An der Universität Kassel geht es um nichts Kleines: Öl und Gas verlieren ihre alte Selbstverständlichkeit, während Lithium, Kobalt, Kupfer, Graphit, Mangan und Seltene Erden zu Schlüsselrohstoffen einer neuen Wirtschaftsordnung werden. Hans-Jürgen Burchardt spricht von einem „epochalen Umbruch“. Er werde Wirtschaft, Politik, Alltag und Lebensweise verändern.

Burchardt leitet das im Oktober gegründete Käte-Hamburger-Kolleg „Rohstoffwelten – Kulturen im Umbruch“. Dafür sind zunächst sieben Millionen Euro für vier Jahre bewilligt. Zweimal kann die Förderung in gleicher Größenordnung verlängert werden; über zwölf Jahre könnten so bis zu 21 Millionen Euro zusammenkommen. Jährlich sollen bis zu zehn internationale Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nach Kassel kommen.

Das fossile Zeitalter läuft aus

Die Dekarbonisierung hat begonnen, sagt Burchardt. Solar- und Windenergie seien aus ökonomischen Gründen inzwischen deutlich günstiger als Öl und Gas. Gleichzeitig steuert die Welt laut einem neuen UN-Bericht auf mindestens 2,8 Grad Erwärmung zu. Europa erwärme sich besonders stark; in diesem Jahr habe es 16.000 Hitzetote gegeben.

Für den Wechsel zu erneuerbaren Energien fehlen vor allem bessere Batterien, ausreichende Speicherkapazitäten und eine leistungsfähige Ladeinfrastruktur. Burchardt hält die Politik für nicht konsequent genug. Statt nachhaltige Infrastruktur auszubauen, seien Milliarden etwa für den Tankrabatt ausgegeben worden. Mit diesem Geld hätte sich beispielsweise die Ladeinfrastruktur für Elektro-Lkw deutlich ausbauen lassen.

China ist bei erneuerbaren Energien und den zugehörigen Technologien vorangegangen. Auch Windkraft, Solarenergie und Geothermie böten große Möglichkeiten. Der Strom aus windreichen Regionen im Norden muss allerdings in den Süden transportiert werden – und dafür fehlt teilweise die nötige Infrastruktur.

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Deutschland sei bei Windkraftanlagen und zeitweise auch bei Batterien gut aufgestellt gewesen, sagt Burchardt. Durch geringere Förderung seien Wettbewerbsvorteile verloren gegangen; wichtige Entwicklungen wanderten nach China ab. Ähnliche Nachteile drohten in weiteren Bereichen, etwa in der Automobilindustrie. Mehr Investitionen in Forschung und Infrastruktur seien nötig. Deutschlands Stärke sieht Burchardt vor allem in seiner Ingenieurskompetenz und in der Verarbeitung von Rohstoffen, nicht nur im Zugang zu Lagerstätten.

Lithium, Kobalt und die neue Geopolitik

Die Elektrifizierung treibt den Rohstoffbedarf nach oben: Kupfer wird für Windturbinen, Energieinfrastruktur und Stromnetze benötigt, Lithium ist ein zentraler Bestandteil von Batterien, Kobalt wird unter anderem für Speichertechnologien verwendet. Die größten Lithiumvorkommen liegen im Lithium-Dreieck zwischen Bolivien, Argentinien und Chile. Diese Staaten könnten langfristig eine ähnliche geopolitische Bedeutung erlangen wie heutige Energieexporteure am Golf.

Auch Kuba ist neben der Demokratischen Republik Kongo für die Kobaltversorgung von Interesse. Der globale Wettbewerb um kritische Mineralien hat sich 2026 verschärft. Lithium, Kobalt, Seltene Erden, Graphit und Mangan sind nicht nur für die Energiewende wichtig, sondern auch für digitale Infrastruktur und Verteidigung. Ihr Angebot konzentriert sich auf wenige Produzenten – mit Folgen für geopolitische Allianzen, Industriepolitik und nationale Sicherheitsstrategien.

China kontrolliert laut einer Anfang 2026 veröffentlichten Analyse rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung Seltener Erden, 80 Prozent der Wolframverarbeitung und 60 Prozent der Antimonverarbeitung. Der chinesische 15. Fünfjahresplan vom März 2026 nennt den Erhalt von Wettbewerbsvorteilen bei Seltenen Erden, Seltenerdmetallen und superharten Materialien als Ziel.

Für 2035 werden China mehr als 60 Prozent der Verarbeitung von raffiniertem Lithium und Kobalt zugerechnet, etwa 80 Prozent bei batteriefähigem Graphit und Seltenen Erden sowie rund 70 Prozent bei batteriefähigem Mangan. Exportkontrollen in den Jahren 2025 und 2026 haben Lieferketten bereits verändert: Einschränkungen bei Samarium, Dysprosium und Terbium ließen Preise bis auf das Sechsfache steigen. Die Genehmigungsquote für europäische Unternehmen sank auf unter 25 Prozent.

