Sprachpaten in Kita-Kinderwelten: Wie frühe Gespräche Bildungschancen eröffnen sollen
An der Uni Potsdam geht es heute, am 27.09.2026, um eine Fähigkeit, die in Kitas oft leise beginnt: Sprache. Ein Gegenstand wird in die Hand genommen, ein Name fällt, jemand lacht. Mehr braucht es manchmal nicht für ein Gespräch. Der Verein „Sprachpat*innen für Kita-Kinder“ feiert am 25. September sein fünfjähriges Bestehen.
Gegründet wurde er von Matthias Bräutigam, 77, einem ehemaligen Professor für Pharmakologie und früheren Lesepaten an einer Berliner Grundschule. Inzwischen sind 120 Sprachpaten in rund 57 Kitas in Berlin und Potsdam im Einsatz. Zu den langjährigen Unterstützern zählen Elke Büdenbender und der Lions Club Berlin-Intercontinental. Außerdem arbeitet der Verein eng mit dem Kita-Träger Fröbel zusammen.
Reden, während die Schere klappert
Die Paten betreuen Kinder, die häufig nur sehr schlecht Deutsch sprechen. Über ihre Kenntnisse der jeweiligen Herkunftssprache liegen dem Verein meist keine Informationen vor. Also beginnt die Verständigung dort, wo Kinder ohnehin beschäftigt sind: beim Basteln, Malen, Ausschneiden oder Kartenspielen.
„Was-machen-wir-gerade-Gespräche“ nennt der Verein diese Situationen. Gegenstände und Tätigkeiten werden benannt, die Kinder sprechen während des Handelns über das, was sie gerade tun. Die Schere schneidet, der Kleber klebt, die Karte kommt auf den Tisch. Sprache hängt dann nicht in der Luft, sondern klebt an etwas, das gerade passiert.
Bräutigam war sieben Jahre lang Lesepate an einer Grundschule im Wedding. Regelmäßig kamen dort drei bis fünf Kinder pro erster Klasse mit sehr schlechten Voraussetzungen an. Manche konnten auf Deutsch nur ihr Geburtsdatum und ihren Wohnort nennen. Stift und Schere hielten sie nicht richtig.
Trotz langfristiger Betreuung und großer Bemühungen verringerte sich der Abstand zu den anderen Kindern kaum. Der Versuch, eine intensivere Lesepatengruppe mit täglicher Betreuung aufzubauen, scheiterte unter anderem an der Corona-Pandemie. Im Austausch mit Sawsan Chebli, der damaligen Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, entstand schließlich die Idee, früher anzusetzen: in der Kita.
Früh anfangen, aber erst einmal hineinkommen
Ursprünglich sollten zwei oder drei Kinder möglichst täglich von wechselnden Paten betreut werden. Dieses Modell ließ sich aus verschiedenen Gründen nicht umsetzen. Heute arbeiten idealerweise zwei Sprachpaten in einer Kita und begleiten regelmäßig zwei bis drei möglichst gleichbleibende Kinder.
Es fehle an ausreichend intensiver und gezielt auf benachteiligte Kinder ausgerichteter Sprachförderung, sagt Bräutigam. Sie müsse möglichst früh beginnen und jedem betroffenen Kind genügend Zeit widmen. Genau da liegt allerdings schon die erste Hürde: Der Zugang zu einem Kitaplatz ist nicht für alle Familien gleich einfach.
Ein Beitrag im Forschungsmagazin „DJI Impulse“ des Deutschen Jugendinstituts trägt den Titel „Frühe Bildung, aber nicht für alle“ und untersucht Benachteiligungen sowie Diskriminierung beim Zugang zu frühkindlicher Bildung. In Kitas beginnt frühe Sprachförderung – doch Kriterien bei der Kitaplatzvergabe können indirekt benachteiligend wirken: der Zeitpunkt der Anmeldung, Kenntnisse über Fristen oder die Berufstätigkeit der Eltern.
Migrantische Familien berichten zudem von subjektiv erlebten Diskriminierungen bei der Vergabe. Kinder mit Migrationshintergrund erhalten dadurch seltener Zugang zu früher Sprachförderung im Rahmen einer Kita-Betreuung. Nach Destatis-Zahlen für 2023 besuchten 22 Prozent der unter Dreijährigen mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil eine Kita; bei Kindern mit in Deutschland geborenen Eltern war der Anteil etwa doppelt so hoch. Bei den Drei- bis unter Sechsjährigen mit Migrationshintergrund waren es 77 Prozent, bei Kindern ohne Migrationshintergrund 99 Prozent.
Benachteiligung, so beschreibt es der Beitrag, entsteht nicht zwangsläufig aus individuellen Entscheidungen, sondern aus veränderbaren Strukturen. Internationale Erfahrungen und Initiativen zeigen, dass sich die Unterschiede verringern lassen. Schweden setzt unter anderem auf Informationen über Aufnahmeverfahren und Rechtsansprüche, aktive Betreuungsangebote sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Kitas und Schulen. Transparente Verfahren, der Abbau von Vorurteilen und durchgängige Förderketten gelten als Voraussetzungen für einen gleichberechtigten Zugang.
