Tankrabatt: Rund 160 Millionen Euro landeten nicht bei den Verbrauchern
An der Universität Bremen liegt eine neue Untersuchung zum Tankrabatt aus Mai und Juni vor. Johannes Paha hat geprüft, wie viel der staatlichen Entlastung tatsächlich bei Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie bei Unternehmen ankam. Das Ergebnis: Rund 90 Prozent wurden an den Tankstellen weitergegeben.
Mindestens zehn Prozent blieben dagegen innerhalb der Wertschöpfungskette der Mineralölindustrie. Für den Staat bedeutete der Rabatt einen Verzicht auf Steuereinnahmen von insgesamt etwa 1,6 Milliarden Euro. Rund 160 Millionen Euro davon kamen laut Paha nicht bei Pendlern und Unternehmen an, sondern führten vor allem zu höheren Gewinnen der Mineralölunternehmen.
Beim Diesel blieb mehr Geld hängen
Deutlicher zeigt sich der Unterschied beim Blick auf die Kraftstoffsorten. Der Dieselrabatt betrug 17 Cent je Liter, bei den Kundinnen und Kunden kamen davon gut 12 Cent an. Beim Benzin wurden zwischen 15 und 16 Cent je Liter weitergegeben. Das Münchner ifo Institut kommt in einer eigenen Berechnung, die Preise bis einschließlich 25. Juni betrachtet, auf ein ähnliches Bild: durchschnittlich 12 Cent beim Diesel, obwohl die Energiesteuer um 16,7 Cent je Liter gesenkt worden war.
Bei Super E5 und Super E10 wurden laut ifo 17 beziehungsweise 16 Cent je Liter weitergegeben. Damit sei die Steuersenkung bei Superbenzin nahezu vollständig an die Autofahrer weitergereicht worden. Für die Untersuchung verglich das Institut deutsche Spritpreise mit denen in Frankreich. So sollten gewöhnliche Preisbewegungen – etwa wegen sinkender Ölpreise – vom eigentlichen Effekt des Tankrabatts getrennt werden.
Dass vor allem die Tankstellen selbst an den zusätzlichen Einnahmen verdient hätten, nehmen die Wissenschaftler nicht an. Ihre Gewinnmargen seien generell gering, besonders dort, wo starker Wettbewerb herrscht. Den größten Teil der zusätzlichen Gewinne hätten vermutlich Mineralölkonzerne und Raffineriebetreiber erzielt. Paha hält es deshalb für wichtig, die Mineralölindustrie durch die zuständigen Stellen weiter zu beobachten.
Einfach umzusetzen, aber sozial nicht zielgenau
Wirtschaftlich bewertet Paha den Tankrabatt kritisch: Ein erheblicher Teil der staatlichen Entlastung kam nicht bei Bürgern und Unternehmen an. Politisch war die Maßnahme dagegen vorteilhaft, weil sie sich leicht umsetzen ließ und den Handlungswillen der Regierung sichtbar machte. Das ist schnell spürbar – an der Zapfsäule sowieso –, aber nicht unbedingt gerecht verteilt.
Menschen mit großen, verbrauchsintensiven Autos wurden stärker entlastet als Kleinwagenfahrer. Ob die Empfänger finanziell bedürftig waren, spielte keine Rolle. Wer ein größeres Auto fährt, hat möglicherweise sogar häufiger ein höheres Einkommen als jemand mit einem Kleinwagen. Als kurzfristig sinnvollere Lösung nennt Paha direkte Zahlungen an Verbraucher. Langfristig müsse die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern sinken.
Nach dem Auslaufen des Tankrabatts Anfang Juli erwartete das ifo Institut wieder steigende Kraftstoffpreise. Wie es danach weitergeht, hängt vom Ölpreis ab. Zuletzt war dieser gesunken, wodurch auch die Preise an den Tankstellen zurückgingen. Sollte es zu einer Einigung zwischen den USA und dem Iran kommen, könnten sich die Kraftstoffpreise unabhängig davon wieder normalisieren.
