklinik. 1995 waren Institut und Bibliothek aus Platzgründen vom Uniklinikgelände dorthin verlegt worden. Die personelle Ausstattung ist seitdem, beziehungsweise seit den vergangenen Jahren, stark zusammengeschrumpft: Früher gab es drei Professoren, drei Bibliothekarinnen, eine Sekretärin und fünf wissenschaftliche Mitarbeiter. Heute arbeiten dort drei wissenschaftliche Mitarbeiter auf zwei Stellen. Das Sekretariat wurde gestrichen; seine Aufgaben übernehmen Sachs und die Bibliothekarin Katja Röntgen.
Neben Forschung und Lehre sitzt dort die Geschäftsführung des Klinischen Ethikkomitees der Universitätsmedizin. Das Komitee berät unter anderem bei ethischen Fragen in der Patientenversorgung, seine Arbeit fließt auch in die Ausbildung ein. Geschichte der Medizin und Medizinethik sind laut Sachs verpflichtende Fächer im Medizinstudium. Er warnt, dass bei einer Steuerung der Lehre von Mainz aus Vorlesungen und Prüfungen in Frankfurt verloren gehen könnten.
Die Themen der Doktorarbeiten reichen von der griechischen Antike über NS-Euthanasieopfer bis zu den Lebensläufen der ersten Frankfurter Medizinstudentinnen. Eine Kooperation mit der Universität Mainz im Bereich Medizingeschichte und -ethik bleibt möglich. Der Name „Dr. Senckenbergisch“ geht auf den Frankfurter Arzt Johann Christian Senckenberg zurück, der in seinem Stiftungsvermächtnis die Förderung der Medizingeschichte in Frankfurt vorgesehen hatte. Umgesetzt wurde dieses Vermächtnis 1938 mit der Gründung des heutigen Instituts.
Von Richard Koch bis Otmar von Verschuer
Die Geschichte des Hauses reicht zu Richard Koch zurück. Ab 1916 hielt er Vorlesungen über Medizingeschichte und philosophische Grundlagen der Medizin, 1927 wurde er Leiter des Seminars für Geschichte der Medizin. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Koch 1933 zunächst beurlaubt und anschließend entlassen. 1935 wurde das Seminar aufgelöst.
Ein wichtiger Grundstock der heutigen Bibliothek kam bereits 1924 hinzu: Damals wurde die Bibliothek des Berliner Haut- und Sexualmediziners Iwan Bloch erworben. 1934/35 entstand auf Antrag der medizinischen Fakultät ein Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene. Direktor war Otmar von Verschuer, ein führender NS-Rassenhygieniker und Zwillingsforscher.
Die erbbiologische Forschung sollte die NS-Erbgesundheitspolitik anleiten. Zugleich erzeugten politische Maßnahmen neue Forschungsprojekte. Arthur Gütt ließ Akten zur Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ – kurz GzVeN – zentral im Reichsgesundheitsamt archivieren, damit sie wissenschaftlich ausgewertet werden konnten. Mit finanzieller Unterstützung der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft sollten Verschuer, Eugen Fischer und Ernst Rüdin diese Akten untersuchen: Verschuer befasste sich mit Innerer Medizin, Pädiatrie, Chirurgie und Orthopädie, Rüdin mit psychiatrischen Fragen, Fischer mit erblicher Blindheit und Taubheit.
Schwerpunkt des Frankfurter Instituts waren „erbpathologische Untersuchungen“. Das erste Großprojekt war eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ in der Schwalm. Walter Scheidt hatte auf Grundlage von Kirchenbüchern Sippentafeln erstellen lassen; eine Institutshilfskraft vervollständigte sie mit Unterstützung des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst. Zusätzlich wurde die gesamte lebende Bauernbevölkerung des Schwalm-Eder-Kreises medizinisch-anthropologisch erfasst. Heinrich Schade und Günter Burkert untersuchten innerhalb von drei Jahren mit Unterstützung von Behörden, Schulen und Parteiämtern 4.010 Menschen über sechs Jahren. Damit wurden 80 Prozent der alteingesessenen Bevölkerung erfasst. Schade habilitierte sich 1939 über die Bestandsaufnahme einer Dorfbevölkerung in der Schwalm.
Parallel bauten Institut und Frankfurter Gesundheitsamt eine „Erbkartei“ und ein „Erbarchiv“ auf. Bei 555.857 Einwohnern umfasste die Kartei 1935/36 rund 100.000 Karten und 170.000 Akten. 1936/37 kamen Daten aus Nervenklinik, Gefängnisverein, Entmündigungsbeschlüssen sowie Schulgesundheitspässen hinzu; die Kartei wuchs auf 145.000 Karten. 1937/38 enthielt sie 230.000 Karten, das Erbarchiv 250.000 Akten. Damit war etwa die Hälfte der Frankfurter Bevölkerung mit Fürsorge-, Hilfsschul-, Vormundschafts-, Straf- und Krankenakten erfasst. Bis Kriegsende stieg die Zahl der registrierten Frankfurter auf schätzungsweise 380.000.
Die Kartei sollte alle als erbkrank eingestuften Personen erfassen und als Grundlage für Maßnahmen nach dem GzVeN dienen: für Entscheidungen über Ehestandsdarlehen, Zwangssterilisationen, die Begutachtung von Bewerbern für den städtischen Dienst und die Überprüfung von Einbürgerungsanträgen. Hinzu kamen Untersuchungen zur Bedeutung von „Rasse“, „Rassenmischung“ und „Konstitution“ für Krankheiten sowie der Ausbau der „praktischen Erb- und Rassenpflege“.
Forschung, Verwaltung und Gewalt
Heinz Koslowski untersuchte die Weitergabe körperlicher Merkmale bei Nachkommen der in Frankenhain angesiedelten Hugenotten. Seine 1941 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass einige Merkmale erhalten geblieben, andere jedoch verschwunden seien.
Gerhart Stein promovierte 1938 mit einer Untersuchung zur Psychologie und Anthropologie der „Zigeuner“ in Deutschland. Seit 1936 hatte er 247 Personen anthropologisch untersucht. Er entwickelte ein Konzept zur „Trennung und Reinhaltung der Rassen“ und schrieb „Zigeunermischlingen“ angeborene Kriminalität und Asozialität zu. Verschuer bezeichnete die Arbeit als erste größere anthropologische Untersuchung an „Zigeunern“ und hob damit die angebliche Vorreiterrolle des Frankfurter Instituts hervor.
Stein hatte allerdings 1936/37 auch im Zwangslager Berlin-Marzahn im Auftrag Robert Ritters gearbeitet. Seine Messungen wurden in Ritters „fliegender Arbeitsgruppe“ verwendet, die Anfang Januar bis Ende März 1938 Frankfurter Sinti und Roma „rassenbiologisch“ erfasste.
Als amtsärztliche Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege in Frankfurt-Süd war das Institut direkt an der Umsetzung der NS-Rassenpolitik beteiligt. Zwischen Institut und städtischer Beratungsstelle kam es zu Kompetenzstreitigkeiten. Bei Gutachten ging es häufig darum, ob sich Verschuer oder Gerum durchsetzen konnte. Verschuer stärkte seine Position 1936 durch seine Ernennung zum Mitglied und Gutachter des Erbgesundheitsobergerichts Frankfurt. Gerums Bewerbung als Gutachter des Erbgesundheitsgerichts blieb erfolglos.
Die Beratungsstelle unters
