Robert Habeck zwischen Arktis, Weltpolitik und politischem Rückzug
Med Berlin, 28.09.2026 – Robert Habeck sitzt bei „Caren Miosga“ als Einzelgast im Studio und spricht über Wahlergebnisse, schwächelnde etablierte Parteien, stärkere politische Ränder, Ukraine und Gaza, Donald Trump und Wladimir Putin. Es geht um die Frage, ob die politische Ordnung zerbricht. Habeck wiederholt mehrfach, er betrachte Deutschland inzwischen „vom Nordpol“ aus. Das schaffe Abstand, sagt er.
Seit seinem Rückzug aus dem Bundestag im Spätsommer 2025 hat der frühere grüne Vizekanzler sein Leben weit über Berlin hinaus organisiert. Er ist Senior Analyst am Danish Institute for International Studies, Professor of Practice an der Copenhagen Business School und seit August Senior Advisor bei Urban Partners, einer dänischen Investmentgesellschaft mit einem Fondsvolumen von 25 Milliarden Euro. Im Juli 2026 wurde bekannt, dass er diese Beratertätigkeit künftig ausüben wird. Dazu kommen Lehrtätigkeiten an der Haas School of Business der University of California in Berkeley und an der Hebrew University in Jerusalem sowie eine Rolle am Perry World House der University of Pennsylvania als „Distinguished Global Leader“. In Berlin läuft die Gesprächsreihe „Habeck live“ am Berliner Ensemble.
„Da ist nichts dran“
Habeck sagt, er habe nach seinem Ausscheiden aus der Politik Abstand gebraucht. Zu Veranstaltungen im Ausland werde er häufig eingeladen. Das klingt nach einem Kalender, der ziemlich voll ist – und nach einem Mann, der seine frühere politische Taktung gegen internationale Seminarräume, Podien und Hörsäle eingetauscht hat.
Ein neues Buch erscheint am Donnerstag: „Arctic Meltdown: Die Neuvermessung der Welt“. Darin geht es um das Interesse der Weltmächte an der Arktis. In den kommenden Wochen und Monaten will Habeck das Thema auf verschiedenen Bühnen vorstellen; danach könne er möglicherweise ein weiteres Buch schreiben.
Die Spekulationen über eine neue Partei weist er in der ARD-Sendung zurück. In Berlin war darüber geredet worden, Habeck könne gemeinsam mit Volker Wissing, dem früheren Verkehrsminister und inzwischen parteilosen Ex-FDP-Politiker, eine Partei gründen – vielleicht zusammen mit einem Politiker, der aus der CDU austritt. Zuvor hatten Robin Alexander und Dagmar Rosenfeld das Gerücht in ihrem Polit-Podcast aufgegriffen.
Habeck sagt, er habe die Geschichte vor der Sendung etwa hundertmal gehört und zahlreiche Nachrichten dazu bekommen. Seine Antwort: „Da ist nichts dran“. Die Idee sei Unsinn. Bleibt er seiner Partei treu? „Ja.“ Eine Rückkehr in die Politik könne er sich derzeit nicht vorstellen. Es gebe weder Pläne noch Strategien noch den Wunsch, zurückzukehren.
Abstand zum politischen Alltag
Aus der Distanz kritisiert Habeck Bundeskanzler Friedrich Merz. Die demokratische Mitte verfüge über keinen eigenen Zukunftsplan, sagt er. Sie müsse ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen und wieder stärker Zukunftsvisionen entwickeln. Den Grünen schreibt er eine Tradition von Integration und Humanität zu.
Das Treffen von Außenminister Johann Wadephul mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow bezeichnet Habeck als gutes Signal. Bei der Ukraine fragt Miosga, warum das Argument, die Ukraine verteidige die Freiheit Deutschlands, nicht stärker verfange. Habeck hatte sich bei einem Ukraine-Besuch 2021 für deutsche Exporte von Defensivwaffen wie Nachtsichtgeräten und Ausrüstung zur Minenräumung ausgesprochen. Nach dem russischen Überfall zeigte er Verständnis für die ukrainische Enttäuschung über die westliche Reaktion, schloss aber eine direkte militärische Konfrontation mit Russland aus.
2023 lehnte er eine Debatte über die Lieferung von Kampfflugzeugen ab und kritisierte ein Friedensmanifest von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht, weil es aus seiner Sicht die ukrainische Souveränität nicht ausreichend berücksichtigte. Im November 2024 erklärte er, im Fall einer Kanzlerschaft Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine liefern zu wollen. Zugleich forderte er angesichts geopolitischer Bedrohungen sowie wachsender populistischer und protektionistischer Tendenzen eine stärkere deutsche Führungsrolle in Europa.