Die ifo-Ökonomen bewerteten das Ende des Tankrabatts als richtig. Die Maßnahme habe 1,6 Milliarden Euro gekostet, und wegen der unvollständigen Weitergabe beim Diesel sei ein Teil des Geldes bei den Mineralölkonzernen geblieben. Die Ergebnisse widersprechen früheren Angaben des Mineralölwirtschaftsverbands en2x, wonach der Steuerrabatt vollständig weitergegeben worden sei. Auch die Monopolkommission war in einer rund zwei Wochen zuvor veröffentlichten Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, dass der Rabatt nicht vollständig bei den Verbrauchern ankam.
Streit im Bundestag über neue Entlastungen
Die Debatte ist inzwischen wieder politisch aufgeladen. Der Bundestag sprach am Mittwoch, 15. April 2026, in einer von Bündnis 90/Die Grünen beantragten Aktuellen Stunde über mögliche zusätzliche Gewinne der Mineralölkonzerne und Entlastungen angesichts gestiegener Preise infolge des Irankriegs.
Michael Kellner von den Grünen warf der Bundesregierung vor, Fehler der Ampelregierung zu wiederholen. Vom Tankrabatt 2022 hätten auch Menschen profitiert, die keine staatliche Unterstützung gebraucht hätten. Kellner kritisierte, Tillmann Kuban habe zunächst vor einem Tankrabatt gewarnt und führe ihn nun ein. Stattdessen schlug er ein Tempolimit und die Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets vor.
Andreas Lenz von der CDU/CSU erklärte, der Staat zeige Handlungsfähigkeit. Das seit Anfang April geltende Kraftstoffmaßnahmenpaket werde durch eine Energiesteuersenkung ergänzt. Benzin und Diesel sollten dadurch an der Zapfsäule um 17 Cent beziehungsweise etwa 10 Euro pro Tankfüllung günstiger werden. Die Bundesregierung wolle sicherstellen, dass die Entlastung bei den Verbrauchern ankommt.
Matthias Hiller verwies auf flankierende kartellrechtliche Maßnahmen, die es beim Tankrabatt von 2022 nicht gegeben habe. Das Kartellamt solle künftig besser prüfen können, ob sinkende Rohstoffpreise weitergegeben werden. Geplant seien eine verbesserte Datenerhebung und Kontrollen entlang der Lieferkette. Zugleich sagte Hiller, der Staat könne nicht jede Krise lösen und solle nur bei besonderen Problemen eingreifen.
Steffen Kotré von der AfD bezweifelte, dass das Bundeskartellamt in der aktuellen Krise angemessen reagieren könne. Er forderte die Abschaffung der CO₂-Steuer, eine Senkung der Mehrwertsteuer, die Streichung der verbliebenen Energiesteuer auf Benzin sowie ein sofortiges Ende der EU-Sanktionen gegen Russland. Die Bundesregierung müsse in einer außergewöhnlichen Krise auch unabhängig von der EU eigene Maßnahmen ergreifen können, sagte Kotré.
Für die SPD bezeichnete Frauke Heiligenstadt den geplanten Tankrabatt als schnelle und spürbare Entlastung für Menschen, die für den Arbeitsweg auf ein Auto angewiesen seien. Mobilität sei keine Luxusfrage. Sie verwies auf eine Untersuchung des Ifo-Instituts, wonach die Energiesteuersenkung 2022 tatsächlich an Verbraucher weitergegeben worden sei. Eine Steuersenkung allein reiche dennoch nicht; zusätzlich müsse über Markteingriffe gesprochen werden.
Heiligenstadt forderte entsprechend der europäischen Beschlusslage eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne. Diese sei mit dem europäischen Recht vereinbar und erforderlich. Janine Wissler von der Linken unterstützte die Forderung. Sie verwies auf Greenpeace-Berechnungen, nach denen Mineralölkonzerne derzeit täglich 21 Millionen Euro Gewinn erzielten. Wissler kritisierte Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, weil sie diese Entwicklung ihrer Darstellung nach zuließen.
Als weitere Rednerinnen und Redner waren Abgeordnete von Bundestagsfraktionen sowie die Bundestagsvizepräsidentinnen Josephine Ortleb und Andrea Lindholz aufgeführt. Währenddessen bleibt an der Bremer Uni vor allem eine nüchterne Zahl hängen: Zwölf Cent beim Diesel – und die Frage, wo die übrigen Cent eigentlich geblieben sind.
