Investitionsgipfel an der ESMT: Deutschland wirbt mit KI, Industrie und 800 Milliarden Euro Potenzial
Am 20. Oktober 2026 ist die ESMT Berlin Schauplatz des ersten deutschen Investitionsgipfels. Bundeskanzler Friedrich Merz hat rund 200 internationale Unternehmenschefs eingeladen, um für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu werben. Der Auftakt verzögerte sich allerdings: Lange Sicherheitskontrollen sorgten für einen verspäteten Beginn.
Merz setzte auf klassische deutsche Tugenden – Fleiß, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Erfindergeist. Dazu kommen aus seiner Sicht handfeste Standortvorteile: Deutschlands finanzielle Stabilität, das AAA-Rating als einziges G7-Industrieland, eine starke industrielle Basis, politische Stabilität sowie die Einbindung in die Europäische Union und deren Binnenmarkt.
Milliarden für Infrastruktur, Rüstung und künstliche Intelligenz
In den kommenden Jahren sollen 500 Milliarden Euro in die Infrastruktur fließen, außerdem jährlich 150 Milliarden Euro in die Rüstung. Zugleich kündigte der Kanzler an, Investitionshindernisse abzubauen, die Verwaltung zu beschleunigen und zu digitalisieren und Energie günstiger zu machen. Viel Stoff für Gespräche – und für sechs Ministerinnen und Minister, die in Workshops und Einzelgesprächen um Investitionen warben. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums wechselten die Gesprächspartner etwa alle 15 Minuten.
Finanzminister Lars Klingbeil brachte seine Botschaft ziemlich direkt auf den Punkt: „Ich will ihr Geld, lassen sie uns darüber reden.“ Wirtschaftsministerin Katherina Reiche warb dafür, KI-Sprachmodelle in die industrielle Produktion zu überführen. Deutschland habe hochqualifizierte Beschäftigte und einen innovativen Mittelstand. Bauministerin Verena Hubertz nahm Immobilien und Wohnungsbau in den Blick und kündigte ein Bundesgesetz zum Schutz und zur Absicherung von Investitionen an.
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing forderte mehr Zuversicht. Internationale Investoren sähen die Chancen Deutschlands oft positiver als deutsche Unternehmen selbst. Nvidia-Chef Jensen Huang sagte Deutschland eine enge Zusammenarbeit zu. Rund 10.000 Hochleistungs-Chips für KI-Anwendungen sollen im Rahmen der Vereinbarung für die deutsche Industrie bereitgestellt werden – damit KI in Maschinen, Fahrzeugen und Robotern eingesetzt werden kann.
Siemens-Chef Roland Busch bezeichnete industrielle KI als große Chance für hochwertige Arbeitsplätze und Wachstum. Deutschland könne von der Verbindung aus KI, deutscher Ingenieurskunst und industriellen Daten profitieren. Huang forderte deutsche Unternehmen auf, ihre über Jahrzehnte gesammelten Produkt- und Verfahrensdaten für das Training industrieller KI zu nutzen. Seine Warnung klang weniger diplomatisch: Deutschland erhalte bei der Einführung industrieller KI keine weitere Chance.
Erste Zusagen, aber noch keine großen Verträge
Der Satellitenhersteller Planet Labs produziert bereits in Berlin für den europäischen Markt. Geschäftsführer Will Marshall begründete die Standortwahl mit zuverlässigen und gut ausgebildeten Beschäftigten. Beim Gipfel selbst wurden zunächst keine umfassenden neuen Investitionsverträge geschlossen. Ziel war vor allem, Unternehmen zu Investitionen zu bewegen.
Einige Ankündigungen gab es dennoch am Rand des Treffens. Amazon will im Folgejahr 16 Milliarden Euro in deutsche Cloud- und KI-Infrastruktur investieren. Nvidia kündigte rund eine Milliarde Euro für deutsche KI-Datenzentren an. Die Bundesregierung sagte dafür Fördermittel in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro für gemeinsame Projekte zu.
Nach Angaben der Bundesbank investierten ausländische Unternehmen im Vorjahr 86 Milliarden Euro in Deutschland. Gegenüber 2024 habe sich die Summe nahezu verdoppelt. Merz erwartet bis 2030 weitere ausländische Direktinvestitionen von rund 800 Milliarden Euro in die deutsche Industrie.
Mehr Geld aus dem Ausland – aber mit neuer Landkarte
Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft auf Basis neuer Bundesbank-Daten kommt für 2025 ebenfalls auf rund 86 Milliarden Euro. Das waren 50 Prozent mehr als 2024. Nach dem Rückgang der Auslandsinvestitionen um fast 32 Prozent im Jahr 2024 stabilisierten sie sich damit wieder. Verglichen mit dem Median der Jahre 2015 bis 2024 lagen die Investitionen 2025 sogar fast 11 Prozent höher.
Zu den Direktinvestitionen zählen unter anderem Fusionen, Übernahmen und Unternehmensbeteiligungen. Dabei können auch Know-how und Technologie übertragen werden. Einzelne große Transaktionen können die Jahressumme allerdings stark beeinflussen – ein Umstand, der in der Milliardenrechnung leicht untergeht.