Auch Gaza und Israel nehmen in der Sendung viel Raum ein. Zur innenpolitischen Lage in Israel sagt Habeck, die Opposition dürfe mit ihrer Kritik an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht allein gelassen werden. Beim Umgang mit Vorgängen im Gazastreifen spricht er von der Frage, wie man mit „Verbrechen“ oder „Gräueltaten“ umgehe.
Habeck erklärte zum Krieg in Israel und Gaza, die Hamas müsse zerstört werden. Israels Vorgehen unterstützte er grundsätzlich, verwies aber auf die Bindung an das Völkerrecht und die Pflicht, zivile Opfer zu minimieren. Den Vorwurf eines Völkermords durch Israel wies er zurück und bezeichnete die Sicherheit Israels als deutsche Verpflichtung. Im Mai 2024 hatte er Israels Vorgehen als völkerrechtswidrig kritisiert.
Antisemitismus aus dem Umfeld der SED/Linkspartei verurteilt Habeck, anschließend verweist er auch auf Antisemitismus von rechts. Ob die Linke Extremisten aus der Partei ausschließen werde, sei nicht seine Aufgabe. Zu einer möglichen Koalition der Grünen mit der Linken in Berlin bezieht er keine klare Position. Der frühere FDP-Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen, Gerhard Papke, kritisiert Habecks Äußerungen zur Linkspartei und zu Israel öffentlich auf X.
Beim Thema Migration spricht Habeck vor allem über Sorgen vor Arbeitsplatzverlust und fehlender sozialer Absicherung. Er forderte wiederholt die Evakuierung von Geflüchteten aus Lagern auf griechischen Inseln. 2020 legte er mit Konstantin von Notz und Irene Mihalic einen 11-Punkte-Plan gegen islamistische Gefährder vor – mit mehr Behördenpersonal, konsequenterer Vollstreckung von Haftbefehlen und Vereinsverboten. Gegen einen ethnischen Volksbegriff wandte er sich ebenso wie gegen die unkritische Übernahme identitätspolitischer Forderungen.
Die alten Rechnungen
Von 2021 bis 2025 war Habeck Vizekanzler sowie Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. In der Sendung bleibt seine eigene politische Verantwortung für frühere Entscheidungen nach Einschätzung des Ausgangsartikels weitgehend unerwähnt. Das ist der wunde Punkt, denn an Themen mangelt es nicht: das Heizungsgesetz von 2023, staatliche Unterstützung für Northvolt in Höhe von 600 Millionen Euro sowie die Folgen der Energiepolitik – Wärmepumpen, Gasmangel und Deindustrialisierung.
Habeck trat 2002 den Grünen bei. Als Anlass nannte er einen fehlenden Radweg in seinem damaligen Wohnumfeld. Von 2002 bis 2004 war er Kreisvorsitzender in Schleswig-Flensburg, von 2004 bis 2009 leitete er den Landesverband der Grünen in Schleswig-Holstein. 2006 kandidierte er für den Bundesvorstand, unterlag aber Malte Spitz.
Bei der Kommunalwahl 2008 war Habeck Spitzenkandidat der Grünen im Kreis Schleswig-Flensburg und wurde Fraktionsvorsitzender im Kreistag. Zur Landtagswahl 2009 trat er gemeinsam mit Monika Heinold als Spitzenkandidat an und wurde anschließend Fraktionsvorsitzender im Landtag. Die Grünen und der SSW klagten gegen die Begrenzung von Ausgleichsmandaten; im August 2010 gab ihnen das Landesverfassungsgericht recht.
Bei der vorgezogenen Landtagswahl 2012 kandidierte Habeck erneut als Spitzenkandidat. Danach wurde er stellvertretender Ministerpräsident sowie Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume. Die installierte Leistung erneuerbarer Energien in Schleswig-Holstein stieg während seiner ersten Amtszeit von 5,3 GW im Jahr 2012 auf 10,1 GW im Jahr 2016. Die Landesregierung stoppte den Bau des Kohlekraftwerks Brunsbüttel.
Im Mai 2015 genehmigte die Europäische Kommission das unter Habeck erarbeitete Landesprogramm ländlicher Raum 2014–2020. Es sah Fördermittel für ökologische Landwirtschaft vor; die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Schleswig-Holstein wuchs von 2014 bis 2017 um 50 Prozent. Im Juli 2015 wurde der sogenannte „Muschelfrieden“ für eine naturverträgliche Miesmuschelkulturwirtschaft vereinbart.
Nach der Bildung einer Jamaika-Koalition 2017 wurde Habeck am 28. Juni zum Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung ernannt. Bereits im Mai 2015 hatte er seine Kandidatur für die Urwahl der Grünen-Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl angekündigt. Bei der Bundesvorstandswahl 2018 erhielt er 35,74 Prozent und unterlag knapp Cem Öz
