BAföG-Rückgang in Mecklenburg-Vorpommern: Warum Studierende lieber arbeiten als Anträge stellen
Greifswald, 25. September 2026. Für viele Studierende klingt BAföG zunächst nach Entlastung: Die Förderung soll ein Studium unabhängig vom Einkommen der Eltern ermöglichen und Kosten wie Miete und Lebensmittel mittragen. Trotzdem beantragen immer weniger Menschen die staatliche Unterstützung – auch in Mecklenburg-Vorpommern.
Im vergangenen Jahr erhielten dort gut 1.000 Studierende weniger BAföG als vor zehn Jahren. Damals waren es rund 7.700. Mecklenburg-Vorpommern folgt damit dem bundesweiten Rückgang. Zwar sind Reformen geplant, die ab 2027 höhere Zahlungen bringen könnten. Für 2026 liegen noch keine endgültigen Landeszahlen vor, doch das Studierendenwerk Greifswald rechnet damit, dass der Abwärtstrend weitergeht.
Kurzer Ausschlag während der Pandemie
Nur 2022 und 2023 wurde die Entwicklung vorübergehend unterbrochen. Pandemiebedingte Sonderregelungen erlaubten es Studierenden, länger BAföG zu beziehen. In Greifswald kletterte die Zahl der Empfänger von 1.983 im Jahr 2021 auf knapp 2.300 im Jahr 2023. An den Universitäten Greifswald und Rostock wurde 2023 außerdem der Höchststand der vergangenen fünf Jahre erreicht.
Danach ging es wieder bergab. Ein Grund: Es gibt schlicht weniger Studierende. An den Universitäten Greifswald und Rostock waren im Wintersemester 2025/26 bis zu 600 Menschen weniger eingeschrieben als im Wintersemester 2022/23. In Neubrandenburg, Wismar und Stralsund lag der Rückgang bei bis zu 500. An der Hochschule für Musik und Theater Rostock blieb die Zahl annähernd konstant.
Marie Klett kennt die BAföG-Frage eher aus der Distanz. Die 25-jährige Greifswalder Masterstudentin hat bisher keinen Antrag gestellt. Der Aufwand schien ihr zu groß, stattdessen arbeitete sie. Aktuell finanziert sie ihr Studium durch elterlichen Unterhalt und sucht erneut nach einem Job. Damit steht sie nicht allein: Viele Studierende arbeiten lieber, als BAföG zu beantragen, beobachten die Studierendenwerke.
Zu kompliziert, zu wenig bekannt
Manche halten sich selbst für nicht anspruchsberechtigt – oft, weil sie das Einkommen ihrer Eltern fälschlicherweise für zu hoch halten. Andere schreckt der Antrag ab. Mehrere Formblätter, Nachweise, Angaben zu Praktika, Jobs, Geschwistern und zum Einkommen der Eltern: Das wirkt schnell wie ein kleiner Papierberg auf dem Küchentisch.
Das Studierendenwerk Greifswald hält BAföG trotzdem für eine sinnvolle Finanzierung. Wer weniger arbeiten müsse, könne sein Studium möglicherweise schneller abschließen und früher eigenes Geld verdienen. Auch die Angst vor der späteren Rückzahlung sei unbegründet, heißt es. Dahinter stecke ein Informationsdefizit über die Vorteile der Förderung.
Selbst bei einem kleinen Betrag kann sich ein Antrag rechnen. Bereits zehn Euro BAföG im Monat führen laut Studierendenwerk zur Befreiung vom Rundfunkbeitrag. Wirtschaftlich könne das eine Entlastung von rund 30 Euro bedeuten. Das Studierendenwerk empfiehlt deshalb allen Studierenden, einen Antrag zu stellen, und will verstärkt über BAföG informieren.
Deutschlandweit auf dem niedrigsten Stand seit 2000
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, wie groß der Rückgang inzwischen ist: 2025 erhielten in Deutschland 570.000 Personen monatliche BAföG-Leistungen – 42.700 beziehungsweise sieben Prozent weniger als 2024. Damit wurde der niedrigste Stand seit 2000 erreicht; damals waren es 559.300 Geförderte. Vom Höchststand im Jahr 2012 mit 979.300 Personen ist die Zahl seit Jahren entfernt. Nur 2022 und 2023 unterbrachen den Trend.