Die Herkunft des Geldes hat sich deutlich verschoben. US-Unternehmen investierten 2025 noch 11,8 Milliarden Euro, rund 44 Prozent weniger als 2024. Ihr Anteil an sämtlichen ausländischen Investitionen sank von über 36 Prozent auf etwa 14 Prozent. Aus dem Vereinigten Königreich kamen dagegen rund 26 Milliarden Euro, ein Anstieg um etwa 284 Prozent. Großbritannien stellte damit fast 31 Prozent der ausländischen Investitionen und lag vor den USA.
Chinesische Investitionen nahmen um rund 51 Prozent zu, erreichten aber nur 199 Millionen Euro. Ihr Anteil betrug damit 0,2 Prozent. Aus Chile und Saudi-Arabien stiegen die Investitionen jeweils um mehr als 40 Prozent.
Europäische Staaten blieben die wichtigsten Kapitalgeber. Die übrigen EU-Staaten investierten 2025 trotz eines Rückgangs um 2,7 Prozent rund 43 Milliarden Euro in Deutschland – gut 50 Prozent aller ausländischen Investitionen. Einschließlich des Vereinigten Königreichs stammten mehr als 80 Prozent aus Europa.
Was die Bundesbank in den Beständen sieht
Beim Blick auf die Bestände zum Jahresende 2024 gibt es nicht die eine Zahl. Je nach Betrachtung belief sich das Volumen ausländischer Direktinvestitionen in Deutschland auf 1.034 Milliarden Euro beim direkten inländischen Investitionsobjekt (IRSA) oder auf 739 Milliarden Euro bei der ersten operativen Einheit (URSA).
Der Unterschied liegt in den einbezogenen Bilanzen: IRSA berücksichtigt die Bilanz des direkten Investitionsobjekts. URSA schaut durch Holdinggesellschaften hindurch auf die Bilanzen der ersten operativen Unternehmen. Erfasst werden dabei nur erste operative Einheiten, an denen über abhängige Holdinggesellschaften eine Mehrheitsbeteiligung besteht. Indirekte Beteiligungen von insgesamt weniger als 50 Prozent bleiben außen vor.
Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hamburg führen die Länderstatistik an. Zusammen entfallen auf sie 85 Prozent des Gesamtvolumens nach IRSA, nach URSA sind es 81 Prozent. Bei der Betrachtung der ersten operativen Einheit sinken die Direktinvestitionen in den meisten Bundesländern durchschnittlich um 23 Prozent. Zuwächse verzeichnen Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Thüringen und Sachsen – zwischen 1 und 37 Prozent.
In westlichen Bundesländern laufen Direktinvestitionen tendenziell stärker über inländische Holdinggesellschaften. In östlichen Bundesländern entfällt ein höherer Anteil des Anlagevolumens auf die ersten operativen Einheiten. Weil die Direktinvestitionsbeträge dort insgesamt geringer sind, beeinflusst dieser Unterschied den gesamtdeutschen Differenzbetrag allerdings nur geringfügig.
Holdingstandorte, Konzernspitzen und Chinas kleiner Anteil
Wer nur auf das Sitzland des direkten Beteiligungsgebers schaut, landet häufig bei den Niederlanden oder Luxemburg. Beide Länder dienen oft als Holdingstandorte zur Weiterleitung von Kapital. Die sogenannte Ultimate Investing Economy, kurz UIE, ordnet eine Investition dagegen dem Land der Konzernspitze zu, in dem die Entscheidungen letztlich getroffen werden. Dadurch verändert sich die regionale Verteilung der Kapitalgeber teilweise deutlich – und auch Deutschland erscheint in dieser Betrachtung als Ursprungsland.
Für Bestände der ersten operativen Unternehmen nach UIE liegen Daten seit 2011 vor. Von 2011 bis 2023 stiegen die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland nach dieser Methode um 80 Prozent: von etwa 400 Milliarden Euro auf über 700 Milliarden Euro. Neuinvestitionen, reinvestierte Gewinne, Marktpreiseffekte und Kredite trugen zum Anstieg bei; die einzelnen Länder und Regionen entwickelten sich dabei unterschiedlich.
Bei Investitionen mit chinesischer Konzernspitze lag das jährliche Wachstum in den ersten sieben Jahren des Betrachtungszeitraums zwischen etwa 25 und 55 Prozent. Ab 2018 verlangsamte es sich deutlich. Das Ausgangsniveau von rund einer Milliarde Euro im Jahr 2011 war niedrig, weshalb zusätzliche Investitionen zunächst hohe Wachstumsraten erzeugten. Bis Ende 2017 stiegen die chinesischen Investitionsbestände in Deutschland auf knapp sieben Milliarden Euro, bis zum Ende des Beobachtungszeitraums auf rund neun Milliarden Euro.
China investierte seit Beginn der 2010er-Jahre verstärkt in ausländische Schlüsseltechnologien. Trotz einer nahezu Verzehnfachung seit 2011 machten chinesische Investitionen Ende 2023 aber nur etwa ein Prozent der gesamten ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland aus.</p
