Schinkels Brauerei: Wie ein Familienbetrieb in Witzenhausen mit Bier, Limo und Veranstaltungen wächst
In Deutschland sinkt der Bierkonsum seit Jahrzehnten: von rund 150 Litern pro Kopf im Jahr 1975 auf 84 Liter im vergangenen Jahr. Bei der Brauerei Schinkels in Witzenhausen klingt die Entwicklung trotzdem nicht nach Rückzug. Seit 2019 hat das Familienunternehmen seine Produktion verdreifacht. Heute, am 2.10.2026, ist Bier dort längst mehr als eine Flasche, die im Kühlschrank auf ihren Einsatz wartet.
Fabio und Sarah Schinkel führen die Brauerei gemeinsam mit ihrem Vater Rainer, der sie 1997 gründete. Im Jahr 2026 versorgte Schinkels zahlreiche regionale Volksfeste, übernahm einen Biergarten am Werraufer und richtete ein Brauhotel in Witzenhausen her. Das Unternehmen versteht sich als „Dienstleister rund ums Bier“ – mit regionaler Verbundenheit und Veranstaltungen als wichtigen Standbeinen.
Mehr als Bier aus dem Kessel
Rund 70 Menschen arbeiten für Schinkels, der Großteil in der Gastronomie: bei Kirmessen, Hochzeiten und Firmenfeiern. Produziert werden 21 verschiedene Getränke, darunter Bier – auch zahlreiche alkoholfreie Sorten – sowie Limonaden unter der Marke „Wiz Limo“. Bier bringt etwa zwei Drittel des Umsatzes, Limonaden rund ein Drittel. Dieser Anteil steigt.
„Wiz Limo“ entstand während der Corona-Pandemie als zusätzliches Standbein. Die Gastronomie fiel wegen Lockdowns und Kontaktbeschränkungen weitgehend aus, also musste eine andere Idee her. Angefangen hat das Sortiment mit Kirsch-, Orangen- und Zitronenlimonade. Inzwischen gehören auch Cola, „Mische“ und Mate dazu. Verkauft werden die Getränke unter anderem in Edeka-, Rewe- und Tegut-Märkten im Kreis Göttingen sowie im Werra-Meißner-Kreis. Eine 0,33-Liter-Flasche kostet 1,89 Euro.
Jährlich produziert Schinkels 8.000 Hektoliter: zwei Drittel Bier und ein Drittel Limonade. Zum Vergleich: Die Einbecker Brauerei setzt etwa 400.000 Hektoliter pro Jahr ab. Die Größenordnung ist also eine andere – dafür kann es in Witzenhausen überschaubarer und näher an den Kundinnen und Kunden zugehen.
Vom Pale Ale bis zum Bio-Bock
Zur Sortenvielfalt gehören Scotch Ale, Böhmisches Pilsener, Indian Pale Ale und Pils. Das Pils bleibt die meistverkaufte Sorte und macht etwa die Hälfte des Gesamtabsatzes aus. Rainer Schinkel experimentierte bereits vor rund 30 Jahren mit Indian Pale Ale, als diese Sorte in Deutschland noch wenig verbreitet war. Heute steht sie selbstverständlich neben anderen Stilen im Sortiment.
2001 arbeitete Schinkels mit der Universität Kassel an der Umstellung auf ökologische Produktion und wurde Hessens erste Bio-Brauerei. Heute ist etwa die Hälfte der Produktion Bio-Bier. Angeboten werden unter anderem Bio-Pils, Bio-Weizen und Bio-Bock. Auch die Wiz-Limo-Produkte tragen ein Ökosiegel.
Die technische Entwicklung lässt sich an einer Zahl ablesen: Die Abfüllanlage schafft 2.500 Flaschen pro Stunde. Bei der früheren Handabfüllung waren es 200. 2005 wurden Gastronomie und Brauerei organisatorisch getrennt und die Braukessel vergrößert. Fabio und Sarah Schinkel stiegen 2014 in das Unternehmen ein.
Bei den persönlichen Vorlieben wird es dann wieder sehr unkompliziert. Sarah Schinkels Lieblingsbier ist Pale Ale, im Sommer bevorzugt sie Weizen. Fabio nennt im Winter Pale Ale. Beide trinken gelegentlich auch Wiz Limo, am liebsten in der Geschmacksrichtung Zitrone. Ein kleiner Schluck gegen den Durst, wenn Bier gerade nicht passt.
