Bonns akademische Insignien: Wie Duisburger Zepter und preußische Talare Universitätsgeschichte erzählen
Wenn an der Universität Bonn das Wintersemester beginnt, wird nicht einfach nur ein neuer Studienabschnitt eröffnet. Am 18. Oktober, dem Gründungstag der Rheinischen Universität Bonn, ziehen Rektor Michael Hoch und die Dekane in historischen Talaren ein. Vor ihnen gehen die beiden Pedelle mit silbernen Zeptern. Es ist ein Ritual mit viel Stoff, Metall und noch mehr Geschichte.
Die feierliche Eröffnung des Akademischen Jahres gibt es seit der Gründung der Universität im Jahr 1818. Ursprünglich übergab der Rektor dabei jedes Jahr sein Amt an den Nachfolger. Heute werden die Zepter beim Einmarsch der Würdenträger von Universität und Fakultäten vorangetragen. Im Hörsaal klirrt dabei vermutlich nichts – aber ganz ohne Wirkung sind die Insignien nicht.
Zwei Zepter, ein altes Duisburger Gerücht
Die Zepter stammen aus dem 17. Jahrhundert und gehörten ursprünglich zur ehemaligen Universität Duisburg. Nach deren Auflösung im Zuge der Gründung der Universität Bonn wurden sie nach Bonn gebracht. In Duisburg hielt sich allerdings lange das Gerücht, Bonn habe die versilberten Zepter gestohlen. Nach Angaben des Universitätsarchivs war davon keine Rede: Die Insignien wurden ordnungsgemäß an die neue Universität übergeben.
Historisch waren Zepter Amtsinsignien des Rektors. Sie standen für seine Herrschaft und Amtsgewalt – und damit für eine Zeit, in der ein Rektor weitreichende Gerichtsbarkeit besaß. Universitäten führen solche Zepter seit dem 14. Jahrhundert. Heute symbolisieren sie die Selbstständigkeit der Hochschulen sowie die Einheit von Forschung und Lehre.
Die Alte Universität Duisburg war am 14. Oktober 1655 feierlich eröffnet und am 18. Oktober 1818 offiziell aufgelöst worden. Ihre Geschichte begann allerdings viel früher: Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg beschloss bereits 1555, für seine Länder eine eigene Landesuniversität zu gründen. Sie sollte geistiger Mittelpunkt der niederrheinischen Herzogtümer werden. Kaiser und Papst mussten zustimmen, reagierten zunächst aber zurückhaltend.
1559 nahm unter dem Humanisten Heinrich Castritius das akademische Gymnasium Duisburg den Lehrbetrieb auf. Dort unterrichtete Gerhard Mercator von 1559 bis 1562 Geometrie, Mathematik und Kosmologie. Das Gymnasium war Nachfolger einer vor 1280 gegründeten Lateinschule und gilt als Vorgänger des heutigen Landfermann-Gymnasiums. 1564 kam die päpstliche Genehmigung, 1566 verlieh Kaiser Maximilian II. das Privileg zur Universitätsgründung.
Die Stadt Duisburg hatte sich dafür kräftig ins Zeug gelegt. Der Rat gewann Johannes Corputius, der Kaiser Maximilian II. seinen Vogelschauplan der Stadt widmete. Veröffentlicht wurde der Plan erst beim Reichstag in Augsburg. Wirklich gegründet wurde die Universität schließlich 1654, nachdem Kurbrandenburg 1614 das Herzogtum Kleve übernommen hatte. Gründer war Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Am 14. Oktober 1655 begann der Lehrbetrieb; anwesend war Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen, Statthalter des brandenburgischen Kurfürsten im Herzogtum Kleve.
Gründungsrektor war Johannes Clauberg, Professor für Theologie und Philosophie, der bis zu seinem Tod 1665 in Duisburg lehrte. Die Universität besaß vier Fakultäten: Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Philosophie. Für ihre Zeit war sie damit eine vollständige Universität. Rund ein Jahrhundert lang bildete sie viele Ärzte, höhere Beamte und reformierte Pfarrer der preußischen Westprovinzen aus.
Auch jüdische Studierende und Absolventen gehören zu dieser Geschichte. 1727 wurde Abraham Philipp Levy, Sohn eines Trierer Arztes und Rabbiners, in Duisburg zum Dr. med. promoviert; er zählte zu den frühen jüdischen Doktoranden an einer deutschen Universität. 1733 wurden Moyses Abraham Wolf aus Neuwied und Baer Jacob Gomperz aus Kleve immatrikuliert.
