Process Science gegen den Formularfrust: Wie KI die Verwaltung einfacher machen soll
Wenn ein Antrag Wochen unterwegs ist, das Online-Formular plötzlich nicht mehr weiterwill und niemand so recht erklären kann, warum, wird Bürokratie schnell zur Geduldsprobe. Genau hier setzt eine Panel-Diskussion der RWTH Aachen an: Am 6. November 2026 geht es in Berlin um Bürokratieabbau, digitale Verwaltungsabläufe und die Zukunft des öffentlichen Dienstes.
Deutschland gilt im Bereich Process Science als führend. Deutsche Softwarelösungen und Forschungsgruppen analysieren Abläufe, suchen Engpässe und entwickeln Methoden, um Prozesse besser zu machen. In der Verwaltung ist davon im Alltag allerdings noch nicht überall viel zu spüren: Viele Verfahren dauern lange, digitale Angebote fehlen teilweise, Formulare bleiben schwer verständlich. Die Diskussion fragt deshalb, wie moderne Process Science Verwaltungsabläufe tatsächlich vereinfachen kann.
Wie viel KI verträgt die Verwaltung?
Auf dem Podium geht es unter anderem um Künstliche Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung, die Bedeutung von Data Mining und das Geschäftsmodell des Softwareunternehmens Celonis. Auch die Frage, wie die Bürokratie künftig gestaltet werden soll, steht auf dem Programm. Veranstalter ist der Profilbereich Information & Communication Technology (ICT) der RWTH Aachen. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Berlin Science Week statt.
Mit dabei ist Thomas Jarzombek, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Jarzombek sitzt seit 2009 im Deutschen Bundestag und hatte zuvor Führungsaufgaben in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschaft sowie Bildung und Forschung. Seit Mai 2025 ist er parlamentarischer Staatssekretär.
Die Perspektive der RWTH bringt Lukas Liss ein. Er ist Science Manager und Doktorand im ICT-Profilbereich, forscht zur digitalen Prozessoptimierung und koordiniert interdisziplinäre Forschung, unter anderem zu Chipdesign, KI-Agenten und Arbeitsplatzintegration. Julius Ibel vertritt Celonis als Head of Public Sector Germany. Zuvor leitete er das Data Lab im Bundeskanzleramt, arbeitete als Projektmanager bei Roland Berger und war politischer Berater im Bundesfinanzministerium.
Moderiert wird das Gespräch von Dr. Patricia Löwe vom Forschungsverbund Berlin e. V. Die promovierte Philosophin leitet dort die Unternehmenskommunikation und arbeitet zusätzlich als Moderatorin, Autorin und Lektorin.
Die Geduld mit dem Amt
Wie nötig neue Ansätze sind, zeigen aktuelle Umfragedaten. Eine bundesweite YouGov-Umfrage im Auftrag des European Center for Digital Competitiveness der ESCP Business School wurde vom 27. bis 30. März 2026 durchgeführt. Die Mehrheit der Befragten sah beim Bürokratieabbau seit dem Regierungswechsel keinen Fortschritt. 22 Prozent nahmen sogar einen gestiegenen bürokratischen Aufwand wahr, 66 Prozent erkannten keine Veränderung. Nur 4 Prozent meinten, der Aufwand sei seit Mai 2025 gesunken.
Unternehmen blickten noch skeptischer auf die Entwicklung. Von 558 befragten Firmeninhabern, Geschäftsführern und leitenden Managern sahen 31 Prozent einen höheren Bürokratieaufwand. 63 Prozent erkannten keine Veränderung, 4 Prozent eine Verringerung.
Aus Bayern kommen zugleich Hinweise darauf, dass digitale Angebote durchaus angenommen werden können. Eine Anfang April vorgestellte Studie der Bayerischen Verwaltungsschule untersuchte, wie zufrieden Bürgerinnen und Bürger mit digitalen Verwaltungsangeboten sind und wie sie diese nutzen. 70 Prozent bewerteten die Digitalisierung ihrer Verwaltung positiv. Zwei Drittel möchten Behördengänge möglichst vollständig online erledigen.
Mit steigendem Alter nimmt diese Zustimmung zwar ab. Doch auch bei den über 65-Jährigen gibt es weiterhin eine Mehrheit für digitale Verwaltungsangebote. Besonders hoch war die Zustimmung bei Vollzeitbeschäftigten mit 56 Prozent und bei Selbstständigen mit 62 Prozent.
In der Praxis bleibt der Klick zum Amt für viele eher gelegentlich als selbstverständlich: 20 Prozent nutzen digitale Angebote ihrer Gemeinde häufig oder sehr häufig, 62 Prozent bezeichneten sich als Gelegenheitsnutzer. Fast ein Viertel fühlte sich durch bisherige digitale Behördendienste technisch überfordert; zwischen den Generationen zeigten sich dabei deutliche Unterschiede.
Mehr Online, aber bitte mit Erklärung
51 Prozent wünschen sich deutlich mehr digitale Dienste ihrer Gemeinde. 59 Prozent befürworten den Einsatz künstlicher Intelligenz zur automatischen Formularbearbeitung. Gleichzeitig verlangen 75 Prozent vollständige Informationen über jeden Einsatz von KI. Transparenz ist also kein Nebensatz, sondern Teil der Erwartung.
In den vergangenen zwölf Monaten hatten 60 Prozent mindestens einmal aktiv Kontakt mit ihrer Verwaltung – telefonisch, persönlich oder online. 58 Prozent waren mit diesen Erfahrungen zufrieden, darunter 31 Prozent sehr zufrieden. 11 Prozent waren unzufrieden. Viele Befragte kritisierten, dass verfügbare Termine und Öffnungszeiten die Erledigung ihrer Anliegen erschwerten. Ein digitales Formular hilft schließlich wenig, wenn der nächste notwendige Schritt nur am Dienstagvormittag möglich ist.
Laut Bayerischer Verwaltungsschule sollten digitale Angebote und Verwaltungsleistungen weiter ausgebaut werden. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten sieht weiterhin deutlichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Zwischen Anspruch und Amtsrealität klafft damit weiterhin eine Lücke – manchmal so breit wie ein schlecht erklärtes Formular.
Termin und Ort
Die Panel-Diskussion findet am 6. November 2026 von 17:30 bis 18:30 Uhr im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin, in der Safi Faye Hall statt. Der Eintritt ist frei. Für Veranstaltungen der Berlin Science Week im Haus der Kulturen der Welt ist eine kostenlose Online-Registrierung erforderlich.
Die Veranstaltung der RWTH Aachen kommt damit zu einem Zeitpunkt, an dem die Erwartungen ziemlich klar verteilt sind: Bürger wollen mehr digitale Leistungen, viele sind mit bisherigen Kontakten durchaus zufrieden, zugleich nerven fehlende Termine, komplizierte Abläufe und technische Hürden. Und irgendwo dazwischen sitzt die KI – bereit zur Formularbearbeitung, aber bitte nicht im Dunkeln.