Regionale Bindung, auch nach dem Ende von Hütt
Nach dem Ende der Baunataler Traditionsbrauerei Hütt beobachtet Schinkels eine emotionale Bindung der Kundschaft an regionale Biersorten. Das ist nicht bloß Nostalgie: Wo eine bekannte Brauerei verschwindet, fehlt oft auch ein Stück Alltag – die Kiste aus dem Nachbarort, das Bier beim Fest, der vertraute Name auf dem Etikett.
Deutschland zählt zu den ältesten und weiterhin führenden Biernationen weltweit. Die Brauwirtschaft reicht von kleinen und mittelständischen Familienbetrieben bis zu großen Brauereien und umfasst eine große Vielfalt an Bierstilen und Marken. In den vergangenen Jahren ist sowohl die Zahl der Brauereien als auch die Biervielfalt gestiegen.
Mehr als 1.500 Brauereien gibt es in den 16 Bundesländern. Damit weist Deutschland weltweit eine besonders hohe Brauereidichte auf. Rund 70 Prozent der Betriebe befinden sich in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Auch in Berlin und Hamburg entstehen zunehmend kleine Brauereien, die saisonal wechselnde Biere anbieten.
Ausbildung, Forschung und eine Menge Mehrweg
Der Nachwuchs wird an Universitäten, Fachhochschulen, Akademien und Meisterschulen ausgebildet. Dort lernen Braumeister und Getränketechnologen, außerdem wird der Ausbildungsberuf „Brauer und Mälzer“ an verschiedenen Berufsschulen angeboten. Forschung und Entwicklung in der Bierbranche finden auf wissenschaftlichem Niveau statt; internationale Branchennetzwerke gehören ebenfalls dazu. Deutsche Zulieferunternehmen arbeiten für Brauereien auf allen Kontinenten, während Hopfen in vier deutschen Anbaugebieten produziert und weltweit exportiert wird.
Die Branche beschäftigt mehr als 27.000 Menschen, unter anderem in Produktion, Außendienst, Verwaltung, Marketing und Einkauf. Gerade familiengeführte und mittelständische Brauereien engagieren sich in der Nachwuchsförderung. Bei Schinkels zeigt sich der Arbeitsalltag zusätzlich dort, wo gezapft, ausgeschenkt und aufgebaut wird – mitten in Kirmessen, Hochzeiten und Firmenfeiern.
Pils ist weiterhin der meistgetrunkene Bierstil in Deutschland. In Norddeutschland, von Schleswig-Holstein bis Niedersachsen, deckt es nahezu 70 Prozent des Bierkonsums ab. In Bayern ist der Geschmack breiter verteilt: Etwa jedes vierte Bier ist ein Helles, danach folgen Pils und Weißbier. Pro Jahr und Kopf werden in Deutschland mehr als 89,4 Liter Bier getrunken; alkoholfreie Biere, insbesondere alkoholfreies Weißbier, sowie Biermischgetränke gewinnen an Bedeutung.
Auch die Flasche gehört zur Geschichte. Das Mehrwegsystem der deutschen Brauereien ist seit Jahrzehnten etabliert und wird von Verbraucherinnen und Verbrauchern genutzt. Bis zu vier Milliarden wiederbefüllbare Glasflaschen sind in Deutschland im Umlauf. Die Bierbranche erfüllt und übertrifft die gesetzliche Mehrwegquote von 70 Prozent; laut Umweltbundesamt liegt der Mehrweganteil bei Bier bei etwa 80 Prozent. Einschließlich Fassbier aus der Gastronomie beträgt er mehr als 90 Prozent.
Rund 80 Prozent der von Brauereien genutzten Flaschen sind standardisierte Mehrwegflaschen, die verschiedene Abfüller verwenden können. Etwa 20 Prozent sind individuell gestaltete Glas-Mehrwegflaschen. Der Brauer-Bund sieht die im März 2023 veröffentlichten EU-Pläne zur Verpackungspolitik kritisch: Die als bürokratisch und praxisfremd bezeichneten Pläne könnten nach seiner Einschätzung das bestehende deutsche Mehrwegsystem gefährden.
Im Biergarten am Werraufer bleibt davon im besten Fall nur das Geräusch einer geöffneten Flasche. Pils, Pale Ale oder Zitrone aus der Limo – und irgendwo läuft schon die nächste Veranstaltung an.