Mehr als 80 Prozent der europäischen Unternehmen aus Verteidigung, Elektrofahrzeugbau und erneuerbaren Energien hängen von chinesischen Lieferketten ab. Chinesische Exportbeschränkungen werden als zeitlich begrenzt und reversibel beschrieben – ein Mittel, um Preismacht zu sichern und Investitionen in alternative Lieferketten zu erschweren. Die EU bezog 2023 sogar 98 Prozent ihres Bedarfs an Seltenen Erden aus China.

Im Lithium-Dreieck geht es derweil nicht nur um geopolitische Planspiele. Der Abbau kann erhebliche Umweltbelastungen und soziale Schäden verursachen. Proteste indigener Gruppen seien ernst zu nehmen, sagt Burchardt. 2019 scheiterte ein Projekt eines baden-württembergischen Unternehmens in Bolivien nach lokalen Protesten gegen Umweltschäden.

In der Demokratischen Republik Kongo werden 73 Prozent des weltweiten Kobalts produziert. In den handwerklichen Kobaltminen arbeiten mehr als 40.000 Kinder; hinzu kommen Umwelt- und Arbeitsrechtsprobleme. Simbabwe verfügt über Afrikas größte Lithiumvorkommen. Chinesische Unternehmen investierten zwischen 2022 und 2025 zwölf Milliarden US-Dollar in Afrika und kontrollieren rund 60 Prozent der industriellen Kobaltproduktion der Demokratischen Republik Kongo.

Washington, Brüssel – und ein Wettlauf gegen die Zeit

Die USA versuchen, ihre Abhängigkeiten neu zu ordnen. Im Februar 2026 kamen in Washington beim Critical Minerals Ministerial Vertreter aus 54 Ländern und der EU-Kommission zusammen. Unter Leitung von Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident JD Vance wurden elf bilaterale Rahmenwerke geschlossen, unter anderem mit Argentinien, Marokko und den Philippinen.

Die USA gründeten außerdem FORGE, das „Forum on Resource Geostrategic Engagement“. Die Koalition löst die Minerals Security Partnership ab und soll eine bevorzugte Handels- und Investitionszone für kritische Mineralien schaffen. Geplant sind koordinierte Preisuntergrenzen beziehungsweise Referenzpreise für jede Produktionsstufe. Südkorea führt bis Juni 2026 den Vorsitz.

Mehr als 30 Milliarden US-Dollar an Krediten und Investitionen wurden mobilisiert. Präsident Trump kündigte Project Vault an, eine zehn Milliarden US-Dollar umfassende EXIM-Initiative für eine nationale strategische Mineralienreserve. Die Pax-Silica-Initiative stellt 250 Millionen US-Dollar für widerstandsfähigere Halbleiterlieferketten bereit.

Der von den USA unterstützte Lobito-Korridor soll die chinesische Logistikdominanz in Afrika verringern. Die Finanzierung beträgt 2,6 Milliarden US-Dollar; bis März 2026 waren 71 Prozent der Strecke fertiggestellt. Ob die von FORGE geplanten Preisuntergrenzen wirken, ist allerdings ungewiss. Eine koordinierte Marktsteuerung könnte kartellähnliche, OPEC-ähnliche Strukturen bei kritischen Mineralien begünstigen.

Die EU reagiert mit dem Critical Raw Materials Act von Mai 2024 und dem ReSourceEU-Aktionsplan von 2026. ReSourceEU soll bis zu drei Milliarden Euro für die Sicherung kritischer Rohstoffe bereitstellen. Am 4. März 2026 verabschiedeten die Mitgliedstaaten ein Verhandlungsmandat zur Überarbeitung der entsprechenden Verordnung. Vorgesehen sind die Identifizierung großer, besonders relevanter Unternehmen, Risikominderungsmaßnahmen, beschleunigte Genehmigungsverfahren und ein Europäisches Zentrum für kritische Rohstoffe nach dem Vorbild der japanischen JOGMEC.

Die Europäische Investitionsbank stellt 250 Millionen Euro für Vulcan Energy und dessen Lithiumprojekt in Deutschland bereit. Greenland Resources soll bei der Erschließung von Molybdän unterstützt werden. Für Schrott-Permanentmagnete und Aluminium sind neue Exportbeschränkungen vorgesehen. Ab September 2026 soll die Ausfuhr von Lithium-Ionen-Batterieabfällen in Nicht-OECD-Länder verboten werden.

Der Aufbau unabhängiger Verarbeitungskapazitäten könnte dennoch 20 bis 30 Jahre dauern. Experten sehen für westliche Staaten ein Zeitfenster von zwölf bis 18 Monaten für entschlossenes Handeln. Risiken bleiben die Angebotskonzentration, starke Preisschwankungen, geopolitisch eingesetzte Exportkontrollen, Umwelt- und Arbeitsrechtsverstöße sowie die langen Vorlaufzeiten alternativer Lieferketten.

Sarah Chen vom Center for Strategic and International Studies warnt, das Zeitfenster für den Aufbau alternativer Lieferketten schließe sich schnell. China habe jahrzehntelang in Verarbeitung investiert. Potenzial sieht Chen in fortschrittlichem Recycling und rückgewinnungsbasierten Technologien. Michael Torres, CEO eines großen