Warum Duisburg leerer wurde
Als Universität eines reformierten Herrscherhauses stand Duisburg von Anfang an in Konkurrenz zu den besser ausgestatteten niederländischen Universitäten. In den preußischen Westprovinzen war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nur etwa ein Drittel der Bevölkerung reformiert. Viele lutherische und katholische Bürger schickten ihre Söhne deshalb an andere Hochschulen. Die Universität verlor zunehmend an Bedeutung – und wurde durch Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III. am 18. Oktober 1818 offiziell aufgehoben.
Zur selben Zeit entstand in Bonn eine preußische Universität. Friedrich Wilhelm III. hatte sie auf den Weg gebracht, weil er im katholischen Rheinland eine Universität errichten wollte. Bonn setzte sich dabei gegen das katholische Köln und das evangelische Duisburg durch. Ausschlaggebend war die aufgeklärte und tolerante Haltung der Bonner Bevölkerung. Viele Bücher aus der Duisburger Universitätsbibliothek wurden nach Bonn gebracht und bildeten den Grundstock der dortigen Universitätsbibliothek. Auch das Duisburger Universitätszepter blieb in Bonn.
Die Übergabe war politisch nicht ganz unbelastet. Nach dem Ende des napoleonischen Reiches durfte die Bonner Universität zunächst weder die Amtskette tragen noch den Namen „Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität“ führen. Hintergrund war das Attentat des Studenten Sand auf den Schriftsteller und Kritiker der Studentenbewegung August von Kotzebue. Die anschließenden Karlsbader Beschlüsse verboten Studentenverbindungen und verstärkten die staatliche Kontrolle der Universitäten. Bewegungsnahe Professoren, darunter Ernst Moritz Arndt in Bonn, erhielten Lehrverbote.
König Friedrich Wilhelm III. verweigerte der Bonner Universität weitere zehn Jahre das Recht, seinen Namen zu führen. Erst nach seinem Tod hob sein reformorientierterer Sohn Überwachungen und Verbote auf. 1853 verlieh er dem Rektor eine Amtskette mit dem Porträt des verstorbenen Monarchen. Im selben Jahr erhielten die Bonner Professoren das Recht, Talar und Barett zu tragen.
Purpur, Scharlachrot und Preußischblau
Der Weg zu den Talaren war allerdings langwierig. Schon 1818 wollte die Universität entsprechende Amtsgewänder anschaffen. Bei Treffen mit anderen Rektoren fiel es auf, dass der Bonner Rektor als Einziger keinen Talar trug. Universität und preußische Regierung mussten sich erst über die Gestaltung einigen. 1853 trat schließlich eine verbindliche Kleiderordnung in Kraft: Der Rektor bekam einen goldbestickten Mantel aus purpurrotem Samt, die Dekane Doktorroben in den Farben ihrer Fakultäten.
Diese Farben sind bis heute sichtbar – auch bei den Talaren der Absolventinnen und Absolventen:
- Medizin: Scharlachrot
- Philosophie: Dunkelblau beziehungsweise Preußischblau
- Evangelische Theologie: Violett mit schwarzem Einschlag
- Rechtswissenschaft: Purpur
Die Katholische Fakultät wollte den Dresscode zunächst nicht mitmachen. Bis 1901 trug ihr Dekan einen schwarzen Rundmantel mit schwarz-goldener Kordel. Danach übernahm die Fakultät einen violetten Talar mit blauem Einschlag. Später kamen weitere Farben hinzu: Die 1934 eingegliederte Landwirtschaftliche Hochschule erhielt Grün, die 1936 von der Philosophischen Fakultät abgespaltene Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät Hellblau.
Ebenfalls 1853 bekam der Bonner Rektor eine Amtskette mit dem Porträt Friedrich Wilhelms III. Sie wurde in Berlin angefertigt, war aber nur vergoldet und nicht aus massivem Gold. Das hatte später einen ganz praktischen Vorteil: Im Ersten Weltkrieg musste die Kette nicht für die nationalen Goldreserven eingezogen werden. Bis heute kann sie deshalb getragen werden. Auch der Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät besitzt eine Amtskette.
Pedelle mit wechselnder Stellenbeschreibung
Beim Ankleiden helfen die Pedelle. Sie tragen selbst historische Gewänder und führen bei der Eröffnung die Insignien des Rektors. Ihre frühere Aufgabe hatte mit akademischem Glanz allerdings wenig zu tun: Pedelle waren eine Mischung aus Gerichtsdienern und Hausmeistern. Sie setzten die Sperrstunde durch und trieben Studenten aus den Wirtshäusern.
Heute arbeiten sie als Mitarbeiter des Universitätsarchivs. Die Talare werden jedes Jahr zur Eröffnung des Akademischen Jahres getragen, außerdem beim Absolventenfest und bei den Promotionsfeiern der Fakultäten. Die Gewänder stammen dabei nicht unmittelbar aus dem 19. Jahrhundert. Sie werden regelmäßig erneuert, angepasst und ausgeb
