Wie entstehen Forschungsfelder, wenn mehrere Disziplinen aufeinandertreffen? Und wann wird aus dem Nebeneinander verschiedener Fachrichtungen tatsächlich gemeinsame Arbeit? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Caterina Schürch aus Berlin am Dienstag, 27. Oktober 2026, bei der Veranstaltung „How and why disciplines are integrated: A tentative typology“. Beginn ist um 16:15 Uhr in Raum V2 105/115 der Universität Bielefeld.

Der Vortrag gehört zur Joint Lecture Series von ZiF und ISoS: „Interdisciplinarity in Scientific Research – Perspectives from Practice and Science Studies“. Die Teilnahme ist kostenlos, vor Ort und online möglich. Details stehen auf der Veranstaltungswebsite. Veranstalter ist die Universität Bielefeld, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld. Fragen beantwortet medien@uni-bielefeld.de; weitere Informationen gibt es unter www.uni-bielefeld.de sowie auf der Veranstaltungsseite.

Wenn Fächer nicht nur nebeneinanderstehen

Interdisziplinarität gilt an der Universität Bielefeld seit ihrer Gründung Ende der 1960er-Jahre als institutionelles Prinzip. Die Reihe schaut deshalb nicht nur auf schöne Schlagworte, sondern auf Theorie und wissenschaftliche Praxis: Was unterscheidet interdisziplinäre von multidisziplinärer Forschung? Wie wird Wissen über Fachgrenzen hinweg integriert? Wie entstehen und stabilisieren sich neue Forschungsfelder? Und was passiert, wenn Methoden, Standards und Wissenschaftskulturen nicht ohne Weiteres zusammenpassen?

Die Beiträge kommen aus der Wissenschaftsforschung ebenso wie aus Forschungs-, Förder- und institutioneller Praxis. Vorgestellt werden interdisziplinäre Projekte und Förderformate; außerdem geht es darum, wie Forschungseinrichtungen Zusammenarbeit überhaupt ermöglichen und unterstützen. Das klingt zunächst nach Organisationsfrage, landet aber schnell mitten im Forschungsalltag: unterschiedliche Fachsprachen, andere Denkweisen, verschiedene Zeitpläne und manchmal auch verschiedene Vorstellungen davon, was als gute wissenschaftliche Leistung zählt.

Multidisziplinarität bezeichnet zunächst die Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen, die ihr jeweiliges Wissen in ein gemeinsames Projekt einbringen. Ein Beispiel: Biologen, Chemiker, Ingenieure und Informatiker entwickeln gemeinsam eine medizinische Behandlung. Die einzelnen Fachrichtungen können dabei nebeneinander arbeiten.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Interdisziplinäre Forschung geht einen Schritt weiter. Sie integriert Perspektiven und Methoden, um komplexe Probleme gemeinsam und ganzheitlich zu untersuchen und zu lösen. Ein bloßer Austausch fertiger Ergebnisse reicht dafür nicht. Methoden und Arbeitsprozesse entstehen kooperativ zwischen den beteiligten Disziplinen; Teilaspekte werden zusammengeführt, die Kooperation soll allen Seiten nutzen, und am Ende braucht es einen gemeinsamen Verständigungsprozess.

Chancen, Reibung und eine gemeinsame Sprache

Der Gewinn liegt auf der Hand: unterschiedliche Perspektiven und Fachkenntnisse, ein umfassenderes Problembild, effektivere Problemlösungen und neue, kreative Ideen. Durch die Verbindung von Wissen und Fähigkeiten können Synergieeffekte entstehen; manchmal tauchen Erkenntnisse auf, die innerhalb einer einzelnen Disziplin kaum denkbar gewesen wären. In Medizin und Gesundheitswissenschaften arbeiten etwa Ärzte, Biologen, Chemiker, Informatiker und Ingenieure an neuen Diagnoseverfahren und Therapien, unter anderem in der Krebsforschung.

Auch Umwelt- und Klimaforschung lebt von solchen Verbindungen. Ingenieure, Umweltwissenschaftler, Ökonomen und Politikwissenschaftler untersuchen erneuerbare Energien und den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft. Für autonome Fahrzeuge wiederum arbeiten Ingenieure, Informatiker, Mathematiker, Psychologen und Ethiker an sicheren, effizienten und benutzerfreundlichen Systemen. Bei Migration und Integration bringen Soziologen, Anthropologen, Politikwissenschaftler, Historiker, Psychologen und Linguisten ihre Perspektiven auf Ursachen und mögliche Integrationsmaßnahmen ein.

Ganz reibungslos läuft das selten. Unterschiedliche Begriffe, Methoden und Denkweisen können Missverständnisse auslösen. Teams müssen erst eine gemeinsame Sprache und funktionierende Kommunikationswege entwickeln. Dazu kommen koordinierte Zeitpläne und Arbeitsabläufe – eine ziemliche Herausforderung, wenn verschiedene Standorte und Arbeitskulturen beteiligt sind. Ohne ausreichende Abstimmung droht außerdem, dass einzelne Aspekte nur oberflächlich behandelt werden. Effektives Projektmanagement ist daher kein Nebenschauplatz.