Unter den 2025 Geförderten waren 443.100 Studierende, 40.700 beziehungsweise acht Prozent weniger als im Vorjahr, sowie 126.900 Schülerinnen und Schüler, ein Rückgang um 2.100 beziehungsweise 1,6 Prozent. Rund 60 Prozent der Geförderten waren Frauen, 40 Prozent Männer.
Die durchschnittlichen monatlichen Beträge stiegen trotzdem: Studierende erhielten 682 Euro, 25 Euro mehr als 2024. Schülerinnen und Schüler kamen auf 552 Euro, 13 Euro mehr als im Vorjahr. Wie hoch die individuelle Förderung ausfällt, hängt unter anderem von Ausbildungsstätte, Unterbringung beziehungsweise Wohnsituation sowie vom Einkommen der Geförderten und ihrer Eltern ab.
Der aktuelle BAföG-Grundbedarf für Studierende liegt bei 475 Euro, der Höchstsatz bei 992 Euro. Bei bestehender Familienversicherung sind bis zu 855 Euro monatlich möglich. Durch die BAföG-Reform 2024 wurden Bedarfssätze und Freibeträge angehoben. Die Bundesausgaben sanken 2025 dennoch um vier Prozent beziehungsweise 118 Millionen Euro auf 3,0 Milliarden Euro – passend zur geringeren Zahl der Geförderten.
Neue Instrumente, verschobene Reformen
33.700 Studierende nutzten 2025 das neu eingeführte Flexibilitätssemester. Es ermöglicht einmalig eine Förderung über die reguläre Förderungshöchstdauer hinaus für ein weiteres Semester. Zusätzlich erhielten 11.600 Personen eine Studienstarthilfe: einen einmaligen Zuschuss von 1.000 Euro zum Studienbeginn.
Anspruch auf diese Hilfe haben unter 25-Jährige, die vor Studienbeginn bestimmte Sozialleistungen beziehen und erstmals ein Studium aufnehmen. Bei 60 Prozent der Geförderten beruhte der Anspruch auf Leistungen nach SGB II, darunter Bürgergeld. Seit dem 1. Juli 2026 heißt diese Leistung Grundsicherungsgeld.
Seit dem Berichtsjahr 2024 unterscheidet die BAföG-Statistik zwischen Personen mit monatlichen BAföG-Leistungen und Studienstarthilfe-Geförderten. Die monatliche Förderung muss dabei nicht das ganze Jahr bezogen worden sein; die Studienstarthilfe wird unabhängig von einem möglichen BAföG-Bezug erfasst. Zahlen zu Geförderten und finanziellen Aufwendungen weist die Statistik für beide Gruppen getrennt aus. Detaillierte Daten und Zeitreihen stehen in GENESIS-Online, Tabellen 21411.
Die Bundesregierung plant weitere Änderungen, hat Teile davon aber verschoben. Die Wohnkostenpauschale für Studierende soll erst zum Sommersemester 2027 von 380 auf 440 Euro steigen – nicht bereits zum Wintersemester.
Das Deutsche Studierendenwerk kritisiert die aktuelle Förderung. Vorstandsvorsitzender Matthias Anbuhl erklärte, das BAföG reiche nicht aus und erreiche zu wenige Studierende. Er fordert, die 30. BAföG-Novelle noch im August 2026 in das parlamentarische Verfahren einzubringen. Besonders wichtig seien eine automatische Erhöhung der Freibeträge und die Angleichung des Grundbedarfs an die Grundsicherung.
Nach Angaben des Studierendenwerks stellen bis zu 70 Prozent der grundsätzlich BAföG-berechtigten Studierenden keinen Antrag. Ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt angekündigter KI-gestützter BAföG-Bot soll künftig über Fördermöglichkeiten informieren und die Antragstellung erleichtern. Bis dahin bleibt der Papierstapel – und Marie Klett sucht wieder einen Job.