Wer mitmachen möchte
Interessierte können zunächst bei einem Sprachpaten in einer Kita hospitieren. Ein Einsatz dauert normalerweise höchstens drei Stunden. Menschen mit Immunschwäche oder Lungenproblemen rät der Verein von der Tätigkeit ab, weil Kitas besonders viele Atemwegsinfektionen mit sich bringen. Wer Hörgeräte trägt, sollte prüfen, ob er im Lärm einer Kita gut hören kann. Und die körperliche Belastung ist nicht zu unterschätzen: kleine Stühle, viel Sitzen, viel Aufstehen, Arbeit mit Kindern.
Welche Motive die Sprachpaten antreiben, hat der Verein nicht untersucht. Bräutigam vermutet, dass viele die Bedeutung früher Sprachförderung erkennen und die positiven Rückmeldungen der Kinder schätzen. Erfahrung mit eigenen oder anderen Kindern kann den Einstieg erleichtern, entscheidend ist sie laut Verein aber nicht. Die Paten sollen Aktivitäten anbieten, die ihnen selbst Freude machen. Zwei Paten pro Kita ermöglichen den Kindern unterschiedliche Erfahrungen und Interaktionen.
Rund drei Viertel der Sprachpaten sind Frauen. Bräutigam wirbt ausdrücklich um mehr Männer. Finanziert wird der Verein überwiegend durch private Spenden, zusätzlich erhält er Mittel aus gewonnenen öffentlichen Wettbewerben. Eine Finanzierung durch die Senatsverwaltung für Jugend gibt es trotz entsprechender Bemühungen nicht. Größter Unterstützer ist der Lions Club Berlin-Intercontinental.
Wer sich für Berlin interessiert, kann sich an kontakt@sprachpaten.de wenden, für Potsdam an sprachpaten@uni-potsdam.de.
Die kleinere Welt hinter dem fehlenden Wort
Als geeignete Bücher nennt Bräutigam „Die Raupe Nimmersatt“ und „Clown Kallis fröhlicher Sprachzirkus“. „Pu, der Bär“ sei für viele Patenkinder wegen ihres deutschen Sprachstands sogar vor der Einschulung noch zu schwierig. Gleichzeitig beobachtet Bräutigam einen zunehmenden Drang der Kinder zu digitalen Medien und elektronischen Geräten.
Ganz ohne Smartphone geht es deshalb manchmal nicht. Bräutigam nutzt es gelegentlich zum gemeinsamen Singen oder um den Kindern Gegenstände wie eine Schildkröte zu zeigen. Das Gerät bleibt dabei Mittel zum Zweck, nicht der Mittelpunkt.
Denn benachteiligten Kindern fehlt laut Bräutigam nicht nur Wortschatz, sondern auch Weltwissen und praktische Erfahrung. Sprache wird gemeinsam mit Erfahrungen gelernt: Kinder lernen Gegenstände zunächst kennen und verbinden sie später mit deren Bezeichnungen. Manche haben seltener Bilderbücher angeschaut, gebastelt oder gemeinsam mit ihren Eltern Neues entdeckt. Zoobesuche, Babyschwimmen oder Eltern-Kind-Turnen fehlen teilweise.
So verfügen sie über weniger Begriffe, Sachkenntnisse und Erfahrungen – und leben, wie Bräutigam es beschreibt, in einer „kleineren Welt“. Beim Eintritt in die Kita müssen sie dann gleichzeitig fehlendes Weltwissen aufholen und die deutschen Bezeichnungen für Gegenstände und Sachverhalte lernen. Sprachpaten zeigen ihnen Dinge in der Realität, erklären sie, verwenden sie gemeinsam mit den Kindern und vermitteln die deutschen Begriffe.
In der jüngsten PISA-Debatte forderte Bundesbildungsministerin Karin Prien ausdrücklich mehr frühkindliche Bildung. Bräutigam sieht darin eine stärkere Berücksichtigung der frühen Bildung als in früheren Debatten, die vor allem die Schule in den Mittelpunkt stellten. Für benachteiligte Kinder müssten frühkindliche Bildung und Betreuung grundlegend verändert werden. Dafür brauche es mehr Zeit und zusätzliches Personal.
Ohne diese Ressourcen könnten viele Kinder bei Schuleintritt in Sprache, Weltwissen, Mathematik und weiteren Bereichen so große Rückstände haben, dass die Schule sie kaum noch aufholen könne. Bis dahin sitzt vielleicht ein Sprachpate auf einem kleinen Stuhl, hält ein Bilderbuch hoch und wartet geduldig, bis aus einem Zeigen ein Wort wird.