Bei interdisziplinären Vorhaben kommen institutionelle Hürden hinzu: Finanzierung, Anerkennung und Infrastruktur sind häufig auf einzelne Fachgebiete zugeschnitten. Projekte brauchen deshalb Unterstützung durch Forschende und Institutionen. In etablierten Disziplinen kann es Widerstand geben, wenn traditionelle Grenzen verwischt werden. Offenheit und eine veränderte Denkweise sind nötig; das klingt freundlich, ist in der Praxis aber manchmal ein ordentliches Brett.

Interdisziplinarität bezeichnet die kooperative Nutzung und Weiterentwicklung von Ansätzen, Denkweisen oder Methoden verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen. Sie verbindet unabhängige Einzelwissenschaften zur Bearbeitung meist wissenschaftlicher Fragestellungen. Einen einheitlichen Konsens über die genaue terminologische Bedeutung gibt es allerdings nicht. Der Begriff kann eine Methode der Erkenntnisgewinnung meinen, eine normative Zielsetzung wissenschaftlicher Kooperation oder den Dialog über Chancen und Grenzen fachübergreifender Zusammenarbeit.

Warum die Wirklichkeit die Fächergrenzen sprengt

Wissenschaft ist durch Arbeitsteilung und Spezialisierung geprägt. Die Wirklichkeit hält sich daran eher selten. Viele Forschungsfragen lassen sich nicht aus einem einzigen Fach heraus beantworten. Interdisziplinarität entstand daher auch aus der Kritik an kontextloser Forschung, hochspezialisiertem Expertentum und einer unzureichenden Begründung disziplinärer Arbeit. Sie will einzelne Disziplinen nicht abschaffen, sondern ihre Grenzen und möglichen Fehlfunktionen sichtbar machen.

Als akademische Grundhaltung verbindet Interdisziplinarität Offenheit, Kontextbewusstsein, die Anerkennung disziplinärer Grenzen, Dialoginteresse sowie Kooperations- und Integrationsfähigkeit. Für die Zusammenarbeit braucht es gemeinsame Kriterien – etwa zur Bewertung wissenschaftlicher Leistungen – und eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung und Lösung von Problemen. Genannt werden Prinzipien wie die Gleichordnung und Transzendierung der Disziplinen, die Identifikation des Forschungsgegenstands, Minimalität beim Wissenstransfer, Synergie und Integration. Sprachbezogene Prinzipien sind Einheit, Alltagssprache und Vergleich.

Ab wann eine Zusammenarbeit als interdisziplinär gilt, hängt vom jeweiligen Fach ab. Nachrichtentechnik und Hochspannungstechnik betrachten Ingenieure meist als eng verwandte Teilgebiete. In der Medizin kann bereits die Kooperation zwischen Urologie und Gynäkologie als interdisziplinär gelten. Es gibt also keine Messlatte, die überall gleich liegt.

Die Folgen reichen bis in Lehre und Didaktik. Die Sportwissenschaft etwa soll Sporterziehung nicht auf praktisches Tun, begründetes Tun oder dessen Reflexion beschränken. Auch fachliche Grundlagen, Ausprägungen, Möglichkeiten, Werte, Fehlentwicklungen und Missbräuche des Sports sollen kognitiv untersucht werden. Daraus ergeben sich Kooperationen unter anderem mit Medizin, Biomechanik, Psychologie, Soziologie und Pädagogik.

Aus interdisziplinärer Zusammenarbeit entstanden unter anderem Politologie, Biochemie, Geotechnik, Sportwissenschaft und Verkehrswissenschaft. Weniger stark strukturierte Forschungsfelder sind beispielsweise Gorillaforschung und Wagnisforschung. Auch einzelne Wissenschaftler können persönliche Interdisziplinarität praktizieren, indem sie Kompetenzen mehrerer Disziplinen verbinden, etwa in der Schuldidaktik und im Projektunterricht.

Von der Archäologie bis zur Wirtschaftsinformatik

Die Bandbreite solcher Verbindungen ist groß. Archäologie nutzt geschichts-, sozial-, natur- und geowissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem aus Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Anthropologie, Biologie, Geowissenschaften und Paläoklimatologie. Geologie und Geotechnik untersuchen etwa Steilhangbewegungen und Murengefahr gemeinsam mit Wildbachverbauung, Bodenmechanik, Geotechnik und Geodäsie. Die Kindheitsforschung betrachtet kindliche Lebensbedingungen aus anthropologischer, wirtschaftlicher, historischer und soziologischer Perspektive.

Die Kommunikationswissenschaft übernimmt und entwickelt Theorien und Modelle unter anderem aus Soziologie, Politologie und Volkswirtschaftslehre weiter. Medical Humanities verbinden die naturwissenschaftlich orientierte Biomedizin mit Human- und Geisteswissenschaften. In der Medizintechnik arbeiten Ärzte, Röntgenfachärzte, Physiker und Ingenieure an neuen Methoden und Geräten. Die Neurojurisprudenz fragt nach möglichen Folgen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die Rechtsordnung.

In der Ökologie wird der globale Wandel interdisziplinär erforscht – etwa durch Biologen, Hydrologen, Psychologen, Juristen, Ökonomen und Geographen. Zusätzlich kann dabei transdisziplinär gearbeitet werden. Die Pal