Christian Drosten wird Mercator-Professor 2026 der Universität Duisburg-Essen (UDE). Am Mittwoch, 25. November 2026, spricht der Virologe um 18 Uhr im Audimax R14 am Campus Essen über „Freiheit der Wissenschaft, Pflicht der Wissenschaft“. Der Vortrag ist öffentlich, wegen der begrenzten Plätze ist jedoch eine Anmeldung bis zum 16. November erforderlich.

Im Mittelpunkt stehen wissenschaftliche Fakten in politischen und öffentlichen Debatten. Drosten will darüber sprechen, was passiert, wenn Forschungsergebnisse unpräzise oder verkürzt dargestellt werden – und wie dadurch das Vertrauen in gesellschaftliche und staatliche Institutionen leiden kann. Zur Freiheit der Wissenschaft gehört für ihn auch die Pflicht, korrekte Informationen zu vermitteln und Falsches zu korrigieren.

Ein Name mit Duisburger Geschichte

UDE-Rektorin Barbara Albert erklärt, der Name Mercator stehe für wissenschaftliche Offenheit. Die Professur erinnert an Gerhard Mercator, den Duisburger Kartographen und Universalgelehrten des 16. Jahrhunderts. Zur Zeit der Inquisition kam Mercator von Leuven nach Duisburg ins religiös tolerante Herzogtum Kleve.

Die Mercator-Professur wurde 1997 eingerichtet, um Mercators wissenschaftliches Vermächtnis zu bewahren. Vergeben wird sie an Persönlichkeiten, die das öffentliche Leben prägen und gesellschaftliche Debatten bereichern. Ihre bisherigen Inhaberinnen und Inhaber stammen aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Auf der Liste stehen unter anderem die Bundespräsidenten a. D. Joachim Gauck und Richard von Weizsäcker, Bundesaußenminister a. D. Hans-Dietrich Genscher, die Filmregisseure Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, der Journalist Ulrich Wickert, die Soziologin Necla Kelek, der Publizist Peter Scholl-Latour und die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Dazu kommen der Bundesverfassungsrichter a. D. Udo di Fabio, der Unternehmer Götz W. Werner, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Wolfgang Huber, Kardinal Karl Lehmann, langjähriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der Politikwissenschaftler Alfred Grosser, die Tiefseeforscherin Antje Boetius, der Klimaökonom Ottmar Edenhofer sowie die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Virologe, Erklärer, Pandemie-Berater

Drosten leitet seit 2017 das Institut für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Zuvor stand er zehn Jahre lang an der Spitze des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Sein Forschungsgebiet sind RNA-Viren, insbesondere Coronaviren.

Während der COVID-19-Pandemie gehörte Drosten dem ExpertInnenrat der Bundesregierung an. Von Dezember 2021 bis zur Auflösung des Gremiums im April 2023 war er Mitglied des Corona-Expertenrats. 2021 wurde er außerdem in den Sachverständigenausschuss zur Evaluation der Corona-Maßnahmen nach § 5 Absatz 9 Infektionsschutzgesetz berufen; Ende April 2022 schied er auf eigenen Wunsch aus diesem Ausschuss aus. Seit 2024 ist Drosten Mitglied im Expertenrat Gesundheit und Resilienz.

Bekannt wurde seine Stimme für viele Menschen vor allem durch den NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Seit dem 26. Februar 2020 erläuterte er dort den Stand der Forschung, ordnete neue Entwicklungen ein und benannte offene Fragen. Im März 2020 betonte Drosten, er sei nur einer von vielen Wissenschaftlern, die die Bundesregierung berieten; die zentrale Rolle liege beim Robert Koch-Institut. Mit der Bundesregierung habe er insbesondere nicht über die Notwendigkeit von Maßnahmen wie einer Ausgangssperre gesprochen. Am 16. April 2020 sagte er im Podcast, bereits seit mehreren Wochen nicht mehr in die Politikberatung eingebunden zu sein.

Seine Forschungsgruppe war maßgeblich an der Entwicklung des weltweit ersten Diagnostiktests für SARS-CoV-2 beteiligt. Das erstmals im Dezember 2019 aufgetretene Coronavirus wurde Mitte Januar 2020 mit einem frei zugänglich veröffentlichten Test diagnostizierbar. Die Forschungsergebnisse wurden anschließend publiziert. Das sequenzierte Virusgenom war den Forschern zunächst nur durch Online-Übermittlungen bekannt und lag ihnen nicht physisch vor – ein bemerkenswerter Start unter enormem Zeitdruck.

Zwischen Warnung und Widerspruch

Die Fälle beim Unternehmen Webasto beendeten für Drosten rückblickend am 27. Januar 2020 die Ungewissheit über eine mögliche Pandemie. Einen Tag später forderte er Deutschland auf, sich gedanklich von der Eindämmung einzelner importierter Fälle auf eine mögliche Pandemie umzustellen und die Pandemiepläne hervorzuholen.

Im Mai 2020 erklärte Drosten, es gebe klare Belege dafür, dass SARS-CoV-2 nicht aus einem Labor in Wuhan entwichen sein könne. Ein wichtiges Oberflächenprotein des Virus könne in Fledermäuse eindringen; das sei seiner Einschätzung nach nur bei einer natürlichen Entstehung des Virus möglich. Damit widersprach er Luc Montagnier, der Hinweise auf einen Ursprung des Virus in einem Labor sah.

Während der Pandemie beriet Drosten Politik und Behörden und erhielt hohe mediale Aufmerksamkeit. Er unterzeichnete einen Brief von 100 Ärzten, Pflegekräften und Gesundheitsexperten, die ein stärkeres Vorgehen gegen Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie forderten. Außerdem ist er Mitunterzeichner des John Snow Memorandums, das bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs den Schutz aller Bevölkerungsgruppen fordert.

Offene Daten, öffentliche Debatten

Drosten setzt sich für die transparente Verbreitung wissenschaftlicher Daten ein und veröffentlicht unter anderem in frei zugänglichen Fachzeitschriften wie „Eurosurveillance“. Im Rahmen von Open Science stellte er eine Studie zunächst auf dem Server seiner Universität bereit und bat Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen um eine öffentliche Diskussion in einem Open-Peer-Review-Verfahren.

Für Forschung und Wissenschaftskommunikation erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und den Communicator-Sonderpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbands. Drosten ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Auch politisch blieb seine Rolle nicht auf Beratung beschränkt: Im Dezember 2021 nominierte Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin Drosten als Mitglied der 17. Bundesversammlung. Dadurch nahm er an der Wahl des Bundespräsidenten teil.

Medienvertreter:innen können am 25. November von 16:15 bis 16:55 Uhr an einem Pressegespräch mit Drosten am Campus Essen teilnehmen. Die Anmeldung läuft über presse@uni-due.de. Der öffentliche Vortrag beginnt anschließend um 18 Uhr im Audimax R14 – mit einem Titel, der für einen Wissenschaftler wie Drosten kaum passender gewählt sein könnte.